Sex Prisoner – Cautionary Tale
Ob der unerwarteten Wiedersehensfreude fällt es beinahe weniger ins Gewicht, dass Cautionary Tale eine dezente Enttäuschung darstellt: Zehn Jahre nach Debüt Album Tannhäuser Gate haben Sex Prisoner endlich die Zeit für ein zweites Studioalbum gefunden!
Dass angestammte Powerviolence der Band aus Arizona dem Beatdown Hardcore mehr Raum als bisher gibt, wurde bei der loyal ausharrenden Fan-Basis als kontroverse Entscheidung angenommen.
Was schon nachvollziehbar sein mag. Wenn Cautionary Tale deswegen ein Problem haben mag, liegt dieses aber im Songwriting an sich: All die Genre-bewussten Tempowechsel dominieren die Kompositionen und geißeln sie geradezu dogmatisch, und die diesbezügliche Radikalität ist wichtiger, als das sich einzelne Ideen prägnant entwickeln könnten.
Was auf aggressive Weise dennoch runtergeht wie Öl, absolut wütenden Spaß macht, und angesichts des grundlegenden Niveaus auch weiterhin seine Klasse hat. Doch bleibt im sludgiger gewordenen Sound und der gedrosselten Geschwindigkeit diesmal einfach weniger konkretes hängen und Cautionary Tale verschwimmt gerade gerade hinten raus in einem bisweilen indifferenten Strom der Brutalität, einer fiesen Melasse aus forcierten Peitschenhieben.
(Zumal man auflockernde Exkurse wie [beispielsweise Lullaby] vor zehn Jahren vergeblich sucht. Der Closer Feelin‘ Low Dow bleibt insofern auch ein im rahmen bleibendes [leeres] Versprechen, indem Sex Prisoner den Standard-MO ausnahmsweise fast halluzinogen mit Reverb und Soundschleifen experimentieren lassen.)
Was nun freilich alles negativer klingen mag, als es tatsächlich ist, und Jammern auf hohem Niveau darstellt: Primär der Umstand, dass das fabelhafte Tannhäuser Gate als Messlatte noch besser war, macht Cautionary Tale zumindest auf den Erstkontakt zugegeben das Leben schwer.
Doch vor allem in der ersten Hälfte der 19 minütigen Spielzeit, wenn die Wahrnehmung noch offen für Reize ist, und die Platte mit ihrer Gewalt nicht nicht in den Boden gekloppt hat, sprinten die Machtdemonstrationen über die Linie.
Judgement wird etwa zäh und schleppend von seinen grindigen Blast-Ausbrüchen malträtiert, The Last Thing springt wie Jokes on You punkig vom rasenden Gaspedal zur Vollbremsung, von ballernden Attacken zum Slo-Mo, derweil Falling Down seine Groove-Tendenzen stärker betont. Das Titelstück ist vom Noise und methordischeren Metal infiziert, Los Cardinals hofiert kurz das sludgige Feedback und Glass Worms schiebt seine Riffwälle mit stoischer Grimmigkeit – beinahe triumphal!
Das selektiv betrachtet oft zu knapp gehaltene, in Summe jedoch paradoxerweise etwas zu lang geratene Cautionary Tale strotzt so vor Energie und Kraft, vor Attitüde und Präsenz, treibt an und hat eine Intensität, die einfach Feuer unter dem Hintern macht. Von einer dezenten Enttäuschung zu reden, ist insofern bitte absolut relativ zu verstehen.


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