Sigur Rós – Route One

von am 30. April 2018 in Soundtrack

Sigur Rós – Route One

Für den Record Store Day 2018 legen Sigur Ròs den komprimierten Soundtrack ihres „Slow TV“-Ambient-Experimentes Route One noch einmal in limitierter physischer Version auf. Griffiger oder fokussierter wird der traumwandelnde Trip dadurch freilich nicht.

2016 übertrugen Sigur Ròs am längsten Tag des Jahres live via Youtube ihre Befahrung der 1332 km langen isländischen Ringstraße. Als Score zur 24 ständigen Reise diente dabei eine mittels Software zur endlosen Variation mutierte Aufarbeitung von Ovedur.
Die „besten“ 40 Minuten dieser Reise destillierte die Band letztendlich für das Tonträgerformat: Auf hundert individuell designte Stück limitiert erschien Route One bereits Ende 2017 am hauseigen kurratierten Norður og Niður Festival – logischerweise eine viel zu geringe Stückzahl, um all die Sammler unter den Sigur Ròs-Fans zu bedienen.
Weniger heiß begehrt wird nun jedoch auch die zweite Auflage der Platte kaum werden: 1000 Stück gibt es diesmal zum Record Store Day, hinter den liebsten Artworkentwürfen von Sigga Björks Originalarbeiten. Zu vernünftigen Preisen ist Route One physisch folgerichtig auch längst nur noch digital zu erstehen – was dann auch einmal mehr die verdammenswerte Crux des einst durchaus lobenswerten Vinyl-Feiertages aufzeigt.

Unabhängig davon führt für Fans kaum ein Weg an (dem anhand von acht nahtslos ineinander übergehenden, dem Koordinatensystem folgenden Tracks zusammengefassten) Road One vorbei, auch wenn die versammelten 40 Minuten selbstverständlich eher Liebhaberprojekt als essentieller Discografiebestandteil sind.
Weitestgehend ohne Jónsis patentierten Elfengesang (der so erst als verschobenes Loop-Sample im finalen 65o38’27.9″N 20o16’56.9″W auftaucht) hat die Software aus den Bestandteilen von Ovedur einen kontemplativ fließenden, vollkommen strukturbefreit und ätherisch aufgehenden Ambientscore inszeniert, der seiner unkonventionellen Form etwaige Spannungsbögen ebenso entzieht, wie wiederkehrende Muster, direkte Spannungen oder griffiger Reibungspunkte. Hängen bleibt insofern wenig, auch kann das Destillat nicht die Sogwirkung wirklich großer Genre-Werke erzeugen – dafür ist auch die relativ kompakte Spielzeit zu limitiert, der emotionale Auslauf für das Kopfkino zu wenig weitläufig. Ein hypnotischer Reiz mit herrlich entschleunigtem Déjà-vu-Charakter steht also über jeder tatsächlich fesselnden Faszination.

Dennoch hat das seinen Reiz. Auch, weil der verfremdete Trademarksound der Band durchaus erkennbar bleibt. Da abstrahiert das vorhandene Ausgangsmaterial mal wie in 64o08’43.3″N 21o55’38.8″W zur repetitiven Trance und schimmert dann im folgenden 64o46’34.1″N 14o02’55.8″W doch wieder als wärmende Drone-Landschaft, die seine Ursprünge in der Melodik nicht auseinander dividiert und ein bisschen wie die Klanglandschaften eines Jon Hopkins anmuten: Auch Sigur Ròs gelingt es mühelos, mit elektronischer Verfremdung und Digitalisierung immer noch ein mystisches Element in ihrem Score zu beschwören, der nicht greifbare Charakter ihrer Musik schiebt sich deutlicher als in den vergangenen Jahren üblich vor die physische Präsenz.
Das angenehm mäandernde Route One funktioniert als entrückter Soundtrack deswegen auch primär auf ästhetischer Ebene, verzaubert als atmosphärischer Begleiter, um sich in den subtil variierten Klangflächen und -Schichten zu verlieren, führt nirgendwo hin und erklärt dezidiert den Weg zum Ziel.

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