Sunn O))) And Ulver – Terrestrials

von am 16. Februar 2014 in Album

Sunn O))) And Ulver – Terrestrials

Die kooperationsbegeisterten Drone-Päpste Sunn O))) und die kaum mehr auszurechnenden Experimental-Grenzgänger von Ulver stemmen die prolongierte Elefantenhochzeit souverän bis grandios: mit drei Ambientteppichen über 36 Minuten im treibenden Wellengang von Doomjazz und zum greifen dichter Atmosphärearbeit in assoziativen Sphären.

Am überraschendsten an der Kooperation der beiden Szenegiganten ist wahrscheinlich die Tatsache, dass ‚Terrestrials‚ ungemein angenehm zu konsumieren ist: Sunn O))) und Ulver kommen ohne exzessiv zur Schau gestellte Härtemomente aus, bomben das Trommelfell nicht mit malenden Lautstärkeexplosionen oder dem Black Metal als mutmaßlich Neigungsverbindendes Element aus, sondern haben viel eher eine erstaunlich ruhige Gradwanderung vertont, die phasenweise sogar entfernte Gedanken an das ungebundene Spätwerk von Talk Talk hervorruft. ‚Terrestrials‚ bricht selten aus einer grundlegenden Unaufdringlichkeit aus und funktioniert niemals effekthascherisch – die Zuständigkeitsbereiche ihrer Urheber werden behutsam und absolut bestimmt miteinander verbunden. Eine Melange, mit leichten Dominierungsüberchuss seitens Ulver, während Sunn O))) dafür zuständig sind den Acker zur Verfügung zu stellen, auf denen die fließenden Klanggemälde ihre transzendentalen Wurzeln ins Unterbewusstsein sickern lassen können.

Let There Be Light‚ erhebt sich nur langsam, beginnt noch als behändes Abtasten, mit einem behutsamen, minimalistischen Glimmern aus den Verstärkertürmen, in das sich Trompetennebel ziehen, bevor sich Sunn O))) und Ulver vollends dem sinistren Mitternachtsjazz des Kilimanjaro Darkjazz Ensembles hingeben – und dabei genau genommen kein Territorium beschreiten, dass die von der Bildfläche verschwundenen (!) Niederländer nicht bereits vermessen haben. Offenkundige Spannungsbögen treten hier zuerst klar hinter die erzeugte Atmosphäre, beunruhigend und einnehmend. Absolut großartig ist das aber allerspätestens (und vor allem) ab dem Zeitpunkt, wenn nach 8 Minuten Drums in den Song rollen und ‚Let There be Light‚ zu einer potentiellen Militärhymne für Nationen wird, die eine Grazie am Rande des verzweifelten Untergangs finden zu versuchen: eine feierlich zelebrierte Apokalypse.
Western Horn‚ – mit seinen anschwellenden neuneinhalb Minuten der kürzeste, und letztendlich auch am wenigsten imposante Track – bewegt sich danach bis zu seinem Abebben im gedankenverloren Gitarrengeplänkel vordergründig im Drone-Hohheitsgebiet von Sunn O))), reiht seine vibrierende Wall of Sound malend in die Dunkelheit und wird zum meditativen Alptraumgrollen mit sparsamen Texturstrichen von Ulver dahinter – manch einer mag hier gar noch Spurenelemente vom letztjährigen Ensemble Pearl-Album finden.

Zur atemberaubenden Hochform laufen die beiden verbündeten Großmächte allerdings erst im finalen, knapp viertelstündig brütenden Geniestreich ‚Eternal Return‚ auf. Über einem unheilschwangeren Ambientsurren lassen Ulver das Rhodes Piano elegant schwelgen, streuen skizzierte Streicher ein: die ‚Messe I.X-VI.X‚ als Klangteich. Das könnte so ähnlich auch aus den entschleunigten Instrumenten von Bohren & der Club of Gore geschlichen sein. Die Norwegisch-amerikanische Partnerschaft erzeugt dazu eine rotweinschwangere Stimmung bei der jederzeit Mike Patton voller Schwermut schmachtend loscroonen könnte.
Passiert natürlich nicht. Aber nach annähernd 7 Minuten zünden Sunn O))) und die federführenden Ulver auch so die ultimative Intensitätsexplosion: plötzlich hängt da ein bedrückender Gesang im melancholischen Äther – ganz wunderbar und ohnedies viel zu selten am Mikro: Garm! -, das Klavier tröpfelt, und vor allem dieser unglaubliche Synthie mit klar greifbarer Melodieführung bringt die ständig atemloser werdende Dramatik im Hall förmlich zum bersten.

Ab diesem Zeitpunkt ist ‚Terrestrials‚ nicht mehr nur ein hypnotisches Miteinander, sondern die schier atemberaubende Schönheit im Monumentalen und Abgründigen, die den (angesichts der beteiligten Parteien entsprechend absurd hoch gesteckten) Erwartungshaltungen durchaus gerecht wird: weil Sunn O))) und Ulver sich hier zu Höchstleistungen pushen und die Kompositionsbausteine des jeweils anderen weitertreiben.
Da offenbart sich letztendlich natürlich auch, welches Potential diese Zusammenarbeit über dem ohnedies durchwegs hohen Niveau bei optimaler Ausschöpfung noch zusätzlich gehabt hätte und 36 Minuten scheinen auf einaml zu kurz. Doch selbst wenn sich das kongeniale Duo nicht permanent am künstlerischen Zenit der Möglichkeiten austobt untergräbt ‚Terrestrials‚ die gestellten Ansprüche nicht. Bereits jetzt wäre ein Dacapo hiervon (dieser „Aufwärmübung„) sogar ähnlich wünschenswert wie ein zweiter Durchgang von ‚Altar‚, dem epochalen Aufeinandertreffen von Sunn O))) mit Boris.

07

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  • Record Store Day 2014 - HeavyPop.at - […] wer ‘Messe I.X-VI.X‘  noch nicht im Plattenregal stehen hat oder als Hardcorefan der kollaborationswütigen Getaltenwandler Ulver respektive leidenschaftlicher Sammler…

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