Die Alben des Jahres: 40 bis 31

von am 28. Dezember 2013 in Featured, Jahrescharts 2013

Die Alben des Jahres: 40 bis 31

Nicht verpassen! | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 bis 01 | Die EP Top 15

Self Defense Family – Try Me40. Self Defense Family – ‚Try Me‘

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Eine Platte wie eine Zeitkapsel: inhaltlich in die wilden 60er, 70er und darüber hinaus, mit dem 40 minütigen Monolog von Ex-Pornostar Angelique Gauthier/ Jeanny Fine im hemmungslosen, zweiteiligen ‚Angelique‚ als Zentrum. Musikalisch vor allem in die späten 80er und frühen 90er, als Dischord Records Klassiker aus der DC-Szene am laufenden Band veröffentlichte. Zwischen Charakterköpfen wie Ian Svenious und Guy Picciotto wäre Self Defense Family-Chef Patrick Kindlon freilich auch nur zu gut aufgehoben gewesen – dass er den Full Lenght-Einstand seiner umbenannten Band nun auf dem Qualitätsgaranten Deathwish Inc. zu seiner elaborierten Therapiesitzung mit der sozialkritischen Lupe am Angelique Gauthier-Monolithen macht passt aber auch perfekt. Dem Label von Jacob Bannon hat ohnedies noch eine Band gefehlt, die klingt, als hätten Fucked Up sich kiloweise Downer geschmissen um Lungfish-Songs zu spielen. Und dem Post-Hardcore Jahr 2013 sind bis ‚Try Me‚ solche Perlen wie ‚Aletta‚, ‚Apport Birds‚ oder ‚Turn The Fan On‚ abgegangen. Dass diese Platte in dieser Liste gar nichts verloren hätte, ginge es rein nach physisch veröffentlichten Tonträgern, passt da nur zu gut ins eingebrödlerische Bild dieser musikalisch einzigartigen Großfamilie.

Mark Kozelek & Jimmy Lavalle - Perils from the Sea39. Mark Kozelek & Jimmy LaValle – ‚Perils from the Sea‘

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Beinahe jedes Jahr das selbe: Vielveröffentlicher Mark Kozelek hat unter eigenem Namen oder als Sun Kil Moon eine (oder mehrere) fabelhafte neue Platte(n) am Start, begeistert damit und reklamiert sein Abo für die Bestenlisten des Jahres. 2013 fällt da als besonders produktives Jahr nicht wirklich aus dem Rahmen, verschiebt aber das Prozedere, indem es den formvollendeten Songwriter Kozelek in erster Linie als kongenialen Kollaborateur zeigt. Ob nun die famose Zusammenarbeit mit Desertshore oder das ausgewählte ‚Perils from the Sea‚ das großartigere Album ist liegt da hart umkämpft im Auge des Betrachters, trotzem fällt die Zusammenarbeit mit The Album Leaf Chef Jimmy LaValle noch eine Spur mutiger aus: spartanische Digibeats und verträumte Synthiekonstrukte bilden den eleganten Elektro-Teppich auf dem Kozelek seine sezierenden Geschichten erzählt, sich als Sänger gar bis zum Horizont des Hip Hop entlangwagt (vgl.: ‚Gustavo‚). Nicht nur weil ‚Perils from the Sea‚ elfminütigen ‚Somehow The Wonder Of Life Prevails‚ aufhört wenns buchstäblich am schönsten ist: bitte so schnell als möglich mehr davon!

DC544_gatefold_OUT_201112 FIX238. Ensemble Pearl – ‚Ensemble Pearl‘

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Auf die Namen im Lineup der Supergroup Ensemble Pearl reduziert, hätte man die Erwartungshaltungen in das selbstbetitelte Debutalbum durchaus im lärmenden Bereich ansiedeln können: Drum-Pfau Atsuo von Boris, Ghost-Gitarrist Michio Kurihara und Bill Herzog, ehemals Bassist bei Jesse Sykes, unter der Federführung von Kuttenträger Stephen O’Malley, das hätte nicht unbedingt ein derart elegant schwebender, schwarzer Schleier, mehr Ambient als psychedelischer Drone werden müssen. Dabei ist die größte Referenz zumindest nach dem ersten Durchgang offensichtlich: die – damals absolut Sinn machende – Kollaboration von O’Malleys Standbein sunnO))) und den Japanern von Boris verbreitete im Jahr 2006 eine ähnliche Atmosphäre, wie es die Quasi-Wiedervereiningung aus diesem Jahr macht: Hymnen für ziemlich böse Länder, gespielt im Geiste des ätherischen Drone-Blues‘ der späten Earth und Om, verwebt von – dankenswerter Weise – angenehm zurückgenommenen, windspielartigen Schlagzeugspiel. Auch das sich O’Malleys Seitenprojekt mit Peter Rehberg, KTL, über die mittlerweile fünf regulären Alben voll experimenteller Elektonik-Landschaften immer weiter gesteigert hat ist unüberhörbar. Eine horizonterweiternde Platte, vielleicht die ‚Advaitic Songs‚ von 2013.

Cult of Luna - Vertikal37. Cult of Luna – ‚Vertikal‘

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Von Menschenhand errichtetes, monumentales, spielte thematisch nicht nur im Werk von Isis immer eine große Rolle, auch bei der Schwedischen Post-Metal-Bigband Cult of Luna wurde die Faszination dafür schon immer evident – das Artwork von ‚The Beyond‚ mit ‚The Watchtower‚, ‚Somwhere Along the Highway‚, ‚Eternal Kingdom‚, und nun ‚Vertikal‚, inspiriert von Fritz Lang’s legendärer Zukunftsvision ‚Metropolis‚ von 1927. Was sich sofort zeigt: beinahe zweigeteilt bewegt sich ‚Vertikal‚ über ausgedehnte, monotone Riffwalzen die Isis‚ Debut ‚Celestial‚ in Erinnerung rufen, und wenig von der Verspieltheit eines ‚Eternal Kingdom‚ mitbekommen haben, hin zu dystopischen Synthiewänden und kalten, elektrischen Landschaften à la ‚Blade Runner‚ und ‚The Terminator‚. Haufenweise Referenzen die da bemüht werden können, unterm Strich ist das beeindruckende an ‚Vertikal‚ (und in geringerem Maße der Nachgeburt in EP-Form ‚Vertikal II‚), wie mit den Erwartungshaltungen der Fangemeinde nicht nur gespielt, diese gar ausgehebelt wurde. Wahrscheinlich wäre nichts einfacher gewesen, die vorhergehenden Großtaten zu imitieren – eine Vorgehensweise der andere Vertreter des Genres bereits zum Opfer gefallen sind. Mit ‚Vertikal‚ ging man den schweren Weg, natürlich nicht ohne auf identitätsstiftende Trademarks zu verzichten, aber doch mit dem Risiko Teile der Hörerschaft durch die ambitionierte Progressivität zu verprellen. Ein Risiko das sich ausgezahlt hat.

Jungbluth - Part Ache36. Jungbluth – ‚Part Ache‘

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Jungbluth haben in nicht einmal eineinhalb Jahren geschafft womit im Sommer 2012 kaum jemand rechnen hätte können – die quälende Pause ins Ungewisse, die Alpinist vorübergehend einlegen, weitestgehend vergessen zu machen. Gerade einmal 45 Minuten Gesamtspielzeit haben Jungbluth dafür genügt, gerade einmal 15 Songs, um sich von den einleitenden Vorschusslorbeeren/Erwartungshaltungen über das ausgezeichnete selbstbetitelte Tape hinaufzuschwingen an die deutsche Speerspitze dessen, was zwischen Hardcore, Crust und Screamo unkaschiert Emotionen versprühen und die richtigen Botschaften vermitteln will. Der erste frühe Schaffenshöhepunkt ‚Part Ache‚ fühlt sich mit all seinen angepissten Brechern und räudigen Hymnen (was sonst ist ‚These Rare Moments‚ bitte?) dabei weniger als Debütalbum an, denn bereits als voll ausformuliertes, hochkonzentriert gespieltes und gezielt seine Wut ausspeiendes Anspannen der eigenen Stärken. Ginge dieser stürmische Erfolgslauf in dieser Tonart und Geschwindigkeit weiter wäre das nur insofern schade, weil Alpinist eben nicht in Vergessenheit geraten, sondern höchstens in den Hinterkopf gewandert sind. Dennoch: Here’s Your New Favourite Band!

The Knife – Shaking The Habitual35. The Knife – ‚Shaking The Habitual‘

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Das schwedische Geschwisterpaar Karin Dreijer Andersson und Olof Dreijer verzettelt sich knappe sieben Jahre nach ‚Silent Shout‚ mutmaßlich beim Versuch die futuristische Schnittstelle aus androgynem Electropop, hartem Techno und atmosphärischen Ambientlandschaften vorwegzunehmen, indem das schräge Duo alles richtig und gleichzeitig viel zu viel macht. Zwischen bahnbrechendem Genie und überambitionierten Klangbrocken lässt sich der Monolith ‚Shaking the Habitual‚ deswegen bis heute nicht eindeutig festmachen. Da bremst vor allem das minimalistische, 20 minütige Drone-Monstrum ‚Old Dreams Waiting To Be Realized‚ mitten im Album mehr als es Spannungsarbeit leistet und doch: ‚Shaking the Habitual‚ funktioniert als polarisierendes Album durchaus auch am Stück, nur malträtiert es den Geduldsfaden der Hörerschaft währenddessen oft geradezu genüsslich. Das ist eine hart zu erarbeitende Party, Kunst am Rande der Folter. Schnelleren Zugang bietet der selektive Genuss von schier perfekten Einzel- und Wahnsinnstaten wie dem pulsierenden Hardcoretanzflächenprügler ‚Full of Fire‚. Was in jedem Fall bleibt ist die Hoffnung sichere Ahnung es hier in Wirklichkeit mit einem Meister- und Gesamtkunstwerk zu tun zu haben, das seiner Zeit nur einfach meilenweit voraus ist.

Sigur Rós - Kveikur34. Sigur Rós – ‚Kveikur‘

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Ein Jahr nach dem für viele Fans enttäuschenden Atmosphäremeer ‚Valtari‚ und dem Ausstieg von Beinahe-Gründungsmitglied Kjartan „Kjarri“ Sveinsson gelingt dem verbliebenen isländischen Trio mit der Trotzreaktion ‚Kveikur‚ ein beachtlicher Kraftakt: wieder einmal erfinden sich Sigur Ròs neu – selbst wenn die von ‚Bernistein‚ angekündigte Verwandlung zur sphärisch walzenden doom-inspirierten Metalband nicht stattfindet. Der schwer malende Rhythmus den Sigur Ròs sich auf ‚Kveikur‚ über weite Strecken der Platte jedoch prägend zu eigen gemacht haben entfaltet aber vor allem in Kombination mit den gewohnt weiten, traumhaft schönen Melodiebögen eine ureigene und unvergleichliche Faszination, eine bisweilen schier magische Anziehungskraft. Wo ‚Valtari‚ vieles zu unverbindlich auf hohem Niveau bewerkstelligt hat, knallt ‚Kveikur‚ ohne Brutalittät drei Ausrufezeichen hinter sein Befinden, stampft auf wenn es nötig ist. Zu Sigur Rós Songs wurden bereits Kinder entbunden, feenhafte Feste gefeiert und hemmungslose Läufe über Sommerwiesen hin zur strahlenden Sonne unternommen – die neun Songs ihres siebenten Studioalbums erlauben es jedoch erstmals auch in der Dunkelheit zu brüten und die Fäuste zu ballen.

Nails - Abandon All Life33. Nails – ‚Abandon All Life‘

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Ein Sekundenbruchteil von Feedback leitet die Hassbombe des Jahres ein. Über 18 Minuten entladen Nails aus Kalifornien alles was sich so seit ihrem nicht minder vernichtenden Debut ‚Unsilent Death‚ angestaut hat – trotz der Zerstörungskraft eines Wirbelsturm aus Grind, Hardcore, Black Metal und Powerviolence mit der Präzision eines schmutzigen Skalpelles. Dabei wird gekonnt zwischen Komplexität und straighten Hieben aufs Maul balanciert, was durch die Kombination von sehr freundlicher Laufzeit und dem Talent Converges‚ Kurt Ballou, jedem der Projekte das er unter seine Fittiche nimmt, den richtigen Sound aufzudrücken, nicht nur eine kurzweilige, sondern immer wieder interessante Angelegenheit macht. ‚Abandon All Life‚ dient wie wenige Platten der letzten Jahre der physischen wie psychischen Katharsis gleichermaßen – entzweigeteilt und abgeschlossen von immerhin insgesamt neun Minuten anhaltenden Doom’n’Roll-Implosionen, wie sie auch Converge in ihren besinnlichen Momenten noch nicht besser hinbekommen haben. Trotz all der verbrannten Erde vielleicht eine der intelligentesten Metal-Veröffentlichungen des Jahres, sicherlich aber die angepissteste.

And So I Watch You From Afar - All Hail Bright Futures32. And So I Watch You From Afar – ‚All Hail Bright Futures‘

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The sun is in our Eyes“ singen die Nordiren und meinen damit: die Sonne scheint ‚All Hail Bright Futures‚ sprichwörtlich überall heraus. Für nicht wenige Langzeitfans der Math-infizierten und Postrock-geschulten (Jetzt-Nicht-Mehr-)Instrumentalband mit dem ausschweifenden Namen sind And So I Watch You From Afar mit ihrem dritten Studioalbum dann auch schlichtweg übers Ziel hinausgeschossen. Und zugegeben: ‚All Hail Bright Futures‚ ist ein polarisierender Endorphin-Vorschlaghammer sondergleichen, pure und unkaschierte in technisch virtuose Musikalität gegegossene Euphorie, ohne Wenn und Aber. Have Fun or Die Trying, quasi – , Super Happy Songs for Happy People. Im falschen Moment mag das wirken wie ein unkontrollierter ADHS-Sturm aus filigranen Fingerpickings und harten Metalriffs, hymnischen Chören und Kalypsomomenten, Schlagzeugachterbahnen und Acapella-Loopings – im richtigen ist das aber genauso geil und abgefahren wie das anhand der Zutaten nur möglich ist. Mindestens! Eine „Ganz oder gar nicht„-Platte am absoluten Limit.

Raum - Event of Your Leaving31. Raum – ‚Event of Your Leaving‘

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Die Königin außerweltlich und gleichzeitg lebendig begraben klingenden Drone-Songwritings, Liz Harris, kombiniert mit einer der fleißigsten Persönlichkeiten der – ebenfalls dröhnenden – modernen Shoegaze-Szene, dem gerne mit dem Noise liebäugelnden Tarentel-Gitarrist Jefre Cantu-Ledesma, das ist vielleicht schon so obskur, dass man sich eigentlich keine Gedanken zu machen braucht, wie das im Endeffekt zusammenpasst. Generell zeigt Liz Harris immer wieder, dass alles was sie anfässt Hand und Fuß hat (und sei es das selbstproklamierte Popprojekt Helen, das gut als raumfahrende Velvet Underground Tribute-Band durchgehen könnte), so auch – nomen est omen – Raum. Nun ist der Stempel den Harris dem bereits zwei Jahre laufenden Projekt aufdrückt wie bei Allem abseits von Grouper ein Großer, speziell zu Beginn hat man den Eindruck es mit einer neuen Veröffentlichung des Haupwerkes zu tun zu haben, wären da nicht die gelegentlichen Lichtdurchlässigen Perforierungen, die Cantu-Ledesma in Harris‘ Wall of Sound sticht, und den dichten Mantras damit wichtiger Weise so etwas wie Raum (Wortspiel beabsichtigt) gibt. Gegen Ende machen diese vereinzelten Strahlen Platz für eine deutlich gedrücktere Grundstimmung, das prominentere Weiße Rauschen wird nur noch gelegentlich – aber umso wirksamer – von sanft eingestreuten Klaviertupfern aufgelockert. Die betrübte Grundstimmung Groupers wird Raum wie schon das um vieles konventioneller ausgefallene Projekt Mirrorring selbstverständlich nie ganz los, die neue Klangdimension die sich für Liz Harris durch kompetente Mitmusiker eröffnet darf jedoch als mehr als nur interessant bezeichnet werden. Für Leute die sich gerne runterziehen lassen zum Beispiel als essentiell.

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