Sunn O))) – Life Metal

von am 1. Mai 2019 in Album

Sunn O))) – Life Metal

Sunn O))) haben sich selbst zum zwanzigjährigen Jubiläum die Zusammenarbeit mit Steve Albini geschenkt. Und ihrer Drone-Gefolgschaft daraus resultierend nun Life Metal – ihre beste Platte seit einem Jahrzehnt.

Ein relativ zu verstehendes Urteil. Immerhin waren Greg Anderson und Stephen O’Malley in der vergangenen Dekade – Monoliths & Dimensions ist mittlerweile schließlich tatsächlich bereits bald zehn Jahre her! – nicht gerade gut zur Diskografie ihres Flaggschiffs. Denn so überzeugend die Kooperationsalben Terrestrials (mit Ulver) und Soused (mit Scott Walker) in dieser Zeit auch waren, so ernüchternd fiel das 2015er-Sparprogramm Kannon aus, während unzählige durchwachsene Livealben und digitale Bonustrack-Versionen das Verhältnis aus Quantität und Qualität im Hause Sunn O))) aus der Balance zu bringen drohten.
Dieses Verhältnis will Life Metal mit seinem geradezu absurd anmutenden, letztendlich aber augenzwinkernd am Inside-Joke bedingten Statement-Titel wieder gerade rücken und positioniert sich deswegen als gefühlt erste wirklich vollwertige Veröffentlichung des Frequenz-verbiegenden Duos aus Seattle seit Monoliths & Dimensions betont demonstrativ urgewaltig, aufsehenerregend.

Anderson und Stephen O’Malley erfinden ihren Sound dafür nicht neu, werfen aber dessen ganzes Gewicht in die Waagschale um die Essenz ihrer Existenz zu zelebrieren. Life Metal ist gewissermaßen Sunn O))) in Reinform, eine betont lebendiger und (wenn schon nicht ambitionierter, dann zumindest deutlich) inspirierter und ergiebiger aufblühende Momentaufnahme als zuletzt, deren farbenfrohes Artwort auf gewissen Ebenen durchaus zum aktuellen Status Quo der hier zelebrierten Trademarks passt.
Im typischen Verschieben der meditativen Minimalismus-Heavyness, im avantgardistischen Halten und Umschichten massiver Tonfolgen sowie dem Erzeugen der spirituellen Physis darf Life Metal insofern als Nabelschau mit offenen Perspektiven verstanden werden, und funktioniert – obgleich kein Kooperationsalbum – über weite Strecken wie eines.
Ohne Attila Csihar fühlen diesmal Bassist Tim Midyett und Moog-Dominator Tos Nieuwenhuizen das Klangbild gefühlvoll nuanciert auf, geben den Drones eine dichte Statur und reichhaltig gefüllte Textur. Elektronik-Bastler Anthony Pateras spielt seine Pfeifenorgel dazu in Troubled Air mit einer gleißenden Eleganz über ein hymnisch rumorendes Gitarrenmeer, bis sich das andächtige Spektrum einer beinahe hoffnungsvoll gelichteten Grandezza öffnet, eine beruhigend-erhebende Ruhe ausstrahlt, die mit sich selbst im Reinen ist. Die Feinheiten bleiben subtil und nebulös, vornehmlich auf unterbewusster Ebene spürbar.

Die nachdrücklichsten und aufsehenerregensten Momente aber entstehen insofern im Rahmen der Platte, wenn Anderson und O’Malley Platz für die isländische Cellistin Hildur Guðnadóttir machen, deren Fokus nach Diensten für Mùm oder Throbbing Gristle mittlerweile eigentlich auf ihrem Schaffen als Soundtrack-Komponistin liegt, die Sunn O))) nun aber die wohl kontrastreichsten Facetten des Life Metal verleiht.
Between Sleipnir’s Breaths lässt Odins Ross durchatmen und führt es geduldig durch die Kathedrale, schiebt vergleichsweise überraschend ein am sakralen Wehklagen angelehntes Motiv mit harmonischer Melodiefolge ein und lässt Guðnadóttir mit monotoner Rezitation in die transzendentalen Hypnose versetzen, die hinten raus entlang seiner übernatürlichen Gesten noch kontemplativer zu werden scheint. Ein überragender Start, den Life Metal in seinen insgesamt 70 Minuten so nicht mehr toppen wird können – oder wollen, geschweige denn müssen.
Dabei trumpft das dynamisch abschließende Novæ gerade in der zweiten Hälfte seiner knapp 26 minütigen Reise auf, wenn sich nach einem fiese angedeuteten Riff alle Mosaikteile rund um das dominante elektronische Cello zu gruppieren beginnen, bevor sich nach dem düster-beklemmenden Sinnieren in ambient wummernden Soundinstallationen, dem falschen Wiegen in versöhnlicher Sicherheit, noch einmal die pure Katharsis und Schönheit der Sunn O)))-Wucht über den Hörer stürzt, konsequent und hungrig.

Und natürlich ist hier und überall sonst auf Life Metal, mehr als alles andere, die Produktion das wohl charakteristischte Element der Platte, eine organische Frischzellenkur für die bisherige Arbeitsweise von Sunn O))). Näher dran am Live-Erlebnis klang die Band lange nicht direkter und impulsiver, wahrscheinlich generell niemals besser konserviert. Der ausnahmslos analog aufgenommene Sound ist fabelhaft und lebendig. Steve Albini hilft der dem Drone-Päpsten mit kantigem, monströsen Bassschattierungen und tektonischen Gitarren zurück in die Spur, stärkt den Kern der Bandkonstellation und lässt gleichzeitig die subversiven Ansätze von Melodie- und Riff-Ahnungen mehr Raum, um sich zu entfalten. Selbst relativ unspektakuläre, durch und durch am Standard ausgerichtete Flächen wie der (die Seele dennoch kurzweilig reinigende) Leerlauf Aurora entwickeln so eine bisher ungekannte Wärme und Nahbarkeit.
Die Platte bedient deswegen wohl auch ganz bewusst im „Songwriting“ erst einmal kaum Potential für Experimente, bleibt relativ konservativ bekannten Mustern verhaftet und ist eher eine (seine vier Monumentalbauten stets ein bisschen zu abrupt beendende) sich verortende Momentaufnahme in der greifbaren Umgebung dieser neuen atmosphärische Unmittelbarkeit und natürlichen Konzentration.
Etwaige Expansionen stehen dann ja eventuell mit dem in wenigen Monaten folgenden neunten Studioalbum Pyroclasts an. Weswegen Sunn O))) ihre Pflicht als wichtigste Band des Genres mit Life Metal auch betont unangestrengt und locker – weil endlich wieder die immensen Erwartungshaltungen stemmend – erfüllt haben. Ob da noch eine etwaige Kür ansteht, ist nach dieser den Augenblick in die Unendlichkeit ausdehnenden Fingerübung und Machtdemonstration eigentlich bereits egal.

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