Taylor Swift – Folklore

von am 29. Juli 2020 in Album

Taylor Swift – Folklore

Marktwirtschaftlich smart und dazu auch authentischer, als erwartet: Taylor Swift schmiegt sich auf Folklore hinter dem potentiellen Black Metal-Cover mit Szene-kredibiler Unterstützung erfolgreich in das Indie-Folk-Absatzgebiet.

Dass mit dem achten Studioalbum bisher nicht lukrierte Käuferschichten von (der aus dem Plastik-Country kommenden, Mitte des vergangenen Jahrzehnts aber als zuverlässige Mainstream-Pop-Konstante etablierten) Swift angesprochen werden sollen, ohne dabei das in der vergangenen Dekade versammelte Stammklientel zu verschrecken, ist schon nach der grandiosen Eingangsphase von Folklore klar: The 1 nimmt einen entspannten, am R&B des Synthpop geschulten Beat, ein weiches Piano und seine eingängige Melodie, um sich in die Gepflogenheiten des kammermusikalischen Indie zu betten, voller tröstendem Schönklang eines ruhigen Optimismus, bevor Cardigan praktisch die Symbiose aus den vorsichtig in Melancholie zerfließenden Klavier-Hintergrund-Balsamierungen der dreampoppigeren Augenblicke von I Am Easy to Find (2019) sowie der körperlos wehenden, schwelgend intonierenden Nostalgie des letztjährigen Kritiker-Lieblings Norman Fucking Rockwell im behutsamen Electroacoustic-Gewand anbietet.
Eine Melange also, der man so im weiteren Verlauf gerade im betörend aus Saiten und Tasten fließenden Seven, dem so subversiv-lebendig erblühenden Mad Woman oder dem zauberhaften Abspann Hoax übrigens wieder begegnen wird, und die diesbezüglich einen großen gemeinsamen Nenner für das Feuilleton findet, aber eben auch ein intimeres Publikum abseits der von Swift abonnierten Stadien anspricht.

Der vom Zeitgeist unterwanderte Indie-Wohlklang wagt also den Spagat, in seiner ruhigen Innensansicht den Raum zu geben, um angestammten Swift-Fans neue, demonstrativ tiefgründige Facetten der Sängerin anzubieten, während sich der Umsatz nun auch aus dem nächstniedrigeren Markt speisen wird. Den finanziellen Rest tragen jene Die Hard-Fans, die sich jedes der acht verschiedenen Plattencover ins Regal stellen wollen.
Ohne Risiko geht diese Rechnung dann auch deswegen gut auf, weil Folklore keine aggressive Expansion mit der Brechstange ist, keineswegs so kalkuliert anmutet, wie es der Fall sein könnte. Swift unterwandert das Indie-Business schließlich mit Unterstützern, die das Genre nicht nur automatisch in Schnappatmung versetzen, sondern dessen Tugenden auch mit Eleganz beherrschen. klug, geduldig, gefühlvoll und kompetent genug, dass es über weite Strecken egal ist, dass Folklore seinen Absichten letztendlich maßgeschneidert konzipiert nach dem Mund redet – weil dabei kaum ein Element der Platte nach Marketing oder seelenloser Kalkulation anhört, der Sound gerade in Verbindung mit Swifts Stimme und Texten durchaus authentisch funktioniert.

Folklore klingt insofern in etwa exakt so, wie man es von einer betont naturalistischen, introspektiven Platte der 30 Jährigen erwartet, die von Aaron Dessner und Jack Antonoff betreut wurde. Swift adaptiert die Grandezza der Lana Del Rey mit der Zurückhaltung von Werken wie Don’t Let the Ink Dry auf mindestens halben Weg zum allseits beliebten Konsens von The National wandernd, bevor Big Thief, Sufjan Stevens oder Angel Olson als naheliegende Referenz-Vorbilder endgültig in der breiten Wahrnehmung ankommen. Deswegen passt es auch nur zu gut, dass im ebenso einfühlsamen wie ein bisschen galligen Duett Exile Justin Vernon (als gemeinsame Bekanntschaft mit Kanye) vor einem vorhersehbar-typischen Bon Iver-Klimax so tief singt, als müsste er Matt Berninger ersetzen, der wohl während der Aufnahmen selbst mit seinem Solodebüt beschäftigt war.
Einer von vielen flüchtigen Ohrwürmern, der das eigentliche Problem des Albums zudem ausnahmsweise kaschiert, da die Ästhetik hier einmal nicht markanter als der musikalische Inhalt wiegt. Die Substanz von Folklore hat eine gefällige Qualität, sicher, die sich allerdings immer wieder damit begnügt, einen an der Oberfläche zwar enorm angenehm zu hörenden Wohlklang zu erzeugen, dahinter aber kaum emotional ergreifenden Tiefgang oder überwältigend unter die Haut gehende Konsequenz zu bieten.

Das liegt daran, dass eine gewisse Unausgegorenheit aus Form und Inhalt in manchen Fällen bestehen bleibt: Im Herzen und Songwriting haben wir es hier eben noch zumeist mit einer Pop-Geburt zu tun, die sich alleine aufgrund der stilistischen Gewandung als kontemplativ-entschleunigter Leisetreter (wie stellvertretend im einem Höhepunkt als Trugschluß entgegenschreitenden Illicit Affairs) stets nur für die Ahnung der potentiellen Intensität entscheiden darf; sich jedoch niemals mit jenem Bombast, Nachdruck oder der großen Gesten in ihre Szenen legt, die die Kompositionen an sich vorbereiten würden.
Gerade über die Dauer von streamingdienst-effizienten 16 Songs und 64 Minuten ist Folklore als Nabelschau so einfach viel zu ausführlich ausgefallen, plätschert immer wieder durch einigen geflogenen Leerlauf, den man destillieren hätte können und müssen, um nicht über die liebenswürdige Beiläufigkeit derart oft in den nebensächlichen Heimeligkeit abzudriften. Vor allem hinten raus enerviert diese Gleichfrömigkeit und der Mangel an Dynamik, wenn sich beinahe jede Nummer bereits wie ein Closer anfühlt – ohne aber jemals zum Punkt zu finden. Und natürlich kann man dieses berieselnde Ambiente des Albums zwar auch in diesen Momenten stets absolut zu schätzen wissen und genießen – aber dennoch auf einen wohlwollenden Durchzug an der Grenze zur Langeweile schalten, wenn außer den einprägsamen Gesangslinien (gerade instrumental) wenige nachhaltige Ideen abseits des allgemeinen MO hängen bleiben.

All dies verkauft die vorhandenen Qualitäten und feinen Momente ein wenig unter Wert, die sich aus (dem ohne tatsächlichen Ausfall auskommenden) Folklore sieben lassen, wo doch beinahe jeder Song absolut charismatische Facetten beschert, ohne magisch zu werden.
The Last Great American Dynasty ist einer dieser sanften Anachronismen, der ohne Druck wattiert für wenige Sekunden von Machines träumt, über seine Laufzeit von nicht einmal vier Minuten aber nach und nach alle Spannung ausblendet. My Tears Ricochet ist wunderbar sorgsam arrangiert und wächst aus dem gesanglichen Geflecht minimalistisch zur feingliedrigen Erhebung, während sich August scheinbar mühelos antaucht und This is Me Trying von seiner im Hall schwebenden Hook in bescheidenen Orchester-Arrangements lebt, drumherum aber keine Individualität erzeugt. Invisible String schippert friedlich, Epiphany wiegt im sakral-ätherischen Ambient, und Betty schattiert seine Eingängigkeit mit Nuancen des Country.
Hier lassen sich die Bäume aus dem Wald differenzieren, der Folklore im übertragenen Sinne geworden ist. Und wahrscheinlich wird man sich mit ein wenig Abstand auch einfach die Highlights selektiv im Gedanken (und eventuell auch: nahe am Herzen) behalten, wenn der Reiz des Gesamtwerks dahinter wohl bald ein wenig verblasst ist. Wenn die beteiligten Musiker und ihre anderweitigen Projekte noch von dem enormen Popularitätsschub dieser Platte zähren und die Karriere der um musikalische Paradigmenwechsel nicht scheue Taylor Swift interessant bleibt, während sich niemals leugnen lässt, dass Folklore so gänzlich ohne den Kontext um ihre Urheberin schlichtweg einen künstlerischen und kreativen Wert hat, der umso gravierender gewesen wäre, wenn dieses schöne, zu assoziativ  ausgelegte Album seine Konturen doch nur prägnanter pointiert hätte akzentuieren wollen.

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