The Mars Volta – Lucro sucio; Los ojos del vacio
Lucro Sucio; Los Ojos del Vacio wurde zwei Monate vor seiner offiziellen Ankündigung geleaked und dann auch noch, dem tatsächlichen Release vorwegeilend, vorab auf einer Tour mit den Deftones dem irritierten Publikum präsentiert – nur, um letztlich auf verhaltene Reaktionen zu stoßen und ohne Brimborium weitestgehend schnell wieder vergessen zu sein.
Die unkonventionellen Umstände seines Erscheinens bleiben per se prägnanter hängen, als das (je nach Zählweise) achte oder neunte Studioalbum von Omar Rodríguez-López und Cedric Bixler-Zavalarespektive ihren aktuellen Erfüllungsgehilfen – auf Platte diesmal unter anderen übrigens Session-Experte Josh Mireau, Neo-Schlagzeugerin Linda-Philomène Tsoungui oder John Frusciante als Engineer.
Dabei spiegelt Lucro Sucio; Los Ojos del Vacio diese ein ganzheitliches Bild ergebenden Episoden durchaus in seiner musikalischen Form wider: Man hangelt sich als Hörer entlang kleiner, erstaunlich infektiös aufblitzen Passagen durch die 50 Minuten, die wie potentiell begeisterndes, aber niemals ganz greifbar in Reichweite kommendes Treibgut in einem mysteriösen Meer auftauchen.
Reina tormenta hat da etwa diese wummernden Sub-Bässe und retrofuturistische Synths, die sich um griffige Melodien und Hooks schlängeln. Mictlán baut seine zweite Hälfte andächtig für das polternde Space-Schimmern auf, das The Iron Rose so catchy durchzieht.
Cue the Sun heult monströser als sinisteres Enigma und Voice in My Knives plätschert entspannt, vorsichtig und zart gehaucht in die Meditation. In Celaje groovt der Tieftöner zu rasselnden Drums und während Un disparo al vacío heult die Gitarre kurzzeitig beinahe rockig auf, wird aber dekonstruiert, bevor die verträumte, bittersüße Fantasie Morgana eines der direktesten Ohrwurm-Fragmente von Lucro Sucio; Los Ojos del Vacio darstellt.
Für sich alleine stehen, ausformuliert oder gar als strukturell konventionell angelegter Song will keine dieser Passagen verstanden werden: Lucro Sucio; Los Ojos del Vacio will als Summe seiner Teile funktionieren – und tut dies auch erstaunlich gut.
Drumherum hat die Band nämlich einen Organismus aus Jazz und Elektronik gesponnen, eine nahtlos verschweißte Verkettung aus mäandernden Einzel-Ideen und ganzheitlicher Eigenwilligkeit, aus fesselnder Rhythmik und psychedelisch im Hall aufgelösten Effekten über den Vocals und Bläsern. Der Reiz davon hat etwas Unergründliches, aber auch konstant anziehendes. Vor allem passiv konsumiert, zumal hinten raus die Dichte an herausragenden Szenen etwas abnimmt und die Collage abstrakter begleitet.
Womit der Reigen im weitesten Sinne zwar wiederzu einer Art eklektischen Art-Pop-Album wie das 2022er-Comeback tendiert, indem es den Weg ganzheitlicher weitergegangen ist, aber trotzdem zumindest ein paar der alten Fans eher mit dem eingeschlagenen Weg aussöhnen könnte. Dass Lucro Sucio; Los Ojos del Vacio – obwohl Que Dios te maldiga mi corazon und eben die Selbstbetitelte die Erwartungshaltung vielerorts markant nach unten geschraubt haben -, dennoch viel wohlwollender aufgenommen worden wäre, wenn es nicht als The Mars Volta veröffentlicht worden wäre, passt irgendwie zu einer Platte, die ihre Kämpfe gefühlt ständig abseits seiner eigentlichen Spielzeit austrägt.


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