The Mars Volta – Noctourniquet

von am 21. März 2012 in Album, Heavy Rotation

The Mars Volta – Noctourniquet

Nur für Ihr Deebütalbum haben sie länger gebraucht: Über drei Jahre lag das sechste The Mars Volta Album in der Warteschleife. „Future Punk“ versprach Cedric damals. ‚Noctourniquet‚ entlarvt ihn nur außerhalb des undefinierbaren Genreverständnis der Progmacht  als Lügner.

Future Punk also? Wohl Ansichtssache. Genausogut kann man in den Raum werfen, dass The Mars Volta ihr großes Popalbum aufgenommen haben. Ihr schwindelerregendes Rockalbum mit Stadion-Ambitionen. Ihr aus der Bahn geworfenes Wave-Experiment. Ihre gut getarnte Hitsammlung, den rhythmischen Synapsentanz in zugängliche Bahnen gelenkt. ‚Noctourniquet‚ ist eine Exkursion in die Zugänglichkeit und die wahrscheinlich größtmögliche Annäherung an das herkömmliche Songformat, dass für Bixler-Zavala und Rodriguez-Lopez bisher zulässig war. Weil das kreative Zentrum hinter der Grammy-Band mittlerweile tatsächlich zu einem Kreativ-Duo geworden ist und nicht länger die vollkommen unkarschierte Ich-AG von Banddiktator und Akkordveröffentlicher Rodriguez-Lopez. Die längste Pause zwischen zwei The Mars Volta Alben ist deswegen auch nur am Rande Bestandaufnahme der Übersättigung ihrer Plattenfirma, viel eher jedoch Ausdruck der neuen Demokratie innerhalb der Bandstrukturen: Gemeinsam mit  ‚Octahedron‚ aufgenommen musste ‚Noctourniquet‚ Jahre, mehrere Zerwürfnisse und Umbesetzungen  auf die Texte von Bixler-Zavala warten, weil dieser sich erstmals weigerte seine Arbeit im selben Rhythmus abzuschließen wie Gitarrendirektor Omar.

Doch was lange währt, währt endlich gut: Wer sich nach ‚Deloused in the Comatorium‚ des öfteren gewünscht hatte, The Mars Volta mögen doch wieder etwas mehr Zeit in ihre gerne ausgefransten Progmonster investieren, wird sich nun bestätigt fühlen, auch wenn vordergründig Neo-Scientologe Cedric die gewonnene Zeit in Anspruch nahm. Bixler hat den erstrittenen, verlängerten Reifungsprozess optimal genutzt, wetzt sein High End Organ facettenreich und gefühlvoll wie schon lange nicht durch die eventuell eingängigsten Melodieachterbahnen der The Mars Volta Geschichte. Da holpert das durch kruden Jazz stolpernde Vorabgeschenk ‚The Malkin Jewel‚ durch orientalische Nebelschwaden in die Psychedelik, Cedric haucht sich bis hin zur strammen Kampfansage durch alle Nuancen seiner Stimme, ringt sich gar neue Schokoladenseiten ab und kündigte gleich mal an, wie wichtig diesmal vor allem die nachvollziehbaren Refrains in den weitestgehend klar strukturierten Songs werden würden. Mag die vorangeschickte erste Single auch – wenn überhaupt – nur für die ruhigere zweite Albumhälfte symptomatisch herhalten können, war schon nach diesen nicht einmal fünf Minuten klar: The Mars Volta haben sich wieder einmal ein Stück weit neu erfunden. Wie groß dieses Stück ist, überrascht dann erstmals doch.

Das eröffnende ‚The Whip Hand‚ irritiert mit vertrackten Schlagzeugspiel, neben der Spur pumpende Rhytmen, im Chorus sind tatsächlich fett surrende Industrial-Synthies und hämmernde Beats platziert. Die Gitarrenfraktion tritt zurück, die Landmine Cedric kann jederzeit hochgehen. ‚Noctourniquet‚ lebt nicht von dem durchgedrehten Saitengewichse zu dem Omar fähig wäre, sondern gefällt sich als an allen Enden mit kristallisierenden Synthies zugeparktes Experimentalwerk, dass seine Fühler vor allem in den Pop ausweitet. Wo früher fünf Songs zusammenknallten, dürfen sich nun verquere Harmonien ausbreiten. The Mars Volta sind nur noch auf den ersten Blick verkopft, auf den fünften eine astreine Hitmaschine geworden – dass dem einen oder anderen Song die sich wiederholenden Hookline weniger nicht geschadet hätte, war nach den Vorgängern selbst dann nicht zu erwarten, wenn man die ohnedies nie melodiefeindliche Gesinnung der Band immer schon erkannte.
So aber mutieren das tief treibende, oberflächlich hektisch pulsierende ‚Aegis‚ geheimnisvoll in einen Arenamodus, das fulminant pirschende ‚Vedamalady‚ wird nicht nur aufgrund seines relativ konventionell strukturierten Aufbaus zum untypischen Killertrack. Das zur polierten Tetris Melodie abgehende ‚Zed And Two Naughts‚ schwingt sich zum letzten Mal gen Ohrwurmangriff auf, kokettiert mit den zahlreichen Ruhepolen der Platte. ‚Trinkets Pale of Moon‚ ist reiner Schönklang mit Schieflage in die Dunkelheit, ‚Empty Vessels Make The Loudest Sound‚ spannt mit gefühlvoll perlenden Gitarren den Bogen zurück zu ‚Eriatarka‘, die Synthies lassen sich kaum blicken, das Schlagzeug zieht einen vibrierenden Hall nach sich.

Es sind dies neben der gesteigerten Eingängigkeit tatsächlich die markantesten Punkte von ‚Noctourniquet‚: das omnipräsente Synthesizerspiel von Omars Bruder Marcel, der Ikey Owens souliges Orgelspiel durch zackigen Irrsinn ersetzt und die stets irritierend hart neben der Spur gebastelten Rhythmen. Deantoni Parks ist hinter den Fellen kein Bonzo-Nachfolger wie John Theodore und auch kein Duracell Hässchen mit Atom Batterie wie Thomas Pridgen, spielt aber die mitunter markantesten Beats der Bandgeschichte, verstört wohl akzentuiert und prägt ein Album, das so unhaltbar schräg geraten ist, darüber hinaus jedoch in erster Linie catchy wie nichts davor.
Man höre nur: ‚Dyslexicon‚ hat diese hektisch flirrende Synthies, das Schlagzeug hetzt unnachgiebig und synoptisch, alles muss erst zueinander finden, sucht einen übermächtigen Chorus und mündet in einer alles erschlagenden Bridge. Dass The Mars Volta ausgerechnet mit dem Titelstück den einzigen wirklichen Ausfall kurz vor Ende bringen, kann man verkraften, haben sie doch mit dem an ein anderes Progmeisterwerk gemahnende ‚In Abentia‘ ein sich von Teilpassage zu Teilpassage hangeltes Monstrum an Bord, das abseits der zahlreichen Hits hier zum größten The Mars Volta Song seit mindestens vier Jahren wächst.

Unter der eigenwilligen Hitdichte ist es natürlich erstaunlich, das ausgerechnet das angekündigte Gegenstück zu ‚The Bedlam in Goliath‚, die proklamierte Wiedergutmachung für das zu Unrecht gescholtene Ausatmen ‚Octahedron‚ letztendlich zu dessen erweiterten Arm avanciert. Unmittelbar nach dem streitbarsten Album der Discographie aufgenommen, macht ‚Noctourniquet‚ dort weiter, wo The Mars Volta aufgehört haben und letztendlich all das richtig, was man schon auf dem Vorgänger erreichen  wollte. ‚Noctourniquet‚ verankert sich zwischen ‚The Bedlam in Goliath‚ und ‚Octahedron‚, lässt den egozentrischen Omar-Wahnsinn nur in geregelten Bahnen zu und wäre ohne das 2009er Werk wohl nicht möglich gewesen.
Vor Jahren meinte Omar, ihn würde nur noch der Gedanke reizen, schnörkellose Popnummern zu schreiben. ‚Noctourniquet‚ gelingt dies im Ansatz, weil Cedric die Emanzipation aus dem Schatten heraus erlaubt wird. Dies ist Bixlers großer Moment, sein Album, damit aber vor allem mehr Gruppenarbeit denn Einzelleistung, The Mars Volta machen den ersten Schritt zur Band-Band. Und plötzlich ist die Ausgangslage spannend wie seit den Anfangstagen nicht mehr.

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