The Smashing Pumpkins – Atum: A Rock Opera in Three Acts (Act I)

von am 24. November 2022 in Album

The Smashing Pumpkins – Atum: A Rock Opera in Three Acts (Act I)

Das in drei Tranchen veröffentlichte Atum: A Rock Opera in Three Acts ist als zwölftes Studioalbum der Smashing Pumpkins der offizielle Nachfolger von Mellon Collie and the Infinite Sadness sowie Machina/The Machines of God.

Der Protagonist der beiden Vorgängeralben (Zero bzw. nachdem er die Stimme Gottes vernahm: Glass) ist älter geworden, nennt sich mittlerweile Shiny, und wandert als Projektionsfläche und prolongierter roter Faden der drei Platten durch die von Corgan erdachte konzeptionelle Welt, wie der 55 jährige die Verortung der Handlung erläutert: „…one foot in reality and one foot in a made up world… It’s based on a lot of autobiographical things. But there’s lots of things that are things I’m just interested in exploring that don’t necessarily have anything to do with me.
Dieser zugrundeliegende, für Vermarktungszwecke unermüdlich hinausposaunte, sich aber alleine von der Musik her zu keiner Sekunde offenbahrende Sequel-Gedanke (weil zumindest Act I wie der direkt weitergehende Synthpop-Albtraum von Cyr anmutet und weder stilistisch noch ästhetisch Anknüpfungspunkte zu Mellon Collie oder Machina bietet) ist natürlich eine Bürde für Atum. Mehr noch, eine – angesichts der ikonischen Qualitäten der Alben von 1995 und 2000 – mit der Erwartungshaltung konkurrieren müssende Ausgangslage an deren, seinen wir uns angesichts der grundlegenden Form der Pumpkins in ihrem zweiten Leben ehrlich, unerreichbaren Qualitätslatten Corgan praktisch sowieso nur scheitern konnte.
Dass der Zapanao aus seiner Ambition dann noch auch noch ein erschlagendes Triple-Album gemacht hat, trägt jedoch konsequent zur Pointe auf Kosten von Atum selbst bei: zumindest die ersten elf Songs des zwölften Langspielers der, nun ja, Band verheben sich ganz ungeachtet der prolongierten Fortsetzungsgeschichten-Historie und sind ganz für sich stehend der dezidierte bisherige Tiefpunkt der Bandgeschichte – sogar relativ mühelos noch weitaus schlechter, als das vorab eben ohnedies zu befürchten war.

Mit kitschigen Käse-Synthies und einer aufdringlichen Produktion fühlt sich Atum Act I weder nach einer Band- noch Pumpkins-Platte an, hat als kleisternde Kitsch-Pop-Elektronik wenig mit Rock zu tun.
Das grundlegende Problem ist aber, dass das Songwriting in dieser Ausrichtung ein paradoxes Shit-Bingo miteinander zu spielen scheint: Wo schafft Corgan es, seine Kompositionen gleichzeitig komplett zerfahren so zu inszenieren, dass sie wie mit Selbstsabotage-Tritt auf der Bremse niemals ins Gang kommen, dabei aber trotzdem die komplette Spielzeit über gefühlt ohne jede Entwicklung komplett gleichförmig dahinlaufen? Wo bastelt er notdürftige Offenbarungseide von ziellosen Strophen um leidlich spannende Refrains und wo bleibt abseits der galligen Inszenierung ohnedies nichts hängen, obwohl Corgan seinen Gesang möglichst penetrant im Mix betont? Wo schafft Part 1 es, seine Ideen und Hooks bis zum nervend-übersättigenden Erbrechen zu wiederholen und letztendlich trotzdem komplett abrupt den Stecker zu ziehen? Wo kann man die paar alibihaften Gitarren (meist in Form knödeliger Soli) als redundante Facetten uninspirierter kosmetische Akzente hineinzwängen, und wo wird Jimmy Chamberlin wie eine komplett seelenlose Drummachine eingesetzt, die keinerlei Inspiration, Kraft oder Freude zeigt (Spoiler: in wirklich allen Songs. Am schockierendsten aber wahrscheinlich im Closer The Gold Mask, wo ein Tanzflächen-Beat so monoton auftritt, als würde er selbst gleich vor lauter Banalität einpennen)?

Und trotzdem hält sich die Frustration darüber in Grenzen, dass Atum Act I selbst mit der zweckoptimistischen Fanbrille betrachtet aus jeder zumindest im Ansatz Potential zeigenden Idee am Ende doch nur ein Schaulaufen scheissegaler Banalitäten macht, das selbst ohne die Synth-Sülze nicht einmal in Greifweite des Niveaus der C-Seiten von Mellon Collie und Machina käme, weil man eher wie bei einem grotesken Unfall kaum den Blick abwenden kann, um zu bestaunen, wie die (zugegebenermaßen doch irgendwo relativ kurzweiligen) 40 Minuten in die geschmacklose Katastrophe tingeln.
Da darf man dem Opener und Titelstück mit seiner schmalzigen Ethno-Tastatur, verhaltenen Chören und Solo-Gniedelein am episch gemeint heulenden Solo durchaus auf die Fahnen schreiben, ambitioniert Stimmung machen zu wollen – weiß man allerdings, was auf diesen Einstieg folgt, ist der bemühte Pseudo-Bombast aber freilich als auslaugend-egales Mäandeern entlarvt. Butterfly Suite findet als Hybrid aus seine Bratgitarren willkürlich zeigender Stadionrock und Elektro-Pop mit weiblichen Stimmen (Katie Cole und Sierra Swan) ausgeschmückt zwar nicht zum Punkt, geht im Kontext aber tatsächlich okay, bevor das seine Hook am Ende bis zum Erbrechen wiederholende The Good in Goodbye desorientiert kaum packt und dann auch noch demonstriert, dass das Sequencing der Platte nur eine schaumgebremste Dynamik entwickelt.

Das balladeske Embracer plätschert als retrofuturistischer Ladebildschirm gefällig und eingängig, zieht sich jedoch wie Kaugummi, was so auch für die eindimensional stampfende Highway-Bagatelle Beyond the Vale (mit durchaus gelungenen weiblichen Backing-Arrangements) gilt – einer der rockiger ausgelegten Nummern. With Ado I Do will den ambienten Dreampop-Baukasten im Chorus ebenfalls ein bisschen kantigere Konturen verpassen, begleitet selbst dabei aber bestenfalls unverbindlich und wirft wie die komplett ignorierbare Bagatelle Steps in Time eine der elementaren Fragen auf: wie kann ein Album nur derart leidenschaftslos keinerlei Intensität erzeugen?
Hooligan zeigt endlich mal wirklich hängen bleibende Ho-Oh, oh-oh, oh-oh oh-oks, liebäugelt auch mit etwas mehr Saft auf den Gitarren, entscheidet sich dann aber für die immer gleiche vertändelte Leier, und auch der Clusterfuck Where Rain Must Fall hätte einen catchy Refrain, übersättigt allerdings mehr noch in seiner behäbigen Repetition.
Mit welchem Ernst Corgan diese Rohrkrepierer aufbietet hat dann durchaus etwas bemitleidenswertes – bis die Grenzen des guten Geschmacks dann plötzlich soweit überschritten werden, dass es dem Einzelunterhalter im Selbstparodie-Modus durchaus bewusst zu sein scheint, welchen Schrott er da seinen Anhängern (zu teils absurden Preisen) zumutet: Hooray! ist grausam pumpender Uf-Zack-Dancefloor aus dem Spielzeug-Keyboard, kompositorisch so fassungslos machend banal und idiotisch, zumal der betont schwachsinnige Text den Zustand der Pumpkins nicht ironisch konterkariert, sondern nur verstärkt. Als wäre Corgan ein im Fernsehgarten schunkelnder Kirmes-Hochzeits-Entertainer, der keinerlei Spaß macht, sondern einfach nur unangenehm und peinlich ist. Keine guten Voraussetzungen für die beiden noch folgenden Teile des Projekts jedenfalls, da kann man dem mittlerweiligen Missverständnis, das einst eine der prägensten Bands des Planeten war, noch weiterhin so irrational wohlwollend gesonnen bleiben.


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