Thou & Emma Ruth Rundle – The Helm of Sorrow

von am 8. Januar 2021 in EP

Thou & Emma Ruth Rundle – The Helm of Sorrow

The Helm of Sorrow legt in anderer Auslage dort nach, wo Emma Ruth Rundle und Thou ihre jeweiligen Kompetenzen auf May Our Chambers Be Full bereits nahe der Perfektion fusioniert haben.

Im Grunde konnte man dem Highlight-Langspieler aus dem Jahr 2020 eigentlich nur vorwerfen, dass er mit 36 Minuten Spielzeit zu kurz geraten war, dem Album etwas substantielles zur puren Erschöpfung seines Potentials fehlte. Dabei mangelte es den beiden Parteien im Zusammenschluss eigentlich nicht an Material – um das zu wissen genügte ein Blick auf das Roadburn Set: Drei der sieben seinerzeit bereits gespielten Songs haben es gar nicht auf May Our Chambers Be Full geschafft.
Letzte Überlegungen, ob da also noch etwas kommen würde, wurden praktisch auch schon im Ansatz von Produzent James Whitten und Gitarrist Andy Gibbs getilgt, als diese während der Pre-Order-Phase keinen Hehl daraus machten, dass die Special Edition des Albums selbst noch ein paar Schmankerl auf Lager haben sollte.
Einige Wochen später hat man längst Gewissheit: Mit The Helm of Sorrow legen Thou und Rundle eine knapp zweiundzwanzig Minuten lange EP mit den übrigen vier Songs aus den Sessions nach, die offiziell im Jänner 2021 erscheint, allerdings der besagten limitierten Die Hard-Auflage des nur minimal größeren Albumbruders bereits zum (verspäteten) Vinyl-Release Ende 2020 beigepackt wurde.

Die drei eigenen Nummern des Gespanns bewegen sich neben einem eröffnendem Cover-Song dabei weitestgehend exakt entlang der Erwartungshaltung.
Stilistisch einerseits, obwohl der direkte Windschatten von May Our Chambers Be Full mit Rundle als Leithammel und Thou als gefühlter Backingband im schwankenden Kräftverhältnis dezent verlassen wird. Zwar beweist Bryan Funcke einmal mehr, mit welch uneitlem Gespür er ausgestattet ist, wenn es darum geht, auch einmal einen Schritt zurückzutreten, doch übernimmt seine Band und er in ästhetischer Hinsicht eine etwas dominantere Rolle als auf dem Album: war dieses primär für die Vorzüge Rundles ausgelegt, tritt die 37 Jährige auf den bisher aussortierten Stücken nunmehr gewissermaßen in unterstützender Position auf.
Andererseits aber eben auch alleine insofern, als dass The Helm of Sorrow (wohlgemerkt nicht zur Gänze, aber selektiv) der Kooperation auf May Our Chamber Be Full (gerade wenn man sich mit von überlangen Werken wie Heathen (2014) und Magus (2018) geprägten Ansprüchen nähert) subjektiv „fehlende“ Masse addieren hätte können: Das Material der EP bewegt sich qualitativ nicht restlos auf dem destillierten Niveau des Albums, hätte in dessen Kontext aber für mehr Reichweite und plättender Kohärenz sorgen können, ohne im ausnahmslos essentielle Meter beschreitenden Spannungsbogen für Längen zu sorgen.

Das gilt vor allem für Crone Dance, das mit dicht stehender Wucht nach vorne geht, eine kompakt riffende Abrissbirne mit Rundle als Copilotin gibt, zudem ein Herz für Breitbeinigkeit, atonale Schraffuren Eyehategod‘scher Prägung und Marriages-Melodie-Ahnungen zeigt, bevor sich die Nummer zur Mitte hin als klaustrophobisch angerührter Zeitlupen-Geifer mit dramatisch beschwörender Eindringlichkeit und schizoider Psychose abbremst, immer schleppender in den Wahn drangsaliert, im Hintergrund die vage Illusion eines Noise-infizierten Orchesters skizziert und letztendlich als eigentlich ideale Überleitung zu The Valley in staubig-knochiger Americana-Trance hypnotisierend verklingt.
Recurrence positioniert sich dagegen als massiver, röhrend-rollender Thou-Standard von unverrückbarer Präsenz und dezenter Rundle-Beigabe, der für sich genommen weniger aufregend wirken mag als das Gros der restlichen gemeinsamen Songs, mit seiner (wie schon in der neuen Version von Smoke Pigs gezeigten) Tendenz zum punkigeren Esprit und einem shoegazenden Traum vom Alternative Rock (vor Monolith oder spätestens in der zweiten Hälfte von May Our Chambers Be Full)  für einen kompakten Schub der Album-Dynamik gesorgt hätte.

Ambivalenter dagegen die Entwicklung von Orphan Limbs. Mittlerweile setzt der Song auf Emily McWilliams als Gast am Mikro und (als grandiose Facette) Louis Michot an der apokalyptisch-dystopisch abgeschrammten Fidel, wo der nun entschleunigte, gothic-affin theatralische Song lange melancholisch sinnierend in düsterer Reduktion durch seine Atmosphäre im ambient-sühnigen Post Rock aus der LINGUA IGNOTA-meets-Earth-Perspektive sucht, hinten raus behände pulsierend in Fahrt kommend aber als kasteiende, psychotisch Walze die Klimax-Schrauben anzieht. Rundle konzentriert sich dabei wie schon in der ursprünglichen Version vorwiegend auf ihre Rolle als Gitarristin, doch war die Roadburn-Variante als weitestgehend instrumental schwelgende Version mit mehr Raum einfach gelungener, ohne Gesang imaginativer ausgelegt, weniger beengt – das gute Studio-Update orientiert sich am Wesen von Kerosene und hätte so tatsächlich nicht auf das Album gepasst.
Das eröffnende Cranberries-Cover Hollywood macht als früher Fan-Favorit dagegen weiterhin alles absolut richtig, indem die vierte Single vom 1996er Album To the Faithful Departed der irischen Band nahtlos in den Thou-Trademark-Sound aus geißelndem Doom und heavy drückenden Sludge übersetzt wird, während die prädestinierte Stimme von Rundle dem seit jeher direkten  Einfluss von Dolores O’Riordan einen kraftvollen Tribut als Genre-Hit beschert.
Insofern lässt sich also auch höchstens darüber diskutieren, ob das Auftreten der perfekt ineinandergreifenden Zusammenkunft der Band aus New Orleans und der Musikerin aus Kentucky mittels May Our Chambers Be Full und The Helm of Sorrow auch seine bestmögliche Form(en) gefunden hat – nicht aber darüber, inhaltlich in Summe elf (nein, eigentlich zwölf – denn die CD-Variante beinhaltet als Bindemittel zwischen Album- und EP-Stoff noch Elysian Fields) Amalgam-Songs serviert bekommen zu haben, die allesamt essentiell zu den Sternstunden der beiden an Sternstunden nicht armen Diskografie gehören.

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