Thou – Magus

von am 23. September 2018 in Album, Heavy Rotation

Thou – Magus

Thou pflegen Traditionen und genießen neue Perspektiven: Magus übernimmt im Ansatz das Erbe von Heathen, führt aber vor allem die Fäden der dem fünften Studioalbum vorauseilenden drei EP-Herolde (alias Ceremonies of Consolidation) stilistisch zusammen.

Seit eben diesem 2014er Meisterwerk Heathen (welches alleine strukturell durchaus als prägender Referenzpunkt für das Wesen von Magus gesehen werden darf) waren Thou nicht nur durch den Wegzug von Andy Gibbs und Mitch Wells aus New Orleans nach (ausgerechnet!) Kalifornien abgelenkt, sondern bekanntlich auch vor allem mit den vorausblickenden Arbeiten zu The House Primordial, Inconsolable und Rhea Sylvia beschäftigt: Drei mitunter weitschweifende Expeditionen – hinein in den ambienten Noise-Morast, morbiden Dark Folk sowie den Grunge von Alice in Chains-, deren Spurenelemente nun in Versatzstücken auch die DNA von Magus durchziehen.
Selbst wenn die EP-Reinform (deren bloße Existenz nun im Rückspiegel übrigens noch schlüssiger erscheint, als bei ihrem Erscheinen) nun vom großen Ganzen assimiliert auftreten, die Kontraste nur selten im Extrem belassen werden: The Law Which Compels etwa könnte als im Feedback ersaufender Friedhof aus Rückkoppelungen und Drone durchaus ansatzlos aus dem House Primordial stammen, während My Brother Caliban dessen Ästhetik in einen Industrial-Lo Fi- Black Metal samt Ambient-Synthies und Blastbeats übersetzt. Das Doppel aus Sovereign Self und Divine Will wiederum  schleppt sein Inconsolable’eskes Dark Folk-Intro erst massiv zu einem Post-Metal-Kadaver, der sich bei Neurosis und Cult of Luna labt, spannt später jedoch als Intermezzo aus martialischer Percussion und gespenstischen, Marissa Nadler-würdigen Chören (gestemmt von Stammgast, Covergirl sowie respektive auch Frontmann Funcks Freundin Emily McWilliams) den Rahmen. Nicht nur hier wirken die Bestandteile von Ceremonies of Consolidation wie Trabanten, die um Magus kreisen.

Subtiler, aber dafür noch flächendeckender, haben Komponenten von Rhea Sylvia ihre Spuren im Fundament und wachsenden Ökosystem von Thou hinterlassen. Mit einer latenten Öffnung des melodischen Gespürs fächert Magus das etablierte Hoheitsgebiet von Heathen zwischen den Zeilen (und gerade auf lange Sicht) doch facettenreicher und vielschichtiger auf, liefert den Kompositionen neben dem gewohnt hochklassigen Songwriting individuellere Färbungen und Schattierungen, auch kristallinere Texturen in den Klangfarben.
Den vertraut konturierten Gefilde rund um perfektionierte Trademarks (aus klassisch nihilistischen Motiven, der misanthropischen Stimmung, brutalst in die Mangel nehmender Intensität, keifenden Vocals und einer förmlich erschlagenden Armada aus göttlichen Riffs) beschert dies phasenweise beinahe griffige Szenen –  und quasi einen auf Augenhöhe phasenverschobenen Nachkommen zum atmosphärisch beklemmenderen, die Amplituden zwischen Laut und Leise nicht derart ausgewogen balancierenden Heathen.

Inward schürft etwa zuerst noch geradezu typisch aus Düsternis, gibt sich schleppend und wuchtig. Thou malmen garstig, schieben die Gitarrenberge drückend und schichten ihren Weltschmerz monolithisch überwältigend, streifen immer wieder über Plateaus, verschieben das Tempo grollend. Spätestens wenn der Opener für sein Finale jedoch eine heroische Melodie auf die Empore hievt, hat Magus seinen räumlicheren Status Quo etabliert.
Transcending Dualities schickt dort seine sägende Black Metal-Gitarre über die Doom Kippe und schleppt sich mit einem in unaufgeregter Heavyness marschierenden Riff, das unmittelbar nach Klassiker klingt. „Shape shifting through life to navigate the trench of sex and design“, keift der giftige Troll Funck. Dahinter bricht ein brodelndes Bollwerk, das seine Wurzeln zwar auch bei traditionelleren Vertretern wir Mournful Congregation findet, über Alternative Rockige Sprengsel aber immer weiter zurück in seine feuchte BM-Höhle kriechend, um dort Gothic‘artiges Dekor zu zerstören. Die Single The Changeling Prince beschwört eingangs eine majestätische Metal-Gitarrenwand, über die Thou unmittelbar einen Sumpf kippen – dennoch: Schönheit ala Pallbearer darf hier zumindest als grotesk entstellte Fratze mittels einer hartnäckigen Hook („Behind the mask, another mask“) existieren. Einstweilen lehnt sich die Band in ein Flair, das auch Chelsea Wolfe gefallen dürfte, um dort die Daumemschrauben anzudrehen und mit Fortdauer der Platte die Vorliebe für eine allgegenwärtige 90er-Patina auszubrüten.

In the Kingdom of Meaning ist beispielsweise ein Brocken aus immer tiefer vorstoßenden Gitarren, der irgendwann überraschend grungige Harmonien im klaren Gesang auspackt und damit eine skelettierten Eingängigkeit innerhalb der Grenzen seines Molochs Thou existieren lässt. Greater Invocation of Disgust beginnt dagegen sinister glimmernd aus dem Inkubator von You Know You‘re Right, baut seine Spannungen aus dem Metal-Zeittunnel heraus auf und probt den tonnenschweren Anachronismus, der hinten raus in voluminös pulsierender Grandezza stirbt.
Man sollte selbst in diesen Augenblicken wohl nicht den Fehler machen, Magus als tatsächlich zugänglicher als seine Vorgängeralben einzustufen. Doch hinter ihrem unverwässert zermalmenden Charakter lassen Thou diesmal dann sehr wohl doch zumindest eine Ahnung von Zuckerbrot neben all der folternden Peitsche zu – mag es auch noch so sehr in ätzender Lauge getaucht sein: Eliminator Rhetoric öffnet seinen Horizont jedenfalls nach und nach, schwelgt immer mehr in hymnisch veranlagten Harmonien unter all dem Sludge – bevor Thou ein Solo in den Himmel schicken, das sich all den Dreck kaum epischer abschütteln könnte.
Derart (zumindest im Kontext) konventionell auflösende, unheimlich ekstatisch belohnende Höhepunkte stehen Thou jedenfalls hervorragend. Mehr noch: Einige Sternstunden der Platte fühlen sich sogar so an, als würden sie zu Ende denken, woran die Band seit vier Jahren getüftelt hat – auch wenn das Funck eventuell anders sieht. Im abschließenden Supremacy perlen die Gitarren trotzdem entsprechend nostalgisch über dem rumorenden Abgrund, selbst das Spiel mit der die Dissonanz entpuppt sich als Opferstock für einen versöhnlichen, fast tröstenden Abschied, der auch endgültig nahelegt, dass all der transportierte Ekel und Hass von Magus vielleicht eigentlich ohnedies viel eher ein Vehikel für eine verzweifelte Melancholie darstellt, die sich in ihrer Konsequenz selbst verspeist.

Schwer – eventuell aber auch unnötig – zu sagen, ob Thou mit ihrem insofern vielschichtigsten, aufgeräumtesten Album ihr bisheriges Meisterstück damit letztendlich tatsächlich um das Quäntchen übertrumpfen. Zumindest hält Magus das Niveau der unfehlbaren Doom-Macht, wächst sich mit jedem Durchgang weiter aus, reklamiert auch andere Grenzen für sich.
Thou
mutieren eben, deklinieren und definieren einmal mehr den hauseigene Standard, bauen ihre Klasse nicht nur über einen unheimlich homogen verschweißten Fluss aus ikonisch in der eigenen Diskografie aufblitzenden Momenten, sondern gerade auch über eine ganz allgemein grandiose Album-Dynamik aus. Magus bleibt auch über die eigentlich übermäßig erschlagende Distanz von 76 Minuten spannend, fesselnd und verhältnismäßig kurzweilig, windet sich über all seine Facetten ohne eklatanten Leerlauf durch einen Fleischwolf, der sein Gewicht weniger plättend verteilt als das Masstäbe setzende Heathen – und damit direkter, luzider und fokussierter wirkt, als sein Vorgänger.
Dazu kommt die superbe Produktion von James Whitten, die alleine über den Sound der Drums zu feuchtenn Genre-Träumen führt, und zudem die Nuancen der tektonischen Heavyness über den lyrisch geifernd-kotzenden Nihilismus in allen Nuancen der Finsternis ausstaffiert: „Rebuke the impulse to capitulation, to hide beneath of hard shell of callous disregard and secede from the world“ empfiehlt das nach den Aufnahmen mittlerweile (mit Neo-Drummer Tyler Coburn sowie Allzweckwaffe KC Stafford) zum Sextett angewachsene Kollektiv. Und lässt zumindest kaum einen Zweifel daran, dass auf dieses Ungetüm von einem Album nicht nur das Musikjahr von Thou selbst hinausgelaufen sein könnte.

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