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Thou – Thou on Audiotree Live

Thou - Thou on Audiotree Live

Wenn 2018 das Jahr der überwältigenden Studio-Veröffentlichungen für Thou war, ist 2019 ihr ganz persönlicher Triumphzug in Live-Angelegenheiten. Nachzuhören unter anderen in einer aktuellen Audiotree Session.

Was war das nur (wieder) für eine Veröffentlichungsstafette für die Sludge-Doom-Macht aus New Orleans? Mit der Silvertrophäen-Kernschmelze Magus sowie dessen Trabanten The House Primordial, Inconsolable und (das Quasi-Coverwerk) Rhea Sylvia – neben den beiden Split-Formaten Let Our Names Be Forgotten (mit Ragana) und I Have Become Your Pupil (mit dem HIRS Collective) – sind Thou gefühlt auf einem neuen Zenit ihrer seit fast eineinhalb Jahrzehnten kontinuierlich nach oben zeigenden Qualitätskurve angekommen. In den vergangenen Monaten ernten sie jedenfalls die Früchte dieser Studioplatten auf den Bühnen dieser Welt, gefühlt mit mehr allgemeiner Aufmerksamkeit als bisher.

Das am 28. März 2019 eingespielte Set im Rahmen einer Audiotree Session mag dabei nicht derart aufsehenerregend oder speziell gewesen sein, wie etwas die Bryan Funck ins Publikum verbannende Tiny Desk-Intimität im Beinhae-Folkgewand unlängst (Andy Gibbs: „One thing i didn’t consider is that there’s no PA or monitor or anything for the vocals, so you have to play quiet enough to hear them naturally. We were playing through the smallest amps imagineable, at a very low volume, and they still said it was a little too loud…“), das Co-Gipfeltreffen mit Emma Ruth Rundle samt überraschenden Verneigungen oder der euphorisch gefeierte Misfits-Skatepark-Überraschungsgig im Rahmen des jüngsten Roadburn Festivals – doch sind die versammelten vier Songs in 20 Minuten nichtsdestoweniger eine bärenstarke Fußnote mit Mehrwert, um die man als Fan nicht herumkommt.

Fallow State bewegt sich mit KC Stafford am Mikro nahe an der Inconsolable-Studioversion, doch fördern die ätherischen Backinggesänge von Emily McWilliams und Melissa Guion die schwermütige Atmosphäre noch weiter, bevor Funck sein patentiert geiferndes Keifen im Climax der Nummer plötzlich als Patina auskotzt. Noch weiter geht der Mut zur Hässlichkeit näher am angestammten Thou-Sound in The Hammer, dass hier als heavy Doom-Version in Slo-Motion rockt, Funck hinter Stafford als garstige Zweitstimme die röhrenden Gitarrenlawinen texturiert, während sich die Nummer massiv und beschwörend schleppt, eine behäbig mitreißende Dynamik zeigt: Grandios!
The Only Law mit Gibbs im Vordergrund stellt seine psychedelisch zu Alice In Chains vibrierende Sehnsucht für Audiotree noch deutlicher auf ein Fundament aus Noise-Ansätzen, mehrstimmigen Gesang und konventioneller Struktur, wächst im Spannungsfeld aus verführerischer Melodik und finsterer Abgründigkeit, bevor The Changeling Prince als Trademark-Song die Signature-Stärken von Thou sicher nach Hause spielt, aber auch die mutierende Setlist über einen kohärenten Spannungs- und Entwicklungsbogen abrundet.

Es ist dabei schon beachtlich, was für eine stilistische Vielfalt die Band – oder mittlerweile eher: Das Kollektiv! – beherrscht und zu welcher homogenen Einheit sie diese dennoch verschmelzen kann. Wie viele neue Facetten Thou in der Inszenierung immer weiter schattieren, ist dann quasi sogar ein bisschen „behind the mask, another mask“-mäßig unberechenbar – allerdings jederzeit authentisch, schlüssig und unheimlich organisch die Schwerpunkte um eine klare Handschrift verlagernd.
Also: Nicht darüber ärgern, dass die Audiotree Session von Thou (natürlich) keine physische Tonträgerveröffentlichung erfahren hat, sondern neben dem Download und Streaming nur als Videomitschnitt verfügbar ist. (Also insofern der mitgeschnittenen Roadburn-Kooperation mit The Body gewissermaßen den Vortritt als erste offizielle Live-Veröffentlichung lassen muss). Sondern lieber vormerken, dass die NOLA-Allmacht demnächst mit ihren Kumpels Moloch beziehungsweise den mittlerweile ja personell verbrüderten Yautja demnächst in hiesigen Breitengraden auf Tour kommen.

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