Toby Driver – They Are the Shield

von am 1. November 2018 in Album

Toby Driver – They Are the Shield

They Are the Shield ist nominell das dritte Soloalbum von Kayo Dot– und maudlin of the Well-Vorstand Toby Driver fühlt sich dabei allerdings wie eine Bandplatte an. Zu essentiell und prägend ist der Beitrag der versammelten Virtuosen, die dieses Ulver-infizierte Geflecht aus Jazz, Ambient, Artrock, Kraut, Prog und Score-Elementen stemmt.

Neben Driver am Mikrofon, der (nur sporadisch vorkommenden) Gitarre und allgegenwärtigen, vom 2017er-Vorgänger Madonnawhore sowie den beiden Kayo Dot-Anachronismen Coffins on Io (2014) und Plastic House on Base of Sky (2016) verlängerten Synthieflächen findet sich nicht nur Yeah Yeah Yeahs-Drummer Brian Chase (der hier eine wunderbar jazzig-aufgeräumte, vetrackt-groovende und kraftvoll-präzise Arbeit an den Tag legt) sowie die New Yorker Art-Pianistin Kelly Moran  in der Besetzungsliste, sondern vor allem auch das perfekt aufeinander eingespielte Duo Conrad und Pauline Kim Harris: Das avantgardistische Violinenspiel der beiden definiert das Wesen von They Are the Shield absolut markant, drückt der Platte einen kammermusikalischen Stempel auf.
Schon im wundersamen Opener Anamnesis Park: Die symphonischen Streicher dirigieren den Song in eine ambiente Synthlandschaft, lassen minimalistisch einen bedrohlich erhebenden, cineastisch-imaginativen Grundton rumoren, über dem die beiden Violinen mit atmosphärisch überwältigender Dichte tänzeln – mal deliriant jubilierend, mal anmutig und immer ein bisschen kaputt neben der Spur. Langsam finden die Fäden der knapp zehnmitügen Odysee zusammen, entwickelt der Song einen synergetischen Fluss, der das zuletzt so hervorgehobene Faible von Driver für die 80er in klassischere Gefilde von Kayo Dot führt. Erst zur Mitte hin fusioniert die verspielte Streichermelodie und ein griffiger Rhythmus, dazu breiten sich dystopisch-hoffnungsvolle Wavepop-Teppiche sowie ein endlich gesanglich einsteigender Driver aus, der aus dem zeitlosen Geschehen eine flächig-verwaschene Romanze aus entschleunigten The Police, King Crimson und vor allem den späten Talk Talk macht – jedoch wie in Hypnose dem dirigierenden Verlauf des Ehepaares Harris folgt.

Eine Symbiose, die im weiteren verlauf von They Are the Shield einige der stärksten, weil wieder typisch eigenwilliger angelegte Songs von Driver ausbreitet, die stets eine abgründig beruhigende Unaufgeregtheit ausstrahlen, einlullen und ätherisch aufwühlen. Glyph positioniert sich zwischen Klassik und Soundtrack ohne tatsächlich eines von beiden zu sein. Stattdessen zaubern Driver und Co. eine zaristische Sehnsucht mit orgelnden Keyboardtexturen, so heimelig, als würde man von wärmenden Gemächern in eine erbarmungslose Kälte schauen; mit der Gewissheit im Rücken, dass They Are the Shield einen sanft und behaglich bettet – in launig-unbeständige, majestätisch-würdevolle Violinen und polyrhythmisch traumwandelnde Schlagzeugbeats.
Und obwohl das grundlegende Wesen der Platte in dieser Formlosigkeit schnell erfasst ist, gelingt es Driver, eine niemals ankommende Dynamik und Varianz im Songwriting zu erzeugen, der Fluss der Platte befindet sich in ständiger Neugierde. In 470 Nanometers schwingt sich etwa der ausnahmsweise flotte Rhythmus also zum dominanten Element auf, schmeichelt dem Instrumentarium mit vertrackter Gefinkeltheit und hebt den generell famos produzierten, so unendlich nahbar artifitiell-organischen Klang auf ein Podest. Das erinnert an Part the Second aus der Perspektive von (den für dieses Album inspirationstechnisch ohnedies maßgeblichen) Ulver – die Pianoballade The Knot wird sich in ihrer stillen Dramatik später sogar an What Happened? anlehnen.

Smoke-Scented Mycelium lauert dagegen frickelnder, während Bridget Bellavia den Gesang für Scaffold of Digital Snow übernimmt und Driver die Nuancen seines Soundkosmos dahinter in den Details umschichtet: In der traurigen Melancholie wehen erstmals Gitarren ins Geschehen, die gegen die Vergänglichkeit halluzinierend wie Gustavo Santaolalla zupfen – ätherisch, nicht greifbar, eher als vage Erinnerung.
Ein niemals zum Punkt kommendes, auch bewusst mäanderndes Element gehört ohnedies zu komplexen Konzept, auch wenn They Are the Shield dadurch zu einer Platte wird, in der man sich eher verlieren will, anstatt zu ausformulierte Zielen zu finden. Einen scharfen Kontrast und Fokus oder Impulsivität können und wollen diese 44 Minuten auch gar nicht anbieten. Eine Charaktereigenschaft, die in minimalen Augenblicken auch eine dezent frustrierende Beliebigkeit suggerieren kann, das packende Momentum stets ausklammert. Dabei plätschert They Are the Shield niemals – viel eher wollen sich die Avantgardekünstler aus New York keineswegs bedingungslos auf konkrete Formen festlegen.
Driver streift viel mehr durch progressive, unkonventionelle Ahnungen barocker Popmusik, die als Amalgam zwischen vielen stilistischen Stühlen transzendieren, eine so eklektische wie originäre kontemporäre Schönheit erzeugen. In Trance verbinden sich die Elemente rund um Driver und schaffen mit verschwommenen Konturen eine subversive Intensität, abstrakt und mysteriös. Eine innere Getriebenheit und nach außen getragene Ruhe löst die nachvollziehbaren Strukturen dabei immer weiter auf, bis They Are the Shield als Möbiusband in seinen Bann zieht, ständig neues entdecken lässt und sich immer wieder ein bisschen wie Neuland anfühlt. Gerade weil Driver all dies eben nicht alleine zu verantworten hat, seine Visionen virtuos auskleiden lässt und damit auch sich selbst als Dirigent neue Facetten abringt, wächst seine dritte Soloplatte zu einer weiteren Sternstunde in einer beispiellosen Diskografie.

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