Die Alben des Jahres 2016: 40 bis 31

von am 2. Januar 2017 in Jahrescharts 2016

Honorable Mentions | MV(E)P  | 50 – 41 | 40 – 31 | 30 – 21 | 20 – 11 | 10 – 01 |

wrekmeister-harmonies-light-falls40. Wrekmeister Harmonies – Light Falls

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Kammerdoom, die Zweite: J.R. Robinson und seine Supergroup schaffen es, wie die unverschämt guten SubRosa, symphonische Elemente in ihre – weiter an Ambient und Postrock als bei den Kollegen angelehnte – Auffassung von Metal zu verweben, und vollführen den Quantensprung, den SubRosa schon länger hinter sich gebracht haben, und deshalb vielleicht den Hauch eingefahrener mit und in ihren Kompositionen agieren: mit Light Falls platzt Wrekmeister Harmonies endlich der Knoten, der auf den Vorgängern nie so recht aufgehen wollte, und es entsteht eine wunderbar böse Meditation, getragen von verstörend schönen Godspeed-Schwellungen aus Ambient-Tiefen, die so perfektioniert auch der großen Referenz gut stehen würden. Wo SubRosa eher großes Gefühlstheater bedienen, werden Wrekmeister Harmonies wohl immer kleineres Publikum bespielen, das wird schon aus der konzeptionellen Ausrichtung deutlich, als Hyde zu Godspeed You! Black Emperors Jekyll stünden Robinson und seinem intimen Seelenstriptease aber mindestens die Mengen der dauerdeprimierten Menuck-Anhängerschaft zu.

Captain Planet - Ein Ende39. Captain Planet – Ein Ende

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Für Unberechenbarkeiten sind Captain Planet 2016 eher in unserem Adventskalender gut – abseits davon liefern sie jedoch so zuverlässig ab, wie man sich das eigentlich nur wünschen kann. „Bei Musik bin ich ziemlich konservativ. Ich freue mich wahnsinnig, wenn ich eine Band höre, die immer das Gleiche macht, aber mit viel Bock und Leidenschaft“ sagt Benjamin Sturm und fasst damit den Charakter von Ein Ende eigentlich ziemlich gut zusammen. Kehrt aber auch die dynamische Produktion der vierten Studioplatte der Hamburger unter den Tisch, die einen gehörigen Teil dazu beiträgt, dass die Energie und Dringlichkeit der zum Quintett gewachsenen Band niemals energischer und dringlicher aus den Boxen kam. Die vielleicht größte Leistung von Ein Ende bleibt aber eventuell trotzdem eine andere. Das nahezu jeder der hier aufgefahrenen Songs praktisch als Liebe auf den ersten Blick zündet, die Favoriten aber dennoch bei jedem Durchgang wechseln und Captain Planet damit nach langen 4 Jahren Funkstille den heimlichsten Grower ihrer Karriere vorgelegt haben.

FR68_12 Jacket (3mm Spine) [GDOB-30H3-007]38. Kayo Dot – Plastic House on Base of Sky

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Mit Coffins on Io, diesem schillernd-experimentellen Future-Pop Juwel, sind Kayo Dot vor zwei Jahren auf dem Gipfel ihrer Zugänglichkeit angelangt, soviel war schon damals klar. Einen Song des Jahres von den unschubladisierbaren Superhelden unter den Avantgardisten um Toby Driver serviert zu bekommen, das ist nichts, worauf sich wetten ließe. Und noch bevor bekannt wurde das Plastic House on Base of Sky (kurz: PHOBOS) das Schwesteralbum zu Io werden soll, malte man sich schon die phantastischsten Szenarien um Album Nummer 9 aus. Vielleicht ist es deshalb ausnahmsweise mal das geworden, was man sich vorstellen konnte: eine freigeistige Interpretation der vereinnahmten Stilelemente des Vorgängers etwa, das selbst auferlegte „Pop“-Korsett gesprengt, und den Jazz aus dem letzten Brocken Hubardo filetiert, um ihn durch den Synth-Fleischwolf zu drehen. Ein trabender Abstieg von der Spitze des Io, auf dessen steile Serpentinen man sich zwar schon vorbereiten konnte, um trotzdem im Verlauf wieder überrascht zu sein, über die Haken die beispielsweise ein Rings of Earth in die Ohren schlägt. Sicher ist wieder nur, dass es weitergeht.

Perturbator - The Uncanny Valley37. Perturbator – The Uncanny Valley

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Dem dreckigen Videospiel-Kleinod Hotline Miami mag vieles zugesprochen werden, mit Sicherheit ist das Spiel (und im gleichen Maße wohl auch sein Nachfolger) aber wohl mit für die französische Synthwave-Renaissance mitverantwortlich, und dafür, dass deren neonfarbige Gesichter mit Carpenter Brut, Perturbator und wie sie alle heißen, aus dem Technoir ans Tagesicht und die Aufmerksamkeit gespült wurden. Und wo das erste richtige Album des ersteren noch in irgendwelchen Kanalsuppen vor sich hin köchelt, liefert James Kent alias Perturbator mit einer beeindruckenden Regelmäßigkeit Werke ab, die trotz ihrer tiefen Verankerung in Soundtracks der 80er Jahre wieder und wieder mit Geschlossenheit und einer im Genre ihresgleichen suchenden künstlerischen Vision beeindrucken. Das etwas unglücklich betitelte The Uncanny Valley mag in einer beinahe makellosen Diskographie da durchaus den einstweiligen Höhepunkt darstellen, das sich in der treibenden Hitlastigkeit früherer Werke zurücknimmt, und seine Highlights in den bedrohlich mäandernden Stücken mit Gastgesang hat, das dem bisherigen Werk von Perturbator produktionstechnisch noch einmal die Krone aufsetzt, und das mit einer Detailverliebtheit und Kreativität beeindruckt, die die Herren Kollegen erst einmal nachmachen müssen.

messer-jalousie36. Messer – Jalousie

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Gerade wenn das krautrockige Melancholiestück Schaumbergs Vermächtnis gut und gerne auch endlos weiterlaufen hätte dürfen, lassen sich einige Dinge an Jalousie ablesen. Messer haben die rohe und ungestüme Art ihrer Anfangstage auf Platte mittlerweile etwa endgültig abgestreift, dafür aber eine Diversität und Vielseitigkeit im runder gewordenen Songwriting gewonnen. Dazu sind sie im Erzeugen von Atmosphäre spätestens jetzt ohnedies so unbeschreiblich dicht aufgestellt. Der Ausstieg von Gitarrist Schaumberg, dem ganz am Ende noch der verdiente Tribut gezollt wird, hat eben Spuren hinterlassen. Indem die nötigen Umbesetzungen Messer in andere Wege wachsen ließen, indem all die anderen Betätigungsdfelder der Gruppe – von Pogo McCartneys Ambientarbeiten über Otrembas immer bildhafter werdendes Storytelling als Neo-Romanautor bis hin zu den anderen Spielwiesen von Milek und Manu Chittka – in diesem lange herbeigesehnten Drittwerk kulminieren lässt. Dass etwaige Erwartungshaltungen da einmal mehr nicht unbedingt bedient werden, liegt insofern abermals daran, dass Messer sie untertauchen, indem sich die Gruppe ihren Charakter behält und sich ein Stück weit neu erfindet – und sie mit einem wandelbaren Wunderwerk von einem Album sogar übertreffen. Der Prozess, der miterleben lässt, wie aus einer vielversprechenden Ausnahmeband eine wichtige, eine prägende wird, er setzt sich hier deutlicher denn je fort. Für diese Erkenntnis muss man wahrlich kein Detektiv sein.

The Drones - Feelin' Kinda Free35. The Drones – Feelin Kinda Free

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Ein Albumtitel als pures Understatement. Schließlich ist Gareth Liddiard’s Flagschiff auf Feelin Kinda Free kaum wiederzuerkennen: Skelettierte Kompositionen grooven da über einem frickelnden Rhythmusgerüst, das nicht von ungefähr auf die Einstürzenden Neubauten, auf Nick Caves’s Frühphase oder sogar GZA verweist. All diese Einflüsse fusionieren die Australier auf ihrem siebten Studiowerk zu einem so eigenwilligen wie eigenständigen Sound. Einer abgründigen, verführerischen und launigen Sinnsuche, die Liddiard einige seiner besten Texte überhaupt abringt – eine die sozial- und weltpolitischen Missstände der heutigen Zeit giftiger sezierende Momentaufnahme der Welt am Fallbeispiel Down Under wird man 2016 nur schwerlich finden! – und dabei für The Drones vor allem auch vollkommen neue stilistische Möglichkeiten öffnet. Wenn eine Kombo unmittelbar vor ihrem 20. Geburtstag den Eindruck erweckt gerade erst das spannendste und interessanteste Kapitel der Bandgeschichte geöffnet zu haben, ist das trotz oder gerade wegen solcher Juwelen wie Wait Long By The River and the Bodies of Your Enemies Will Float By im Backkatalog durchaus als Zeichen zu verstehen, nahezu alles richtig zu machen.

Sumac - What one becomes34. Sumac – What One Becomes

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Sumac scheinen auf ihrem Zweitwerk mehr denn je mit einer beängstigenden Konsequenz daran zu arbeiten, es den prominenten (Ex-)Stammbands von Aaron Turner, Nick Yacyshyn und Brian Cook nur ja nicht zu einfach zu machen. What One Becomes ist in Grunde zu indifferent und malträtierend böse, um die Jünger des erhabenen Post Metal von Isis unmittelbar abzuholen. Zu ausschweifend, um an den kompakten Hardcore von Baptists anzudocken sowie zu impulsiv in einen Jam-Rausch verfallend, um den präzise strukturierten Postrock von Russian Circles weiterzuspinnen. Dabei fällt der Tatbestand im 2016er-Anlauf sogar noch viel extremer aus, als bereits auf The Deal: Sumac sind (auch dank der wuchtigen Abrissbirnen-Produktion von Kurt Ballou) noch enger zusammengerückt – bis die musikalischen Visionen aller Beteiligten zu einer lichtundurchlässigen Einheit verschmolzen sind, die nur widerwillig Eingang gewähren. What One Becomes macht es schlichtweg niemandem einfach und präsentiert sich jedem als unerbittlich nagendes Loch von erschlagender Konsequenz. Mehr denn je gilt daher: der urgewaltige Metal-Malstrom von Sumac ist beileibe nicht etwas für jede Gelegenheit – wenn man aber in den Bannkreis dieser Platte gerät, gibt es kein Entrinnen.

Conan - Revengeance33. Conan – Revengeance

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Einer Band die Conan heißt, die ihr – mittlerweile viertes – Album Revengeance nennt, der braucht man wohl nicht zuzutrauen, dass sie sich mit dem Skalpell weiterentwickelt. Feinfühligkeit wird bei der vielleicht heaviest band on earth zwar schon immer groß geschrieben (nicht zuletzt gehört das Schlagzeugspiel bei den britischen Höhlenmenschen nach wie vor zum facettiertesten, dass es im Genre zu hören gibt), trotzdem waren die Quantensprünge von Album zu Album immer eher kleinerer Art – hier mal an der Drone-Schraube gezogen, dort dem Punk mehr Bühne gegeben. Wo auch auf Revengeance nun erwartungsgemäß konservativ gedoomt wird, überrascht vielleicht doch die Konsequenz, mit der sich nun endlich mit durchgetretenem Gaspedal im Schlamm gesuhlt wird – Rich Lewis bringt den frischen Wind in die Band, der bei so vielen stilistisch eingeschränkten Vertretern des Genres gerne vermisst wird, und James Plotkin lässt Conan – nicht für möglich gehalten – noch bestialischer, noch monolithischer, noch barbarischer als je zuvor klingen.

isolation-berlin-und-aus-den-wolken-tropft-die-zeit32. Isolation Berlin – Und aus den Wolken tropft die Zeit

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Über weite Strecken hat man tatsächlich das Gefühl, dass Und aus den Wolken Tropft die Zeit das Album ist, in der sich die Geschichte der deutschen Pop und Rockmusik der letzten Dekaden bündelt – eine assoziativer funktionierende, eklektischere Platte wird man 2016 jedenfalls wohl nur schwer finden. Weil Sänger Tobias Bamborschke sich mal nonchalant wie Rio Reiser durch die Stücke nölt und seine Band dazu schon mal die Zähne zeigen kann (Wahn), mal aufbauschend der Explosion entgegenstelzt wie Exil-Berliner Spechtl (im überragenden Fahr Weg beispielsweise). Weil Isolation Berlin gleich eingangs (bei Produkt) zeigen, dass sie die Lektionen von eben Ja, Panik und Tocotronic anstandslos verinnerlicht haben, aber auch die schunkelnde Melancholie-Gangart von Element of Crime nicht nur beherrschen, sondern auch vermeintlich seichte Schlager-Schlagseiten deutlich gehaltvoller jonglieren, als die Institution von Sven Regener das zuletzt selbst hinbekommen hat. Weil eben: Am Ende steht hier dieses so formvollendete Songwriting, das es sich salopp erlauben kann alle Hits der beiden Vorab-EPs einfach auszuklammern und mit zwölf neuen, toll produzierten Ohrwürmern den Charakter einer Band zu schärfen, die schlau genug ist um zu wissen, dass Zeit zyklisch funktioniert und im besten Fall eben ohne Ablaufdatum. Weswegen folgender Blickwinkel wohl eher stimmt: Isolation Berlin bedienen sich deswegen so genüsslich an der Vergangenheit, weil dem Quartett wohl die Zukunft gehört.

preoccupations-preoccupations31. Preoccupations – Preoccupations

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Von der erzwungenen Umbenennung von Viet Cong zu Preoccupations kann man freilich halten, was man möchte. Spätestens durch die 38 hier versammelten Minuten erscheinen diesbezügliche Diskussionen ohnedies obsolet, ist der Sprung, den Matt Flegel und Co. zwischen 2015 und 2016 in stilistischer, kreativer, inhaltlicher und soundtechnischer Hinsicht unternommen haben ohnedies derart eklatant, dass man meint, es mit zwei verschiedenen Bands zu tun zu haben. Soll heißen: Was zählt ist am Ende ohnedies, dass sich das Quartett aus Calgary durch etwaige Störgeräusche nicht den Fokus auf ihr zweites Debütalbum hat nehmen lassen, sondern sogar mit noch akribischer Konzentration in den finsteren Kaninchenbau des Potpunk gesprungen ist. Hinter der grandios organisch-pressenden Produktion von Graham Walsh haben Preoccupations ein drückendes, synthieschwangeres Werk aufgenommen, dass das schmissige Hitverständnis des Indierock mit einer nervösen Abgründigkeit des Industrial und ambienten Artrock-Tendenzen kreuzt und dabei schwerwiegendere persönliche Probleme und Sorgen zu verarbeiten hat. Mit sonor-tiefer Stimme und dunklem Timbre. Preoccupations ist ein Album, das mit dem Rücken zur Wand steht, mit einem Bein am Abgrund und sich mit dem anderen die Tanzfläche mit Interpol teilt. Vollkommen egal, wie diese band sich gerade nennt – sich wächst bedrohlich!

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