Tyondai Braxton – Hive1

von am 21. Mai 2015 in Album

Tyondai Braxton – Hive1

Tyondai Braxton war immer schon ein Grenzgänger, dem keine Expedition zu waghalsig war. Weiter draußen – oder zumindest: abseits Braxtons eigener Gehirnwindungen nur phasenweise erfüllend wahrzunehmend – als auf den experimentellen Elektronik-Installationen von ‚Hive1‚ hat sich der 36 Jährige bisher allerdings wohl noch nicht ausgetobt.

Mit reinen Tonträgerveröffentlichungen von multimedialen Kunstinstallationen („Part architectural installation and part ensemble performance with five musicians sitting cross-legged atop their own space-age oval pods“ nennt der Promotext die ursprüngliche Performance Hive, von der Nonesuch Records nun ein 42 minütiges, über 2 Jahre hinweg aufgenommenes Destilat veröffentlicht) ist das bekanntlich so eine Sache. Und um es vorwegzunehmen: Auch ‚Hive1‚ ist nun musikalisch auf sich alleine gestellt eine nur bedingt fesselnde, ja gar willkürlich konzipiert wirkende Geschichte geworden, die dem Gesamtkonstrukt wohl nicht gerecht werden kann. Hat man es doch vor allem in der zerfahrenen Eingangsphase der Platte in erster Linie nahezu ausschließlich mit nervös verschweißtem Fiepen zu tun, es knistert und knarzt, Handclaps locken arty Synthienebel an – aber warum eiogentlich? Handfest wird jedenfalls kaum etwas, immer wieder eigefügte Spannungsfelder und Intesitätssteigerungen werden als bloße Ankündigungen belassen, weil Braxton über weite Strecken ohnedies eher Dinge in Aussicht stellt, als diese tatsächlich einzuführen – weswegen ‚Hive1‚ eine den Hörer nicht gerade oft für seine Geduld belohnende Reise wird.

Einer der avantgardistischen Steckdosen-Aussichtsplattformen hier nennt sich absolut passend für das fernab jeglicher Konventionen stattfindende Laboratorium ‚Outpost‚ – welches Territorium ‚Hive1‚ dabei aber überhaupt im Blick behalten will, bleibt lange unklar: Braxton tut hier nämlich zwei Minuten kaum mehr, als gedankenverloren Knöpfe zu drehen. Danach imitiert der Track eine digital-grillenzirpende Nacht, bevor er irgendwann sogar in dystopiesche Gefilde blickt. Auch wenn er deratiges schon deutlich spannender abgeliefert hat (etwa auf dem faszinierenden ‚Central Market‚): Interessant wirkt das allemal – in Summe jedoch viel mehr noch ein kaum Sinn ergebendes, unstrukturiert-beliebiges Aneinanderreihen wahlloser Sounds. Wie das als Installation wirkt bleibt der Fairniss halber offen, mehr als einmal aktiv hören wird man Hive (zumindest bis zu diesem Zeitpunkt) auf Platte allerdings kaum – und in die richtige Stimmung, um sich davon im Hintergrund berieseln zu lassen, muss man erst einmal kommen. Denn unbedingt spannender ist auch ein ‚Boids‚ mit seinen verschwurbelten Effekten, prägenden perkussiven Elemente und Subbässe nicht, obwohl alles aussichtsreich schillert, oszilliert, als ansatzweise wirksame Suspence-Fläche dröhnt.

Erst danach schöpft ‚Hive1‚ das Ausnahmetalent Braxtons jedoch zielführender – weil nachvollziehbarer – ab: ‚Studio Mariacha‚ penetriert als hibbelig auf den Nervenenden umherhüpfender Loopssalat, ‚K2‚ gibt den ungemütlich schizoiden Score-Ausflug und das strange, anziehende ‚Scout1‚ minimiert den Weg von Black Dice’s Laptop zu Brian Reitzell’s klapperndem Soundtrack für die leider abgesetzte Ausnahmeserie Hannibal, wummert irgendwann gar wie von Sinnen verselbstständigt als pumpender Schweißtreiber. Am markantesten und besten deswegen auch in ähnlicher Ausrichtung, nur noch deutlich konsequenter: Der beatboxend-schnipselnde Rhythmus von ‚Amlochley‚, ein EDM-Traum samt unnatürlichem Cut, der mit seinem wuchtigen Bass in den Bann und schillernder Geste mitten hinauf auf den Dancefloor zieht. Warum es Braxton bei Battles zu langweilig wurde, lässt sich spätestens hiernach wieder leidenschaftlich mutmaßen. Darüber, wie gut seiner überbordenden Kreativität ein Fokus-gebender Bandkontext aber doch täte, mindestens ebenso.

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