Vein.fm – This World Is Going To Ruin You

von am 9. März 2022 in Album

Vein.fm – This World Is Going To Ruin You

Mit dem Hype um Errorzone im Rücken, neu geknüpften Business-Banden zu Nuclear Blast und einem Blick auf die namhafte Gästeliste, schien es absolut logisch zu sein, dass Vein.fm mit ihrem Zweitwerk einen markanten Schritt Richtung Breitenwirksamkeit machen würden – und dann knallen einem die Bostoner derart unverhohlen einen kaum zu bändigen Metalcore-Hassbatzen wie This World Is Going to Ruin You vor den Latz.

Auch ohne trugschließende Erwartungshaltung im Vorfeld ist This World Is Going to Ruin You eine ziemliche Herausforderung und Drohgebärde ohne einladendes Sicherheitsnetz geworden – womöglich selbst für die loyale Fanbasis (denen publicityträchtige Ereignisse in der Nacht vor dem Albumrelease wohl am Allerwertesten vorbeigehen dürften und Vein.fm mit der Zerstörung von fucking micstands höchstens eine Erklärung für den Namenswechsel von Vein nachliefern).
Für den Nachfolger ihres anachronistisch durch die Decke gehenden Debüts schrauben Vein.fm den Grad an griffigen Hooks, unmittelbaren Riffs und straighten Brechern – den Hits, wenn man so woll – jedenfalls markant zurück, steigern dafür jedoch das Ausmaß des Chaos unter einem verstörend creepy daherkommenden Flair im Berserker-Modus des Songwritings eklatant, mixen das Geschrei in einen dicht brütenden Druck: This World Is Going to Ruin You klingt, als hätten sich die aggressiven Extreme des Hardcore-Bandsounds im Teilchenbeschleuniger weiter radikalisiert, eine teilweise regelrecht zerschossen-hyperaktiv unter Strom stehende Fusion mit all den Nebenprojekt-Katalysatoren – Fleshwater, Living Weapon, Venom Benzo, No Souls Saved– eingegangen, um den Hörer in einem Mahlstrom der Reizüberflutung zu ersäufen.

This World Is Going to Ruin You bleibt damit auf den ersten Eindruck gefühlt merklich hinter Errorzone zurück – weniger enttäuschend, als einfach nicht derart ansatzlos begeisternd: So demonstrativ dunkler, härter, manisch-aggressiver und nicht nur von der Titelwahl her stark an Nails erinnernd kann die Gewichtsverlagerung ihres in zahlreichen umliegende Genres brandschatzenden Metalcore-Sogs auch abstumpfen. Gleichzeitig komprimiert und zerschossen auftretend will erst nur wenig hängen bleiben.
Doch während man den Erstling auch noch zahlreichen Durchgängen immer noch klar favorisieren kann, erarbeiten sich die 33 Minuten des Nachfolgers nach und nach durchaus eine – eben stilistisch etwas anders positionierte – Qualität auf Augenhöhe.
Erst tauchen dafür (in der wirklich exzellenten, unzählige Ebenen in Sekundenbruchteilen mit individuellen Spotlights hervorheben könnenden Produktion von Will Putney) nur einzelne Szenen auf, die Reibungsfläche bieten und an denen man seine Aufmerksamkeit geradezu masochistisch festkrallen kann, um die die hyperventilierende Eskalation ihre Sucht mit jedem Durchgang jedoch ekstatischer funktionieren lässt, bevor der Eklektizismus mit all seinen Assoziationen irgendwann doch berauschend und erstaunlich griffig zündet.

Welcome Home arbeitet als aus dem Industrial hämmernde Slo-Mo-Walze minimalistisch mit zwei Tönen polternd überschaubar inspiriert, aber ästhetisch als We-Will-Rock-You-Fleisch für die wuchtige Heaviness-Maschine pochend ästhetisch prägend – eine nackenbrechende Ouvertüre, die wie vieles hier außerhalb des Kontextes weniger schlüssig scheint. The Killing Womb installiert ein klimperndes Horror-Klavier a la Paper Chase, schiebt seine Riffs (die Jeremy Martin seit dem heimlichen Weggang von Josh Butts nur noch konzentrierter und akribischer hinausschleudert) über martialisch tackernde Rhythmen in hysterischer Methodik – das nahtlos übernehmende Versus Wyoming zerreißt es danach förmlich in alle Windrichtungen, zwischen Death-Tendenzen und okkult Texturiertem Stakkato; Destroyer Destroyer, Coalesce oder Deadguy haben diese Band merklich geformt.
Fear in Non Fiction attackiert aus allen Kehlen mit variabel beißender Aggression den Mathcore am Punkrock-Gaspedal, bis Geoff Rickly auf ein Emo-Podest im wahnsinnigen Wirbelsturm klettert und doch ernüchternd aufzeigt: Seine Stimme schafft Raum, klar, klingt dabei aber seltsam steril nicht die sehnsüchtige Intensität zeigend, die man von der Thursday-Legende gewohnt ist. Stattdessen bremst sein sedierter Schleier die Dynamik ein wenig bisslos aus, lässt dabei aber offen, ob dieser absolut erinnerungswürdig aus dem desorientiert machenden Schleudersitz-Morast aufzeigende Moment nicht genau so gewollt ist, um noch mehr zu irritieren.

Auch fällt auf, dass es in der Durchschlagskraft dennoch praktisch keinen Unterschied macht, ob Vein.fm ihr Kompositionen von Post Hardcore verführt über dreieinhalb Minuten ausbreiten, oder wie in der ultragemeinen Abrissbirne Lights Out auf 91 Sekunden destillieren: die erste Hälfte von This World Is Going to Ruin You ist ein atemloser Husarenritt durch ein in sich geschlossenes Minenfeld.
Danach assimiliert das homogene Spektrum in wohldosierten Dosen immer neue Facetten. Wherever You Are holt etwa das Goth-Piano in das Gruselkabinett zum zurückgelehnten Groove, das flüsternde Ambiente zelebriert die gruselige Atmosphäre eines zugedröhnten Alptraums.  Magazine Beach ist mit seinem „Lose my mind, lose my mind in my mind“-Sample ein kaum berechenbarer Ohrwurm, der seine melodisch gesungenen Fleshwater-Ambitionen mit Deftones-Verhaltensmuster in die 90er schickt, halb in den shoegazenden Alternative Rock-Club, halb in den Metal-Reißwolf. Der Stiernacken von Inside Design spannt seine Muskeln dagegen wie ein angriffsversessener kleiner Pitbull oder auf Speed ballernde Knocked Loose im Infight mit Jesus Piece, doch sind es „Six, six, six, six!“-Samples, die am hartnäckigsten aufzeigen – bevor die Band kurzerhand zu Nu Metal-Scratch-Szenen samt Slipknot-Attitüde abtritt. Wo das herkam und unmittelbar wieder verschwindet? Keine Zeit darüber nachzudenken! Aber ausnahmsweise ist deutlich, was Benno Levine so treibt.

Als hätten Dillinger Escape Plan und Code Orange einen fauchenden Bareknuckle Kampf, nimmt Hellnight nämlich den U-Turn zum massiven Break in der Mitte, rollt rückwärts wie ein tollwütiger Katamari, und speit mit Jeromes Dream-Mann Jeff Smith alles wieder hervor. Orgy in the Morgue könnte ein Converge-Pit im Deathcore-Style sein, auch Hass um des Hasses willen, bevor das Ringelspiel hinten raus in aufbäumender Dissonanz die sludgiger angelegte Frontierer nach Silent Hill führt. Wo sich da der aus dem Rahmen fallende Gaststar Bones versteckt bleibt ein Rätsel, die Band frisst ihn offenbar mit Haut und Haaren.
Vein.fm wissen dadurch und zu diesem Zeitpunkt der Platte wohl selbst, dass der wahnsinnige Strom bald zu einer Betäubung oder Ohnmacht führen könnte, die Aufmerksamkeit auch an ihre Belastungsgrenzen kommt. Die finale Phase von This World Is Going to Ruin You radikalisiert deswegen die Kontraste. Wavery borgt sich die Glockenschläge von Akira Yamaoka und den malmenden Tieftöner von den mittlerweile bassistenlosen Deftones in den sprechsingenden Emorock, bevor der MO von Vein.fm sich im infernalen Gebrüll anschleicht, die malträtierende Wut und Wucht mit apokalyptischer Unverrückbarkeit alles betoniert.
Damit kommt This World Is Going to Ruin You eigentlich zu einem Ende – doch ein Epilog spannt sich als längster Song der Bandgeschichte darüber hinaus. Das düster entschleunigten Klavier von Randy LeBoeuf kehrt mit traurigem Klargesang balladesk zurück, um einen beklemmenden Telefongespräch-Mitschnitt sinnierend. Der Closer wird zwar vom Noise-Virus infiziert, schnappt dann auf und erklärt den Albumtitel catchy in der Nähe von Errorzone, schürt seine Härte dann gar von der Tarantel gestochen, schließt den Kreis allerdings doch relativ versöhnlich in den Äther – und treibt einen gleißenden Nagel jenseits der Komfortzone in das Kreuz aus Ambition und Katharsis. Nein, This World Is Going to Ruin You ist nicht das Album, mit dem man gerechnet hat – und wohl auch nicht das, auf das man nach Errorzone gewartet hat.  Das macht die daraus entstehende Herausforderung – und auch Entlohnung – womöglich aber nur noch reizvoller.

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