Waste of Space Orchestra – Syntheosis

von am 20. April 2019 in Album

Waste of Space Orchestra – Syntheosis

Dem Orakel unserer Top Ten-Huldigung werfen die Finnen mit Syntheosis selbst einen Stock ins Getriebe: Nicht einmal Oranssi Pazuzu haben aktuell noch einmal Lust, genau wie auf Värähtelijä zu klingen. Stattdessen beamen sie sich lieber im Verbund mit ihren Landsmännern Dark Buddha Rising als Waste of Space Orchestra in andere Sphären.

Was als kooperative Auftragsarbeit der Finnen für das Roadburn 2018 begann, findet nun neu eingespielt seine Vollendung als reguläres Studioalbum, in der Schnittmenge aller Beteiligter: Die zehn Musiker von Oranssi Pazuzu und Dark Budha Rising finden aus dem strukturoffenen Jam wachsend die tranceartige Synergie aus ihrem angestammten Verortungen im Black Metal, Avantgarde, Psychedelic Rock sowie Doom, Stoner und Atmospheric Sludge.
Syntheosis wächst aus dieser Barrierefreiheit als psychedelischer Trip, als halluzinogene Melange aus fließender Heavyness. Schamanische Spiritualität, die dem improvisierten Rausch als ritueller Space-Exorzismus entlang einer überbordend wachsenden Handlung folgt, selten klassische Formen bedient. Eine auf mutierende Repetition und dichte Atmosphäre setzende Klangkonstruktion, die zwischen intensiv fesselnder Ziellosigkeit und einer durchaus mitreißenden, sich verselbstständigenden Dynamik mysteriöser Texturen gebaut ist.

Man muss sich jedoch auf Syntheosis einlassen, sich der Platte sogar bedingungslos hingeben, um von der hypnotischen Sogwirkung dieser okkulten Meditation erfasst zu werden.
Selbst dann wird man auf dieser (keineswegs fokusbefreiten, aber am Ereignishorizont aufblühenden) Reise vielleicht nicht restlos das überschwängliche Meisterwerk erkennen, dass derzeit überall herbeigeschrieben zu werden scheint.
Dafür mangelt es den 52 Minuten der Platte im Verlauf phasenweise dann doch ein wenig an kompositionellen überwältigenden Szenen, können einige Songs gerade in der schwächeren zweiten Hälfte für sich genommen ihre Ideen nicht zu einem restlos befriedigenden Abschluss bringen, wo gerade der relativ gesichtslos vorbeiplätschernde 0815-Space-Ambient des Titelsongs den kontextuellen Spannungsbogen zu abrupt beendet, die aufgebaute Katharsis in der Luft hängend verpuffen lässt.
Dass die chantende Spoken Word-Messe Infinite Gate Opening und Vacuum Head (in dem das Waste of Space Orchestra erst kurbelt wie der garstige Metal-Bruder von Led Zeppelin, um irgendwann symptomatisch in einen bestialischeren Gang zu schalten) Syntheosis hinten raus schließlich kaum expliziten Höhepunkte verschaffen, das finnische Kollektiv gerade hier ohnedies keine inhaltlichen Climaxe anbietet, sondern vornehmlich auf das Umschichten und punktuell auslaufende Intensivieren von Motiven setzt, mag live überwältigend gezündet haben – auf Tonträger bleibt jedoch eine nicht bedingungslos auslaugende Frustration zwecks des Abschöpfens des aufgezeigten Potentials zurück.
Trotzdem – oder gerade deswegen? – will Syntheosis als ganzheitliche Erfahrung über seine imaginative Stimmung und sphärische Tiefenwiekung funktionieren, den Weg als Ziel deklariert. Was dann über weite Strecken doch auch furios gelingt.

Void Monolith eröffnet als delirante Klangcollage, entrückt und trügerisch fiebrig. Das zitternde Schlagzeuggewitter baut Spannungen auf, die sich als retroaffine, heavy/orgelnde Psychedelik entladen, erst spät in einen rumorend-walzenden Gang verfallen. Die entrückte, andersweltartige Produktion der Platte ist schon hier organisch und vielschichtig, das Kollektiv verfällt in eine strukturoffen brütende Trance, der auch aus einem 70er-Horror stammen könnte. The Shamanic Vision wetzt seine okkulten Schellen dort martialisch polternd, wie eine seismisch-sakrale Urgewalt, massiv und feierlich, auf deren Kanzel das keifende Geheul in Schüben treibt, unter Tempodruck bolzend eskaliert, so hymnisch atonal wie erhebend abgründig.
Seeker’s Reflection rockt dagegen geradezu straight, ist eine böse groovende, halluzinierend-erbrechende Synthie-Jubilierung, die ihre kompakten Rhythmus verzerrt, gespenstisch mit überschwänglichen Melodie-Überbauten hantiert und die Frage stellt, ob das nun alles schon Postpunk sein könnte.
Journey to the Center of Mass ist dies ziemlich sicher. Zumindest kommt der entschleunigt-torkelnd-polternde Monolith anfangs durchaus der sinistren Alptraum-Version von Tropical Fuck Storm nahe, bricht später jedoch aus seiner nebulös-schwankenden Beharrlichkeit aus und mutiert zum tonnenschweren Brummer, ekelhaft röchelnd mit postmetallisch flirrenden Gitarren und ätherisch funkelnd-flimmernder Darkroom-Lounge. Wie eigenwillig, kurzweilig und charakteristisch das Konglomerat des Waste of Space Orchestra klingt, ist durchaus faszinierend – aber eben nicht in letzter Konsequenz so überwältigend, wie es gefühltermaßen sein müsste. Was genau fehlt, ist dabei ebenso schwer zu fixieren, wie stilistische Referenzpunkte außerhalb des eigenen Kosmos für das Projekt niemals gänzlich zutreffen wollen.

Zumal Syntheosis mit Fortdauer nach seinem Höhepunkt zur Mitte hin doch ein wenig schwächer wird, zwar keinen Leerlauf aufkommen lässt, aber seine PS weniger intensiv auf den Boden bekommt.
Dabei variiert die Dynamik, erweitert sich das Spektrum konstant. In Wake up the Possessor kommt beispielsweise der instinktiv als weibliches Feature wahrgenommene, aber offenbar nur verdammt theatralische Falsett-Gesang von Marko Neuman nahe Rush über dem beklemmenden Loop aus einer minimalistischer Suspense-Melodie, wirft sich düster rockend in neue klangliche Facetten, obwohl die Stimme zu bemüht und exaltiert phrasiert. Überzeugend wird alles erst, als das (besser mit dem Gebräu harmonierende) bekannte Gebrüll einsetzt, eine treibende Percussion zur fast klerikaler Beschwörung erhebt. Dann ist alleine die Stimmung, Ästhetik und Gravität der Platte so gewichtig, dass Syntheosis gar nicht notwendigerweise all der Euphorie um das Waste of Space Orchestra gerecht werden muss, auch die leichte Enttäuschung ob der überdimensional geschürten Erwartungshaltungen weitestgehend kompensiert, um konsequent nachvollziehbar zu machen, dass man sich in der Sogwirkung dieses schwarzen Loches erfüllend verlieren kann (obwohl zwischen den Punkten liegend ob einiger weniger stringent packender Nebenhandlungen dennoch schweren Herzens die Abwertung erfolgt). Eine Fortsetzung wäre also durchaus wünschenswert.

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