Witchcraft – Nucleus

von am 22. Januar 2016 in Album

Witchcraft – Nucleus

Kaum einer Band hat man in jüngerer Vergangenheit einen Labelwechsel derart eklatant angehört, wie den Witchcraft-Umstieg von Rise Above Records zu Nuclear Blast. Vor dem Hintergrund eines diesmal wieder stärker an die Frühphase der Band erinnernden Songwritings ist es insofern jedoch ein noch zweischneidigeres Schwert, dass ‚Nucleus‚ soundtechnisch – wenn auch etwas aufgeweicht – dort weitermacht, wo ‚Legend‚ vor 4 Jahren aufgehört hat.

Den auf dem Vorgänger (mittels einer im Gegensatz zu ‚Witchcraft‚, ‚Firewood‚ und ‚The Alchimist‚ weniger federleichten und folkig-luftigen Retro-Produktion etablierten) fetteren Metal-Sound haben sich die besetzungstechnisch abermals runderneuerten Witchcraft (neben Rage Widerberg an den Drums und Basser Tobias Anger breitet sich der eigenwillige Bandkopf Magnus Pelander nun wieder in alleiniger Personalunion über Gesang und Gitarrenarbeit aus) trotz einiger softer zurückgenommener Härtegrade weitestgehend behalten – die Songs selbst entfernen sich dahinter jedoch vom etwas classic-hardrockend durch die Decke gehenden ‚Legend‚: Knapp eineinhalb Jahrzehnte nach der Gründung orientieren sich die Schweden wieder stärker an ihren Wurzeln im klassischen Doom, verehren offenkundig Black Sabbath und Pentagram, lassen ihre Kompositionen dafür aber auch deutlich weiter schweifen als zuletzt, bis in die Psychedelik und auf Längen von bis zu 16 Minuten anschwellend, progressiver und oldschooliger.

Vor allem, wenn man ohnedies bereits ein grundsätzliches Problem mit dem neuen Klang der Band hat und sich die zeitlosere, weniger knackige Soundpalette der ersten drei Alben zurückwünscht, öffnet ‚Nucleus‚ als theoretisch willkommener Schritt zurück in die „richtige“ Richtung (…) insofern durchaus der Unterstellung Tür und Tor, dass die versammelten 70 Minuten mit einer akustisch weicheren Ausleuchtung durch die Produzenten Pelander, Philip Gabriel Saxin und Anton Sundel wohl noch heller, weil effektiver strahlen hätte können. Untermauert wird diese These auch dadurch, dass das fünfte Witchcraft-Werk von seinem an sich großen Opener weg (‚Malström‚ baut sich aus nebulös trippigen Gefilden zu einer epischen Kaskade auf, wechselwirkend doomig walzend und nackendbrechend anschiebend – doch die Parts in denen Pelander am Mikrofon auftaucht klingen phasenweise geradezu irritierend sanftmütig im restlichen Kontext, was ein subjektiv unbefriedigendes Grundgefühl mitschwingen lässt) über die restliche Dauer seiner ausführlichen Spielzeit mit folgewirkenden Problemen zu kämpfen hat: gleich das kompakt zweieinhalbminütige ‚Theory Of Consequence‚ staffelt sein Tribute-Riff artig, bleibt aber im Grunde eindruckslos; die okkulten, freigeistigen Folk-Sprengsel im an sich  famosen, hinten raus hemmungslos ausorgelnden Jethro Tull-Moment ‚The Outcast‚ wollen sich nicht so recht nahtlos in den restlichen Fluss einfügen.

Nucleus‚ wirkt an der Schwelle zur potentiellen Glanztat (wie lässt Pelander die Konkurrenz in den besten Augenblicken doch wieder Staub fressen!) stets ein wenig zu unausgegoren zwischen den Stühlen plaziert, gewollt sperrig erzwungen, nie so intuitiv herangewachsen wie alle bisherigen Alben der band. So gönnt sich die Platte immer wieder monotone Leerläufe und nicht zum Punkt kommende Ziellosigkeiten. Der Titelsong baut sich etwa 8 Minuten lang aus, schwelgt danach selbstgefällig weitere sechs in einem weihevollen Progrock-Singsang, der stimmungsvoll gemeint ist, aber nicht ansatzweise die verbrüdernde Intensität von beispielsweise einem ‚Burnt Reynolds‚ erreicht: Spannungen passieren hier zu weiten Teilen nur an der Oberfläche.
Darunter fehlt mal der unbedingte Zugzwang, mal die unangestrengte Lässigkeit; als würden die einzelnen Bestandteile der Platte – trotz an sich atemberaubend passgenauer Zutaten wie leidenschaftlichen Vocals, unberechenbaren Gitarrenausflügen und einer charismatischen Präsenz –  nicht restlos miteinander harmonieren. Zumal Pelanders Zuständigkeitsbereich auch noch generell deutlich lebendiger inszeniert wurde als die höchstens souveräne Rhythmusabteilung, weswegen selbst das bluesige Hochgefühl ‚An Exorcism Of Doubts‚ seltsam statisch anmutet.

Womit Pelander ärgerlich viel Potential verschenkt: ein ‚The Obsessed‚ hätte ein Mörderbrocken von einem Stonermonster werden können; das nicht in Gang kommen wollende ‚Helpless‚ gefällt paradoxerweise gerade wegen seiner drögen Fahrigkeit. ‚Nucleus‚ hat eben seine bestechenden Momente, mäandert um tolle Songs, versucht den Kosmos der Band abermals weiterzudenken und ist in dieser  Ambition eine mehr als begrüßenswerte Platte – nur an der Ausführung hapert es eben, das Feeling ist unstimmig, die vorhandenen PS kommen einfach zu selten am Boden an. Eine gute Genreplatte, die zuviele leere Meter zurücklegt ist eben zu wenig vor Witchcraft-Standards. Nachzuhören auch im abschließenden ‚Breakdown‚, das die erste Hälfte seiner 16 Minuten Spielzeit langweilend lamentiert, danach aber mit fiebriger Schwere alles kann, was Jack White seit Jahren nicht mehr zustande bringt.

06

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