Zach Bryan – Summertime Blues

von am 16. Juli 2022 in EP

Zach Bryan – Summertime Blues

Als hätte man das 122 Minuten dauernde Dreifach-Mammutalbum American Heartbreak knapp zwei Monate nach seinem Erscheinen bereits verdaut, legt Zach Bryan in Form von Summertime Blues bereits neues Material vor.

Mit neun Songs in 28 Minuten kann man Summertime Blues in der direkten Relation zum Volumen von American Heartbreak freilich durchaus als EP bezeichnen, so wie Bryan selbst es übrigens tut – anderswo wäre diese Sammlung aber wohl guten Gewissens als Langspieler durchgegangen.
Wie auch immer: Während man so oder so noch über die unglaubliche Produktivität des 26 jährigen Senkrechtstarters staunt, liegt das eigentlich relevante Spektakel doch hinter der aufsehenerregenden Veröffentlichungsweise: Wie der ähnlich schaffenswütiger Kollege Charley Crockett übersättigt Bryan weder mit seiner nicht abreißenden Präsenz, noch fällt der Output des Mannes aus Jacksonville qualitativ unter der hohen Release-Frequenz ab.
Subjektiv gesehen ist hier sogar (selbst ohne potentielle neue Instant-Lieblingssongs wie The Outskirts im Repertoire) gegenteiliges der Fall, weil, wo man zuletzt Gefahr lief, den Wald vor lauter Bäumen nicht erkennen zu können, die kompaktere Rationierung an Songs dem Hörer und seiner Aufmerksamkeitsspanne entgegenkommt, zudem auch dem Material an sich, da all die feinen Ideen, Melodien und Hooks in einer verdaulicher ausgelegten Materialmengen-Umgebung generell keine Sorgen haben müssen, in der Masse unterzugehen.

Mit welcher Leichtigkeit Bryan hier wieder die (teilweise schon seit einiger Zeit durchs WWW und Setlisten geisternden) Ohrwürmer aus dem Handgelenk schüttelt, ist jedenfalls ziemlich beachtlich.
Gleich Quittin‘ Time geht unaufgeregt mit Fidel und Banjo nach vorne, nimmt unkompliziert catchy zum gefälligen ock mit – hat aber den Bryan-Kniff: bevor man noch überlegen kann, ob das alles nicht in seiner Simplizität zu beliebig wirken könnte, packt Zack plötzlich die kehlige Röhre aus, holt ein paar Kumpels an Bord und bringt das gniedelnde Solo zur Ausgelassenheit. Auch Us Then vertändelt sich nicht im soften Springsteen’esk Heartland-Standard, sondern lässt die Drums die Spannungen unkonventionell aufkochen und packt kraftvoll zu, während All the Time aus der flehend-beschwörenden Arena die Abzweigung zur fragilen, intimen Verletzlichkeit kennt.
Motorcycle Drive By ist die gute Sorte Radiotauglichkeit a la Taylor Swift, macht Stimmung und ist exemplarisch angenehm zu hören, selbst wenn man mit den angesprochenen Themen nicht das Kernpublikum stellt: Bryan beherrscht einfach eine universelle Sehnsucht, kompakt und pointiert, vermittelt die Stimmung einer besseren, einfacheren Zeit.

Zudem stimmt der Spannungsbogen und die allgemeine Dynamik. Der Titelsong ist in naturalistischen Field Recordings eingebettet und schippert folkig im relaxten Vibe der Reduktion, derweil ein sparsamer Chor manchmal unter die die verträumte Nostalgie greift und das Gemeinschaftsgefühl der Platte bestärkt. Oklahoma Smokeshow forciert mit behutsamer Hymnik diese geduldig erhebende Stadion-Tauglichkeit, von der auch Brian Fallon sinniert, zündet das Feuerwerk aber ohne Pathos, Kitsch oder wirklich überwältigenden Klimax. Jamie schmiegt sich wunderbar gefühlvoll an das Lagerfeuer für ein ideal sitzendes Duett mit Charles Wesley Godwin, bevor Twenty So sich bedächtig aus der Einkehr in Bewegung setzt, bescheiden und nachdenklich bleibend, und Matt and Audie abgedämpft lauernd verschmitzt als Intermezzo stapft.
So sehr wie American Heartbreak trotz seiner Länge jedoch dein Eindruck vermied, das erdrückende Opus Magnum von Bryan sein zu wollen, so wenig ist Summertime Blues jedoch „nur“ ein nachgeworfenes Zwischenspiel: Die Karriere des rastlosen Country-Hypes scheint aktuell vielmehr den Fluß einer vorerst unversiegenden Quelle nonchalant zu nutzen und damit einem natürlichen Verlauf intuitiv zu folgen. Dass das Jahr 2022 letztendlich mehr als  43 Song von Bryan zu hören bekommen wird, erscheint insofern keineswegs unwahrscheinlich – und absolut willkommen.

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