Liam Gallagher – As You Were

von am 9. Oktober 2017 in Album

Liam Gallagher – As You Were

As You Were ist nach dem unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung durchplätschernden Ende von Beady Eye natürlich nicht das prolongierte Meisterwerk geworden, das Liam Gallagher selbst standesgemäß in seinem späten Solodebüt hört.

Es ist aber die deutlich besser als nur solide abliefernde und trotzdem (oder gerade deswegen) über den Erwartungen (und stilistisch natürlich praktisch exakt an diesen entlanglaufende) Britpop-Zuverlässigkeit geworden, für die Bruder Noel dann doch zu viel Evergreen-Sprit im Tank hat und die Richard Ashcroft qualitativ leider grundsätzlich nicht mehr gelingen will.
Begleitet von den üblich amüsanten Publicity-Rants läuft As You Were mit der klugen phasenweisen Unterstützung einiger Co-Songwriter (etwa Iain Archer sowie in Personalunion Produzenten Greg Kurstin, Dan Grech-Marguerat und sowie Andrew Wyatt) immerhin als herrlich unaufgeregte Sammlung an veritablen Rockern, die gerade auch deswegen stark auftrumpft, weil die Songs selbstsicher, aber nicht arrogant ausstrahlen, eben demonstrativ niemandem etwas beweisen müssen und Liams charismatischen Stärken unheimlich souverän abrufen – im besten Sinne des Wortes.

Liam und seine Helfer orientieren sich (etwa mit den immer wieder auftauchenden bluesigen Mundharmonika-Tapeten, oder gelegentlich stumpf stampfenden Plattitüden im unspektakulären Traditionalismus der stets zumindest guten, manchmal aber sogar auch noch besseren Melodien) ein wenig an Konventionen zwischen Don’t Believe The Truth und dem Druck von Dig Out Your Soul, liefern zwischen manchen frechen Déjà-vus ohne nennenswerte Ausfälle ab.
Gut, den kaum inspirierten, schon ziemlich öde vorangetriebenen Standard Greedy Soul, You Better Run (das sich damit begnügt Lord Don’t Slow Me Down flotter angekurbelt in einen Roadhouse Outlaw mit zugekleisterten Gewand zu übersetzen) oder Universal Gleam (das sich in den Windschatten von Tender legt, um Real Love zu recyceln, gerade in der zweiten Hälfte jedoch zu käsig in billige Arrangements fällt, die kaum kaschieren können, dass hier die wirklich starken Hooks fehlen); ja diese das Niveau leicht abdämpfenden Ausnahmen hätte es im runden Fluss der Platte jetzt nicht unbedingt gebraucht – stören tun sie allerdings auch kaum.
Vor allem, weil das Manchester-Großmaul unter dem Strich eine erfrischend nonchalante, auch überraschend kohärente Platte aufgenommen hat, die sogar immer wieder einige feine Schmankerl in der Playlist der besten Post-Oasis-Nummern platziert – gerade die versöhnlicheren Nummern geraten mitunter exzellent, ausgerechnet die softe Seite steht Liam exzellent.

Paper Crown bezaubert dann etwa als zurückgenommene Ballade mit psychedelischer Hippie-Färbung, verneigt sich einmal mehr absolut devot vor den Beatles. Da treiben Gitarren neben dem legeren Piano dahin, doch in der Performance liegt eine Leichtigkeit, die man Liam so nicht unbedingt zugetraut hätte. Zum wunschlosen Glück fehlt da (wie auch an anderen Stellen) vielleicht  nur eine epische, markante Leadgitarre, aber egal – auch so ist das anmutiges Handwerks-Kino.
For What It’s Worth schielt zur getragenen Stadion Hymne, ist aber „nur“ eine schlichtweg wunderschöne Ballade in den Fußspuren alter Großtaten, deren Streicher sogar Wehmut aufkommen lassen, wenn die (meistens natürlich ziemlich sinnlosen) Lyrics nicht nur hier als Brücken im Bruderzwist interpretiert werden können. When I’m In Need driftet mit Lennon’schen Manierismen und subtil reichhaltiger Instrumentierung zu einem großen Refrain, der den Holzhammer glücklicherweise zuhause lässt, bevor Noel die Zügel doch noch enger zieht und ein paar Casinobläsern begegnet, während er seinem Ziel entgehen stampft. I Get By täuscht dagegen an nur eine weitere nette Nummer nach bekannten Schema zu sein, bis Liam die Nummer plötzlich mit einem nach oben ausbrechenden Refrain adelt, Come Back to Me kann dagegen nicht ganz halten, was der Weg zum Chorus ankündigt.
Chinatown ist ein Rückblick auf Songbird in älter und ruhiger, der im Psychedelicarausch verschwimmt und zu abrupt endet, spätestens I’ve All I Need jene nachdenkliche Nummer, die auch Liam Feuerzeuge in der Arena einbringen wird. Überhaupt sollte As You Were ganze allgemein live noch besser funktionieren als auf Tonträger, da etwa die Produktion der Bassdrum doch zu klinisch und dick geraten ist, die Gitarren ein wenig mehr Dreck und Energie vertragen könnten und frühe Versionen der Numern ganz allgemein eine hier vermisste Kratzbürstigkeit ausstrahlten.

Nichtsdestotrotz spielt Liam As You Were von der potenten ersten Single Wall of Glass (das hämmert erst als Mucky FingersRevisited und schlendert dann aber doch lieber durch seine Strophe und findet für den Refrain eine soulige Gospel-Backdrop, der fett inszeniert über seine Rhythmuslastigkeit swingt) und dem noch maßgeblicheren Bold (das wie vieles hier mit zurückgenommen angeschlagenen Gitarrenakkorden beginnt, langsam anschwillt und seine Harmonien sogar mit Handclaps über seine zu lange Spieldauer antaucht) alleine schon mit seiner unverwüstlichen Stimme nach Hause, die einen zu konventionellen Charakter im Songwriting auffangen kann.
Es hält sich dann auch die Waage, dass As You Were routinierter abliefert, als nahezu das gesamte Beady Eye-Œuvre es tat (auch wenn BE an sich spannender war und Different Gear Still Speeding ein willkommenes Bandflair hatte) und damit gerade Altfans als natürlichste Sache der Welt abholt; es den zwölf Songs auf der anderen Seite dann aber doch an den wirklich nachhaltigen Geniestreichen oder emotional unbedingt packenden Gänsehaut-Geistesblitzen fehlt, die aus rundum guten Songs wirklich herausragende machen würden. In dieser Hinsicht mag Liam zwar für Who Built the Moon? (gerade mit der schwachen The Vaccines’n’Ricky Martin’esken Single Holy Mountain vor Augen) ordentlich vorlegen, durch das 2015er-Glanzstück Chasing Yesterday bis auf weiteres dennoch im Rückspiegel von Noel bleiben.
Abgesehen davon bleiben ein paar Dinge ohnedies beim Alten, fast schon auf Oasis-Niveau. Nämlich, dass Liam das großartige bollernde Tame Impala-Stück It Doesn’t Have to be that Way, das beschwörende All My People / All Mankind und die liebliche Einkehr I Never Wanna Be Like You sträflich unter Wert verkauft und als Bonus Tracks versauern lässt. Ein gutes Album hätte also locker noch besser sein können – denn hätten diese Nummern ganz offiziell ein paar der schwächeren Albenvertreter ersetzt, dürfte man sich auch gerne einen Punkt in der Endbewertung dazudenken.

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