Noel Gallagher’s High Flying Birds – Chasing Yesterday

von am 27. Februar 2015 in Album

Noel Gallagher’s High Flying Birds – Chasing Yesterday

Dass Noel für die besten Post-Oasis-Momente zuständig sein würde, war ja irgendwo immer klar. Dass er dies jedoch auch mit einem Album unter Beweis stellen würde, das sich dezent aus der Wohlfühlzone des Briten lehnt und dabei sogar vorführt, wie man Saxofonsoli ohne Fremdschämgefühl auffährt – das überrascht dann doch in gewissem Ausmaß.

Chasing Yesterday‘ lässt seinen Vorgänger ‚Noel Gallagher’s High Flying Birds‚ in gewissem Maße gar noch konservativer wirken. Auch deswegen, weil der ältere Gallagher aus den wenigen Schwächen seiner ersten Soloplatte Platte gelernt hat und alleine den rhythmischen Unterbau des zweiten Anlaufs deutlich dynamischer aufgestellt hat, die Übergänge zwischen den Einzelteilen runder gestaltet. Dass das abschließende ‚Ballad of the Mighty I‚ mit seinem Johnny Marr-Gitarrenspiel und den dramatischen Streichern für die  Discotanzfläche als rundum aufgepimpte Version von ‚AKA… What a Life!‚ zu hören ist, darf stellvertretend für die gesamte Platte gesehen werden: Noel fühlt sich sichtbar wohler in der Rolle des alleinigen Bandleaders und schreibt um dieses gefestigte Selbstbewusstsein (als wäre das je das Problem seiner Platten gewesen!) einige der stärksten Songs, die ihm in diesem Jahrtausend gelungen sind.

Klar, das wuchtige ‚Lock All the Doors‚ stammt im Grunde noch aus den vorangegangenen 90er, ist aber neben dem (vielleicht etwas zu simpel gestrickten) ‚You Know We Can’t Go Back‚ straighte Rocksongs von jener Güteklasse, für die sich jede Oasis-Platte nach ‚Heathen Chemistry‚ artig bedanken hätte müssen, während sich ‚While the Song Remains the Same‚ nach und nach aus seinem groovenden Kokon freistrampelt. Auch ‚The Girl with X-Ray Eyes‚ und vor allem das behutsam träumende ‚The Dying of the Light‚ werden als ganz wunderbare Balladen auf lange Sicht nicht mehr aus dem Live-Repertoire des Engländers zu denken sein. Was überdurchschnittlich solides Songwriting angeht ist Noel eben seit jeher eine Bank – auf ‚Chasing Yesterday‚ gelingt ihm sein formvollendetes Handwerk über weite Strecken dennoch wieder das Quäntchen überragender als zuletzt. Da trüben nicht einmal das öde ‚I Sat by the Ocean‚-Double ‚The Mexican‚ als Album-Tiefpunkt sowie der treibende Hit ‚In the Heat of the Moment‚ mit seiner unfassbar nervenden „Nananana„-Hookline das Gesamtbild.

Den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen jedoch jene Momente, in denen Noel sich zwar auf altbekanntem Grund und Boden bewegt, sein Territorium jedoch auf eine breitere Basis hievt. Natürlich ist hier jedweder Wagemut in Relation zu seinem Urheber zu setzen, aber die geschickt an Anfang, Mitte und Ende gesetzten Expansionen hinsichtlich Kompositionsaufarbeitung und Arrangements lassen dann doch irgendwo staunen: ‚Riverman‚ beginnt als ‚Wonderwall‚-Antäuschung, wandert danach aber mit Bläserunterstützung hin zu proggigen Gitarrensoli, die den Geist von David Gilmour und Pink Floyd beschwören. ‚The Right Stuff‚ begibt sich danach noch weiter hinein in verjazzt psychedelische Gefilde, überlässt als verschwommen-beruhigter Ausläufer von ‚Dig Out Your Soul‚ seine Leadvocals gar dem Damenbesuch und inkludiert dazu noch ein ätherisches Saxofonsolo: Der Mising Link zwischen ‚Gas Panic!‚ und ‚The Turning‚, exklusive Liam, natürlich.

„‚Supersonic‘ was‘ the first thing I ever recorded and ‚The Right Stuff‚ is the last thing I recorded, and I like that. The journey in between has been fucking amazing as well. My songwriting is hopefully still going somewhere.“ sagt Gallagher und darf sich berechtigte Hoffnungen diesbezüglich machen.
Ganz ungeachtet dessen, dass ‚Chasing Yesterday‚ rückblickend eventuell gar als Übergangsplatte durchgehen könnte. Weil sie den Aufbruch zu neuen Ufern zwar imposant andeutet, aber nicht in bedingungsloser Konsequenz vollzieht und daneben einerseits die Trademarkstärken der Vergangenheit forciert, dabei aber die Grenzen zu den unsterblichen Geniestreichen andererseits nie übertreten kann – wofür vermutlich einfach Ex-Beady Eye-Anführer Liam als Reibungspunkt und Stimme fehlt.
Letztendlich bleibt auch so ein Album, das aus seiner Routine beinahe ausnahmslos Vorteile zieht und den High Flying Birds vermutlich nicht derart effektiv neue Fanschichten rekrutieren wird wie Interview-Kaiser Noel selbst, aber die seit jeher ergebenen Fanboys zufrieden mit der Zunge schnalzen lassen sollte: Chapeau!

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