Phoenix – Ti Amo

von am 24. Juni 2017 in Album

Phoenix – Ti Amo

Phoenix lassen den unbedingten Willen zum Hit auf Ti Amo ein wenig zurück, um stattdessen in einem dekadenten Disco-Italo-Ambiente zu flanieren: Eine so ernüchternde wie souverän die Batterien aufladende Komfortzonen-Verlagerung.

So viele Ohrwürmer das tolle Bankrupt! letztendlich auch an Bord hatte, mussten sich Phoenix anhand ihres fünften Studioalbums doch den Vorwurf gefallen lassen, ihre erste weitestgehend mutlose Platte aufgenommen zu haben. Abseits des addierten japanischen Lost in Translation-Flairs zwischen den Zeilen hatte sich die Band aus Versailles schließlich damit begnügt, den durch die Decke gehenden Vorgänger Wolfgang Amadeus Phoenix mittels relativ durchsichtiger Popsongs schon alleine strukturell zu kopieren und sich dabei in einen zugekleisterten Sound zu verrennen.
Eine knapp vierjährige Auszeit später wirken immer noch Spuren dieser Entwicklung nach – die Leichtigkeit der Frühphase ist auch auf Ti Amo nur noch selten zu spüren, der einst freie Raum längst mit Elektronik aufgefüllt. Doch  haben sich die Vorzeichen ein wenig geändert: Der (Erfolgs-)Druck scheint weitestgehend verflogen, und endlich untertauchen Phoenix die Erwartungshaltung auch wieder.

Mit einer noch deutlicher auf Synthies und den schwülen Backkatalog der 80er gebauten Platte, einer Neujustierung im Sound und einer Reduktion der allgemeinen Dringlichkeit. Plötzlich klingen Phoenix fast schon kitschig noch retroaffiner als bisher und dazu insbessonders nach den Pet Shop Boys, nach Gelateria in Rimini statt Côte d’Azur – aber eben vor allem auch wieder maßvoller als zuletzt. Weswegen das Album Nummer Sechs trotz einer fast schon galligen Süßlichkeit auch weniger satt und vielleicht sogar dezenter auftritt, als Bankrupt! es tat.
Die beiden Vorboten, das in die unterkühlte Disco flimmernde J-Boy sowie der Titeltrack, der die konzipierte Unbeschwertheit der pumpenden Tanzbarkeit perfektionistisch destilliert, stehen insofern schon symptomatisch für Ti Amo im Gesamten: Das Songwriting der Franzosen ist unter dem dichten Klang simpler geworden, die Melodien der Band breiten sich darüber nunmehr nebensächlicher aus, die Hooks greifen weniger frontal und spektakulär catchy. Und ja – das kann zumindest auf den Erstkontakt hin dann eben auch durchaus ein wenig enthusiasmusbefreit entlassen, weil die erschlagenden Hits einfach fehlen.

Nach und nach erweist sich Ti Amo jedoch auch ohne herausragende Ausnahmesongs entlang einer grundlegend konstanten Qualität allerdings nicht nur als das (neben dem immer wieder gerne unter Wert verkauften It’s Never Been Like That) rundeste Phoenix-Album, sondern auch ganz generell als stimmiger Grower, der sich als herrlich kurzweiliges Sommerpopalbum nahezu unbemerkt über die Hintertür in die unbeschwerte Heavy Rotation schleicht und dort kaum derart ratlos entlässt, wie die Texte von Thomas Mars.
Das entspannte Fior Di Latte plätschert etwa fein, während sich Lovelife minimalistisch an Kraftwerk geschult gibt, Goodbye Soleil relaxt den Daft Punk-R&B probt und Fleur De Lys die bisweilen elegisch treibende Dynamik des Albums einmal flotter antaucht. Telefone führt dann souverän jene Anknüpfungspunkte zu Ende, die The Strokes mit Nummern wie Chances wiederum bereits zu Phoenix gesucht haben – Wagnisse geht Ti Amo letztendlich eben keine ein.
Viel eher ist das zu jedem Zeitpunkt gefällig und angenehm optimistisch-verträumt konsumierbar, manchmal aber eben auch nicht mehr als ein elegant-ästhetischer, romantischer Dolce Vita-Soundtrack für eine Wohlfühlzone abseits der tristen Realität des Alltags.

Vinyl LP auf Amazon | CD auf Amazon | MP3 Download auf Amazon

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen