Sun Kil Moon – Common as Light and Love are Red Valleys of Blood

von am 10. März 2017 in Album

Sun Kil Moon – Common as Light and Love are Red Valleys of Blood

Common as Light and Love are Red Valleys of Blood ist wahlweise das ausführliche Opus Magnum des „neuen“ Mark Kozelek – oder aber endgültig der egozentrisch-polarisierende Tiefpunkt einer Entwicklung, die Sun Kil Moon seit einigen Jahren vollziehen. Die erschlagenden Masse dieses Doppelalbums suggeriert eher zweiteres, obgleich die Wahrheit wie so oft eher zwischen den Extremen zu suchen ist.

Als Kozelek 2012 auf dem noch sehr Red House Painters-nahen Among the Leaves damit begann, leise Ironie und trockenen Humor in die zauberhaften Elegien von Sun Kil Moon einzuflechten, hätten wohl nur die wenigsten damit gerechnet, dass der ewige Grantler damit einen stilistischen Paradigmenwechsel einleitete, dessen Modus Operandi über die tolle Zäsur Benji sowie das schon leichte Abnutzungserscheinungen zeigende Universal Themes nun in dem ultimativen Common as Light and Love are Red Valleys of Blood gipfelt: Kozelek liest, rezitiert, nölt, nuschelt und sprechsingangelt sich durch schier endlose Textmyraden – unzusammenhängende Alltagsbeobachtungen, Triviales und poetentielle Tagebucheinträge, die nur noch selten die Weisheit alter Tage durchscheinen ließ – über unspektakuläre Songleviathane, die schon einmal wie willkürlich unter die Lyrics geschobene Fragmente wirken können. Pseudoprogressiv die Schemen durchreichend und zumeist auch keine Verwendung für jene wärmenden Melodien und minimalistischen Hooks findend, für die man (einen seinerzeit noch nicht durch polarisierende Exzentrik auffallenden) Kozelek einst so unvermittelt lieben konnte.

Kozelek ist mittlerweile eben „that middle-aged guy with a gut that I never thought I’d be„, weswegen Common as Light and Love are Red Valleys of Blood die Gangart der beiden Vorgängerplatte nun auch erschöpfend auf die Spitze treibt – und jedwedes entgegenkommende Maß an verdaulicher Dosierung kappt. „I ain’t no one’s puppet“ eben, no fucks given.
Bei 16 Songs über 130 Minuten ist das natürlich grundsätzlich ehrfurchtgebietend konsequent und beachtlich kompromisslos – letztendlich vor allem auf Dauer aber auch ein an der Substanz zehrender Kraftakt, der über weite Strecken enervierender, weil so dermaßen übersättigender ausfällt, als alle vorangegangenen Ausprägungen dieses egozentrischen Kozelek’schen Mikrokosmos.  Gleichermaßen ist Common as Light and Love are Red Valleys of Blood eine schrullige Komfortzone, die den Hörer über weite Strecken außen vor lässt, wenige unsiverselle Erkenntnisse liefert, und stattdessen die Dinge summiert, an denen man sich schon an den Vorgängern stoßen konnte.

Musikalisch beschränkt sich das achte Sun Kil Moon-Album über weite Strecken nämlich darauf, sich auf seine grandios trocken groovende, unermüdlich bedienende Rhythmussektion zu verlassen (wieder der großartige Steve Shelley am Schlagzeug und Nick Zubeck an dem überraschend laut abgemixten Bass), während das restliche Instrumentarium gefällig nebenher plätschert. Das funktioniert phasenweise gut (wie im fast schon klassich daherkommenden Nylon-Opener God Bless Ohio, im nett schunkelnden I Love Portugal), besorgt sich hier und da zudem nette Ideen (Stranger Than Paradise hofiert etwa einen tatsächlich friedlich strahlenden Refrain) und zaubert schöne Momente (das elegische Piano in Early June Blues, die finale Sologitarre in Bergen to Trondheim, der orgelnde Shuffle in Bastille Day, das hippieske Gekniedel in Seventies TV Show Theme Song), bleibt aber im Endeffekt weiterhin oft reines Mittel zum Zweck, das gleichermaßen beliebig wie im Grunde perfekt auf seinen Job als Transportmedium reduziert arbeitet.
Denn abermals ruht das Gewicht auf den Texten Kozeleks, die einmal mehr Tragödien streifen und zahlreiche Opfer zu beklagen haben; den Zustand der Welt analysieren und süße Kätzchen betrachten; Trump prophezeien und alte Freunde ehren; mit der Faszination für Serienmörder den Highway entlangbrausen und uninteressante Details noch und nöcher akribisch listen; unzählige Referenzen an das Tourleben, Yacht-Rock, Berufskollegen/Feinde, zahlreiche Boxlegenden und das billige Medienzeitalter ausspeien; das Alter in Las Vegas reflektieren und das Leben ganz allgemein anhand des Kampfes Pacquiao gegen Bradley: „The fight hadn’t gone as I predicted/And that’s life„.

Bis Kozelek aber etwa zu dieser so simplen wie erlösenden Erkenntnis im knapp 9 minütigen Chili Lemon Peanuts kommt, hat er die modulierte Jam/Song-Baustelle schon zu einer Zeitlupen-Spieluhr ausgebremst und agiert an der Grenze zum schlafwandelnden Rap, ermüdet mit Einzelheiten wie strickten Datumsangaben und genauen Sitzplatznummern – ist praktisch pure, zermürbende, imaginative Bildsprache. Common as Light and Love are Red Valleys of Blood versammelt endgültig nur noch selten konventionelle Songs mit Ziel, viel lieber verliert sich Kozelek in all den Erinnerungen, Referenzen und Erzählungen über oft wenig inspirierten Kompositionen.
Natürlich möchte man dabei wissen, worum der Texter Kozelek gedanklich kreist – man weiß aber insgeheim längst, dass er – obwohl sich seine Zeilen mittlerweile vollkommen ohne Metaphern oder Cheffrierungen arbeiten – nur selten zu konkreten Zielen kommen wird, sondern (unnachvollziehbar) zwischen den Impressionen springt und damit einen zugegebenermaßen beispiellosen Hörspiel-Weg beschreitet, diesen aber emotional seltsam distanziert zelebriert.

Alleine Bergen to Trondheim als Beispiel: „That fuck who killed fifty people in Florida/ That’s some fucked up shit, I don’t care what ethnicity or religion that crazy fuck is/ It’s my opinion that he deserves a blunt object lodged into his temple/ Smash his fucking brain in, of him make an example/ That motherfucker’s one of thousands like him walking this earth/ Out to kill, maim, inflict pain, massive suffering, and hurt/ Got me some friends down there in the Sunshine State/ Got me a lot of love for them and I know that my love for them is reciprocated/ So I’m gonna write a song in honor of those victims in Orlando/ Gonna sing a song for them up in Norway, and here’s how it’s gonna go“ läuft es auf Kozelek prakatisch auf Metaebene hinaus.
Das er wütend ist, bleibt jedoch primär suggerierte Vermutung – zu ähnlich sind sich alle Nummern inszenatorisch, zu monoton ist schließlich seine wenig Dynamik zulassende Perfomance. Seltsam stumpf wirkt er im Korsett des uferlosen  Stream-of-Consciousness-Lyrikers. Und doch hat sich die öffentliche Wahrnehmung des aktuellen Mark Kozelek noch nie derart nahtlos auf seine Musik übertragen wie hier. Wieder zu ein paradoxes Puzzlestück einer zutiefst ambivalenten Platte.

Auch, dass Common as Light and Love are Red Valleys of Blood immer wieder verschmitzt lächeln lässt, aber gerade die zahlreichen demonstrativen Pointen nur bedingt aufgehen, zu aufgesetzt zynisch wirken und mit dem Vorschlaghammer präsentiert werden, passt zu einem Album, das nahezu ohne jedwedes Understatement auskommt. Nachzuhören etwa im durchaus unterhaltsamen Philadelphia Cop, das über ein ambitioniertes Musikkritiker-Bashing zum Hipster-Zwiegespräch findet und mit den Umweg zu Sean Penn zur feinen Bowie-Würdigung mutiert, letztendlich aber wie so vieles hier schlichtweg komplett den Fokus aufgibt.
Just back from a play starring Rainn Wilson/Thom Pain /He pulled it off brilliantly and tomorrow I’m getting on a plane/ Now I’m back at home, reading Beatlebone/ 6:29 AM / A work of fiction sorta based on John Lennon/ Running from fame/ But now I’m at home, stayed up late/ Waiting for Deontay Wilder to fight/ I was so tired from the show and the construction at the hotel that started when it got late / Now it’s 3:08 PM, January 17th / It’s Muhammad Ali’s birthday and I’m gonna watch When We Were Kings/ Now it’s late, January 19th/ Glenn Frey died, so did Lemmy/ It happens in threes/ But more gonna die this year, it’s around the corner/ You’ll see/ And I stayed up late that night, locking night out/ Working like a worker bee/ Then when day, Lord, I watched the Marlon Brando documentary/ And it’s 4:36 AM/ And the rain is pouring/ And tomorrow, like always/ I’m gonna be recording/ And it’s 4:37 AM and the rain is pouring/Tomorrow’s gonna be another fantastic voyage.
Keine neuen popkulturellen Bezugspunkte oder Erkenntnisse aus dem Alltag des chronischen Misanthrope, dafür eine nostalgische Liebe, die sich irgendwo zum musikalisch-voyeuristischen Sozialporno gewandelt hat: Ob die Person Kozelek untrennbarer mit ihrer Kunst verbunden ist, seit die Dokumentation tiefgehende Emotionalität abgelöst hat, bleibt indes offen. Was letztendlich fehlt, sind allerdings die unbedingt ergreifenden Szenen, die überwältigenden Gänsehautmomente.

Am Ende von über zwei Stunden Spielzeit ist es seltsamerweise dennoch am deutlichsten die Dosis, die das Gift macht. Common as Light and Love are Red Valleys of Blood funktioniert am besten, wenn man sich quasi in den hypnotisierenden Fluß der Platte fallen lässt, in den zurückgelehnten instrumentalen und lamentierenden Drive, die gestaffelten Passagen nebenbei und fragmentarisch wahrnimmt, sich nicht in der Schwemme an Details verliert, sondern selektiv dosiert. Sich dabei berieselnd von den Stories und Anekdoten umspülen lässt (gerade in der deutlich besseren zweiten Plattenhälfte), man eine Vielzahl der textlichen Einzelheiten mehr oder minder ausklammert, um von der Wahrnehmungsfülle nicht erschlagen zu werden, und stattdessen über den angenhem plätschernden Hintergrund am Leben und Denken von Sun Kil Moon teilnimmt.
Dann ist Common as Light and Love are Red Valleys of Blood keineswegs derart unhörbar wie mancherorts proklamiert, es gönnt sich nur (…) zuviele Längen. Destilliert oder zumindest auf zwei Alben aufgeteilt hätte das versammelte Material seine Stärken sicherlich adäquater verdeutlichen können.
Dennoch läuft die Masse unaufdringlich gut nebenbei durch, verschwimmt in der Aufmerksamkeit. Und stellt klar: Im Grunde macht Kozelek hier nicht mehr falsch, als bereits auf Universal Themes, sondern perfektioniert dessen Ansätze im Grunde sogar – er macht nur schlichtweg zuviel von allem. Worauf zwar auch ein Gutteil der Faszination basiert, die diese vollkommen für sich stehenden 16 Songs erzeugen, Common as Light and Love are Red Valleys of Blood aber doch unter Wert in der Zuneigung verankert. Zumindest vorübergehend. Denn so sehr dieser Monolith auch Momentaufnahme ist, so sehr wird erst die Zeit zeigen, welche Position er im Schaffen von Sun Kil Moon einnehmen wird. Fest steht insofern nur, dass Kozelek und dem Hörer hiernach eine Pause gut täte.

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