Sun Kil Moon – Universal Themes

von am 23. Juni 2015 in Album

Sun Kil Moon – Universal Themes
Universal Themes‚ also? Eher kaum subtile Ironie. Weiß Mark Kozelek doch auch selbst nur zu genau, dass er aktuell am Scheitelpunkt einer Schaffensphase angelangt ist, die abseits einer schon borniert anmutenden, einzig um die Egomanie der Figur Kozelek zentrierten Perspektive keine anderen lyrischen Reflektionen als die eigene Befindlichkeit mehr zulässt: Das bisher radikalste Fuck You-Statement des ewigen Grantlers.

Mark Kozelek muss sich offenbar zwangsweise querstellen. Noch während ‚Benji‘ 2014 allerorts die Kritiker (in durchaus irritierendem Ausmaß) hinriss und seine treu ergebene Anhängerschaft erstmals seit den Heydays der Red House Painters wieder eklatant anwachsen ließ, konnte Kozelek es nicht lassen den Kollegen von War On Drugs wiederholt ans Bein zu pinkeln. Kein Jahr später machen dann ambivalente Berichte von Konzert-Ausfälligkeiten die Runde, weswegen Pitchfork bereits solidarisch einen Teil seiner Liebe entzieht, der sich ungemütlich gebende Schnellschuss ‚Universal Themes‚ aber auch generell kontroversieller aufgenommen wird, als wohl jede Sun Kil Moon Platte bisher. Durchaus nachvollziehbar, überspannt Kozelek diesmal doch in gewisser Weise sowohl textlich als auch musikalisch den Bogen: Das siebente Studioalbum seines Band-Alias ist nämlich ein paradoxer Spagat aus bauchpinselnder Selbstgefälligkeit, anekdodischen Ausschweifungen und einer getriebenen Ruhelosigkeit geworden, der kompromisslos und unter Wachstumsschmerzen leidend einen Scheidepunkt im Schaffen des Mannes aus Ohio provozieren könnte.

Ruhelos ist ‚Universal Themes‚ vor allem aus musikalischer Sicht geworden: gleich das eröffnende ‚The Possum‚ demonstriert noch unweit von ‚Benji‚ den Willen zur allgegenwärtigen Überlänge, aber auch  harschen Stilbrüchen, beginnt als von angespannten Drums locker nach vorne getriebener Akustikrocker mit gedoppelten und nur zu gerne in Schieflage driftenden Vocals, kippt danach in ein spanisches Geplänkel mit Sprechgesang und hängt auf seine letzten Sekunden beim Stichwort „Church Bells“ auch noch leise läutende Gitarren an. ‚Birds of Flims‚ (Wortspiel Galore!) seziert ebenso wie ‚Garden of Lavender‚ die Schönheit von ‚April‚ aus zwei Perspektiven, ‚Ali Spinks‚ hat einen dezenten Sonic Youth-Vibe. Kozelek singt hyperaktiv neben der Spur, schrubbelt sich noisig auf, während ‚With a Sort of Grace I Walked to the Bathroom to Cry‚ den Brückenschlag von Garage-Rock, den frühen Modest MousePlatten, bluesiger Entspanntheit zu zurückgenommen glimmernder Anmut wagt.
Das schwerfällige ‚Cry Me a River Williamsburg Sleeve Tattoo Blues‚ schleppt sich dagegen als ideale Gelegenheit für Kozelek dahin, wieder einmal mit Rapanleihen zu flirten, die Drums rollen trocken, das Slowhand-Fingerpicking entfaltet sich mit erhaben viel Gefühl. Im umständlichen ‚This Is My First Day And I’m Indian And I Work At A Gas Station‚ wartet ein geradezu poppiger Refrain und das rumpelnd unter Strom stehende ‚Little Rascals‚ gönnt sich nur auf den ersten Blick immer wieder kontextlose, weihevolle Ruhepassage in choralen Umgebung: „It’s the first week of February, 1:28 AM/ It was 12 years ago in San Francisco one night/That I lost my friend/There ain’t a day that goes by I don’t pause and think about her/I’m getting older baby, but I try to count my blessings/ It’s a beautiful world“ sinniert Kozelek und löst den letzten der schwelgenden Parts plötzlich umso sakkraler auf.‘Universal Themes‚ leuchtet das Songwriting Kozeleks‘ eben nicht nur allgemein reichhaltiger texturiert, progressiver und variabler in seiner fragmentarisches Borderline-Vielfältigkeit aus, sondern praktiziert den nahtlosen Schulterschluss aus instrumentaler Inszenierung und textlichen Schwadronierungen anstandslos. Auf seiner musikalisch vielleicht ambitioniertesten, reichhaltigsten, frischesten und auch diffusesten Platte isoliert sich die kosmopolitische Insel Kozelek dabei als Lyriker aber auch freiwillig auf einem Podest, gibt einen Scheiß auf Erwartungshaltungen oder Komfortzonen der Rezipienten, vertraut gänzlich auf die Sogwirkung seiner traumwandelnden Erzählungen und Sichtweisen. Wo ‚Benji‚ so noch durch die Freundesliste des 48 Jährigen graste, beleuchtet ‚Universal Themes‚ einzig den Mikrokosmos Mark Kozelek, ohne Wenn und Aber. Man kann den 8 neuen Songs in 71 Minuten dabei nun also wie hypnotisiert folgen – oder eben kaum Zugangspunkte finden.
Treibt die Platte den seit ‚Among the Leaves‚ Einzug in die Sun Kil Moon-Welt gehaltenen Stil aus unverschlüsselten Wortkaskaden doch über das bisherige Ausmaß – eben bis zur tunnelblickartigen Selbstgefälligkeit – hinaus und lässt den Zuhörer dabei oft nur noch ausnahmslos in der Beobachterrolle zurück, wo Kozelek früher hintergründig an das Herz zu gehen verstand. Was auf den Alben vor 2012 also wie direkter Seelenbalsam wärmte, wirkt nun eher wie eine authentische, aber generisch aufbereitete Dokumentation rein über das Leben des Mark Kozelek.
Ob er dabei tatsächlich versucht universelle Dinge hinter dem endlosen Strom aus Worten in oft wahllos unpointiert wirkenden Erinnerungen abzuarbeiten, fällt in einem Reigen aus Anekdoten über Flugzeugflüge zu Konzerten auf aller Welt (verdammt oft aber: „Flims, Switzerland„) in den schwächsten Momenten nur bedingt ins Gewicht: zu affektiert und selbstverliebt wirken so einige der herabgespulten episodenhaften Stories, deren einziger Gehalt oft die Erkenntnis scheint, wie geil es sein muss Mark Kozelek zu sein.
Da treffen absolut banale Informationen („Then we had pizza„) auf sich unkritische Selbstbeweihräucherungen („When you’re my friend, I got your back for life. You try to hurt anyone I care about, I might slice you up real nice.„), zahlreiche Gelegenheiten wie er Mädels abschleppen hätte könnte (aber natürlich: „Like a gentleman, I didn’t try„) und all das Namedropping hat bereits etwas celebritygeiles: Ben Gibbard, Jane Fonda oder Bob Mould tauchen auf – dazu wissen wir jetzt auch, das Kozelek Rachel von Slowdive seinerzeit backstage bei einem Gomez Konzert küsste. Von einer sentimental gespannten Geschichte über ein sterbendes Possum zu einem ohrendröhnenden GodfleshKonzertbericht sind es folgerichtig nur ein paar Zeilen, auch, weil Justin K. Broadrick (wie annähernd alle erwähnten Kumpanen) ein „really good friend“ ist. Wer insofern wissen möchte, warum Ex-Sonic Youth und Disappears Drummer Steve Shelley auf ‚Universal Themes‚ abermals zugegen ist, braucht sich deswegen im Grunde auch nur die der Szene auf die Schultern klopfenden Buddy-Story ‚Little Rascals‚ anhören.Ein zweischneidiges Schwert: Einerseits haben Informationen über das gemeinsame Essen mit Managern und deren Frauen (oder die Aufklärung, dass Kozelek Nels Cline gar nicht unbedingt hasst, sondern nur die Tatsache, dass sich dessen Name leicht reimen lässt) leidlichen Mehrwert, andererseits zeichnet Kozelek in Summe dennoch verdammt starke Bilder mit seinen Worten, etwa, wenn er in dem unaufhörlichen stream of consciousness von einer Begegnung mit Robin Williams dazu überspringt wie Unfair das Leben sein kann („Now I’m looking out the window where Robin Williams died/Passed him once in a car on Thanksgiving day/Was with my girlfriend at the time/ Who sadly passed away just before she turned 35/ That’s when I learned the world’s unfair„). Dann entstehen immer wieder erhabene Momente von solch intmer Schönheit, wie nur Kozelek sie schaffen kann: „I remember when I first heard Led Zepplin’s ‚Tea For One’/Laying by my bedroom window/ Soakin‘ up the warm afternoon sun ray/And in those minutes, hours, I was totally content/ And I’ll take that memory to my grave as one of my happiest moments„, während die Gitarre leise in die Vergänglichkeit perlt. Die Magie hinter Szenen wie dieser, sie ist tatsächlich universell.
Und ob Kozelek sich im Grunde ohnedies nur einen Spaß daraus macht, sich gefühltermaßen über den Rest der Welt zu stellen, bleibt letztendlich ohnedies mit Augenzwinkern offen: „Never mind all the other verses I’ve written about Switzerland/There’s new things going on in my life/ Like my girlfriend got a new kitten/ And a friend of mine gave out my number to some crazy motherfucker/And I got all pissed off and she said, „who do you think you are, Mick fucking Jagger?““. Die Welt des Mark Kozelek, sie bleibt verschroben, amüsant, trivial, fesselnd, eigenwillig und unergründlich. Auf polarisierende, enervierende und angenehm unangepasst-angepisst rebellische Weise diesmal sogar außerdem spannend wie lange nicht.

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