Alice in Chains, Mother’s Cake [30.06.2018: Arena, Wien]

von am 2. Juli 2018 in Featured, Reviews

Alice in Chains, Mother’s Cake [30.06.2018: Arena, Wien]

Alice In Chains nehmen jedweden Ansatz von Nostalgie wertkonservativ in die Mangel: Das Klassiker-Fließband der Institution um Jerry Cantrell läuft kurz vor dem Release des sechsten Studioalbums ohne jede Abnutzungserscheinungen.

Obwohl Rainier Fog bereits in knapp acht Wochen in den Läden stehen wird, gibt es auf der aktuellen Tour gerade einmal einen Song der Platte zu hören: Die Vorabsingle The One You Know spielt ihre zwischen monotonem Stoizismus und aufgehenden Melodieverständnis pendelnde Walze im Livegewand noch unverrückbarer aus, als bereits in der Studioversion.
Zwar zeichnen sich die mutmaßlichen Qualitäten des Nachfolgers zu The Devil Put Dinosaurs Here hier bereits potentiell ab, doch ist gefühltermaßen dennoch ein minimaler Abfall in der Spannungskurve des Abends zu erkennen. Die einzige neue Nummer wird etwas verhaltener (oder aber zumindest weniger euphorisch) aufgenommen, als die restliche Setliste, die mit einer fast schon pflichtgetreuen Zuverlässigkeit die mittlerweile typischen Vertreter aus dem Repertoire von Alice In Chains abruft.

Überraschungen sucht man diesbezüglich auch auf der aktuellen Tour vergeblich. Das Quartett aus Seattle liefert die obligatorische Greatest Hits-Revue, die zumindest einen Gutteil der größten Klassiker der Bandgeschichte abdeckt, wohingegen die tollen Comeback/Reboot-Werke Black Gives Way to Blue und God Put Dinosaurs Here gewohntermaßen jeweils ihre beiden Standard-Vertreter (nämlich: der gefeierte Hit Check My Brain und das griffige Last of my Kind sowie ein tonnenschweren Hollow und Stone) stellen. Parallelen in der Setlist zum letzten Wien-Gastspiel von Alice In Chains sind also gegeben.
Wie schon damals ist es aber durchaus erfrischend zu sehen, dass die Band diese theoretische Routine ohne jedwede Ermüdung zelebriert. Die Performance von Alice In Chains strotzt vor Spielwitz, Energie und Konzentration, die knapp eineinhalb Stunden des dynamischen Auftritts verfliegen mit einer beachtlichen Kurzweiligkeit und machen der Band wohl ähnlich Spaß wie dem enthusiastischen Publikum.

Was man so vom Supportgig der Lokalmatadore von Mother‘s Cake leider nur bedingt behaupten kann. Dabei macht das Trio grundsätzlich wenig falsch.
Ihre Songs sind verdammt druckvoll, dicht und wendig, aber trotz zahlreicher feiner Ideen (wie slappender Funkeinlagen und progressiv aneinandergereihter Passagen) letztendlich wohl auch deutlich ausführlicher und länger konzipiert, als wahrscheinlich grundsätzlich gut tut: Oft differenziert sich das Songwriting ohne zum Punkt zu finden kaum auseinander, mäandert zwar intuitiv, aber auch forciert, und verweigert sich durchwegs ambitioniert der Kompaktheit. Doch wenn die richtig großen Melodien und Hooks sich dabei (zumindest in Unkenntnis der Studioalben) nicht zu erkennen geben, beginnt sich die knappe Dreiviertelstunde einer unbestritten tollen Liveband souverän rockend zu ziehen.
Insofern bezeichnend, dass die angedachten Mitsingparts von der Menge nicht angenommen werden: Mother‘s Cake erledigen zwar einen rundum zufriedenstellenden Job als Opener, lassen keine Fragen offen, weswegen die Kombo als Anheizer bei zahlreichen prominenten Kollegen stark begehrt ist, und fixen durchaus an, die Band bis zum bald erscheinenden Live at Bergisel-Mitschnitt noch genauer unter die Lupe zu nehmen – doch der frickelnde Funke will zumindest an diesem Abend in Unkenntnis des bisherigen Materials eben emotional nicht überspringen.

Packender dagegen vom ersten Moment an Alice In Chains, die massiven Riffs und Harmonien sitzen mit zwingender Wucht. Gleich Bleed The Freak lässt die Stimmung hochgehen, bevor der Abend über Them Bones und Dam That River einen ersten Höhepunkt erreicht. Überhaupt wird diese Stafette aus unsterblichen Hits – No Excuses, We Die Young, Heaven Beside You, Man in the Box oder der triumphale Zugabenhöhepunkt um Would? sowie dem dramatischen Rooster – lautstark gefeiert. Vereinzelt kommt sogar rege Bewegung vor die Bühne, während in Down in the Hole oder Nutshell (vielleicht etwas zu vibrierend von DuValle dargeboten, nachdem Cantrell den Song den verstorbenen Layne Stayle und Mike Starr widmet) ein beeindruckender Spagat zwischen animierender Stadiongeste und eindringlich intimer Gänsehaut erzeugt wird.

Was sonst noch hängen bleibt: William DuValle ist mittlerweile deutlich expliziter als bisher bereits in der Rolle als vorstehender Frontmann angekommen und steht auf der Bühne weniger denn je hinter Mastermind Cantrell mit seiner schnieken dominierenden Pin Up-Gitarre, der dennoch immer wieder das Rampenlicht für Soli bekommt (die sich wie die Liveinterpretationen ganz allgemein nah an den Studioversionen halten); der herrlich fette Sound von Mike Inez hebelt einem dagegen förmlich den Magen aus, obwohl der Bassist während der Vorstellungsrunde mit Bananenessen beschäftigt ist und sein Bier gleich zu Beginn übergehen lässt; Schlagzeuger Sean Kinney hat ein Kit, das auch Meg White gefallen dürfte und bespielt dieses mit archaischer Prägnanz; die Lichteffekte des Abends sind zweckdienlich inszeniert, spielen aber von der funktionalen Mini-Videowall bis zum grellen Blitzlichtgewitter alle Stücke, wo die audivisuelle Leistung der Arena wie immer kaum Wünsche offen lässt und die Animationsaktionen seitens der Band immer noch ein wenig ungelenk, aber authentisch wirken.
Die Wagenladung an unbenutzten Plektren, die am Ende in die Menge geworfen werden, sind außerdem eine nette Geste – am Ende gibt es für die erstaunten Bandmitglieder wiederum jeweils einen Strauß Blumen retour, durchaus mit Symbolcharakter. Trotz durchaus gesalzener Ticketpreise ist das immerhin ein Fanpleaser-Reigen, der knapp 3000 Besucher rundum zufrieden in die kühle Sommernacht entlässt. Mehr noch: Bei einem Gutteil von Ihnen dürfte zudem die Vorfreude auf Rainier Fog noch einmal markant gestiegen sein.

Setlist:

Bleed the Freak
Check My Brain
Again
Them Bones
Dam That River
Hollow
Last of My Kind
Down in a Hole
No Excuses
Stone
We Die Young
Nutshell
Man in the Box
Heaven Beside You
It Ain’t Like That

Encore:

The One You Know
Got Me Wrong
Would?
Rooster

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