Bilderbuch – ∞+1
Eine einfache Rechnung: ∞+1 ist das neunte Studioalbum von (den personelle Umbrüche erfahren habenden) Bilderbuch. Und darüber hinaus vielleicht genau das, von dem Julian Casablancas träumt.
Push Reality, das nebenbei ein bisschen so klingt, als wären The Rapture mit ihrem zweiten Album direkt in die Disco von Midnight Vulture Beck für ein Dance-Workout abgebogen, ist natürlich alleine titeltechnisch eine Steilvorlage, um das Tandem mit der Polarisation Reality Awaits zu bilden.
Doch anderswo geht es praktisch gar nicht anders, als während der Orientierungsversuche auf einem im fast collagenartig zerschossenen Album (für das es nebenbei gesagt insifern kaum ein passenderes Artwork geben hätte können), das aus einzelnen zusammengebastelten Ideen amalgamisiert und entworfen scheint, an die Plattformen von Casablancas zu denken.
Gleich im sich symptomatisch erst auf den dritten Blick als Ohrwurm entpuppenenden Opener Finstere Erläuchtung beispielsweise, wo die Gitarren funkeln, heulen und gnödeln wie jene Pseudo-Synth-Keyboarde, die Nick Valensi seit Room on Fire imitiert, während die Vocals mit Effekten beladen sind, wie The Voidz sie als Grundsatzentscheidung einsetzen. Auf der anderen Seite beenden auch Bilderbuch ihr Album mit Mehr als Fair in ebenjener Form eines von jedweden Drums befreit aus dem Leim gehenden, entschleunigt halluzinogenen Psychedelic-Trip, während dazwischen vor allem Wahrscheinlich war es der Lippenstift gar nicht erst zu verhehlen versucht, das es den exakt selben Wunsch wie Alex Turner hat – einer von den Strokes zu sein.
Und sicher, das musikalisch so lässig mit dem entspannten Funk hantierende Was in dieser Welt macht als potentieller Club-Remix seiner selbst mit dem Weg als Ziel textlich zwischen Wanda und Falco auch viel für diese Assoziationen, weil es seinen Indierock musikalisch nicht nur vor Justice, sondern mehr noch Daft Punk verneigt.
Dass Baby Junkie mit seiner federnden Rhythmussektion und ikonischen Zeile („Früher hast du gut ausgeschaut/ Aber jetzt schaust du aus wie ein Scheißhaus“) eher im Raum von Tame Impala und Phoenix zu verorten ist, passt schon: Auf ∞+1 kann praktisch alles passieren. Und vieles davon tut es auch.
Ein in der Distortion schrubbendes Metal-Riff gibt es etwa in Irgendwo, das sich mit seinem knubbelnd schlapfenden Beat und einer schwerfällige Heaviness Hoffnung bewahrt. Zahlen als Beweis wird von einer catchy Hook umschmeichelt, doch drumherum klackernd die Beats, fiepen die Saiten und rauschen die Effekte, während das ständige Dynamik-Wechselspiel im relativen Filler Ist es denn ein Wunder angenehm poppig und knackig polternd rockig zugleich ist.
Hinter der Billy Corgan-Referenz in Unterwasser steckt eine retrofuturistisch pompöse 80er Geste am Crystal Lake von Hotline Miami, die sich mit Bubblegum-Sunn O)))-Dröhnen für den Auftritt im Stadion vorbereitet – bis die Spannungen einfach verpuffen und das Szenario kurzerhand ausplätschert.
Was ebenso mutig wie ein bisschen frustrierend ist- und damit ein Sinnbild für das gesamte Album.
∞+1 geht Risiken ein, überrascht (gerade, was das exaltierte Gitarrenspiel vor dem Ausstieg des bisweilen genial eklektische Impulse setzenden Michael „Snacky Mike“ Krammer angeht) und fordert. Nach dem so natürlichen Vorgänger-Großtat von 2022 ist das Ergebnis zugegeben hier und da verkopfter und komplizierter um Ecke gedacht, als der Platte unbedingt gut tut. Im Umkehrschluss ist das vielleicht beste am Grower ∞+1 jedoch der Beweis, dass es mit Bilderbuch einfach nie langweilig wird – ohne, dass dieser Umstand zum Selbstzweck verkommen würde.


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