Black Country, New Road – For the First Time

von am 10. Februar 2021 in Album

Black Country, New Road – For the First Time

I guess I’m a little bit late to the party“, macht aber nichts: For the First Time, das vielerorts lange herbeigesehnte Debütalbum von Black Country, New Road, erweist sich als (sehr) guter, aber auch frustrierender Sturm im Wasserglas.

Nähert man sich dem Hype der Stunde erst jetzt, also angefixt durch all die überschwänglichen aus dem Unterholz brechenden Lobeshymnen, die For the First Time im Feuilleton praktisch abonniert zu haben scheint, muß vielleicht zwangsläufig Ernüchterung folgen: die vielerorts herbeizitierte, ach so mutige, markerschütternd aufregende oder gar revolutionäre Platte ist der Langspieler-Einstand der siebenköpfigen britischen Band jedenfalls keineswegs geworden.
Während sich rückwirkend immer noch problemlos nachhören und bestätigen lässt, warum viele der bereits seit 2019 informierten Anhänger davon sprechen, dass die vorauseilenden Songs in ihren Single-Inkarnationen im direkten Kontrast zu den nun aufgelegten Album-Versionen mehr Schmiss hatten, textlich auch mehr giftigen Biss zeigten und der Sound mittlerweile ganz generell sauberer aufgeräumt wirke, liegt es jedoch nur zum Teil an der überhöht erzeugten Erwartungshaltung, an der For the First Time scheitert. Ganz nüchtern betrachtet gibt es für all die Aufregung nämlich zwar sicherlich eine Grundlage – sie ist nachvollziehbar, denn Black Country, New Road ziehen ihr Ding wie die meisten Windmill Brixton-Kommilitonen interessanter aufgegossen durch, als die Masse – und doch ist das Brimborium (wie eigentlich immer in derartigen Fällen) merklich übertrieben.
Denn was tun diese sechs Songs in knapp 40 Minuten, um in einem seit gut einem Jahrzehnt eigentlich kaum mehr knisternde Spannung erzeugenden Genre die hippe Szene derart zu euphorisieren – was machen sie richtig, was falsch?

In einem vor Referenzen übersprudelnden Schaulaufen wird For the First Time ästhetisch gerne grundlegend in der Nähe der nahverwandten Stresstester und Buddies von Black Midi positioniert (wobei es eigentlich absurd ist, eine derart eklektische Kombo als erste Konstante aufzuführen), man darf wohl auch (nicht nur personelle bedingt) ein bisschen an Los Campesinos! mit prätentiöserer Klezmer-Entwicklung denken: Die Grundrisse von bunt instrumentierten Songs werden mal harmonischer (was sehr gut passt!), dann wieder atonal-hibbelig (was penetranter wirkt) mit Bläser- und Streicher-Einsätzen konfrontiert, die bisweilen relativ offensichtlich auch nur begleitendes Blendwerk darstellen – eine Rechnung, die aufgeht, weil immer irgendwer von Ornette Coleman schwadroniert, sobald ein Saxophon zu hören ist.
Mehr als alles andere müssen (vor allem hinsichtlich der kompetenten Saitenarbeit und den wirklich tollen Drums) zum Einen aber Slint als Schirmheilige dieses ambitionierten Indierocks gelten, dazu werden sich auch einige Midwest Emo-Nummern rund um American Football in den Playlisten der Band finden, wenn auch ohne vertiefendes Interesse gepflegt.
Zum anderen sind im unbedingt assoziativen Sound solche Vorbilder wie Iliketrains, Listener und MewithoutYou verankert – dafür sorgt Frontmann Isaac Wood immer, wenn er ans Mikrofon tritt. Dann kann seine Performance übrigens zum Knackpunkt und Zankapfel werden: Sein Sprechengesang ist am besten, wenn er impulsiv aus der Haut fährt oder verletzlich den Samthandschuh auspackt – neigt aber immer dann zum nervenden Vorschlaghammer, wenn er besonders intensiv wirken will und seine bedeutungsschwer nölende Intonation weinerlich zu vibrieren beginnt. Dass seine an sich eindringlich gemeinten Texte anhand mancher Plattitüden entlang der eigenen Befindlichkeit zudem auch heiße Luft erzeugen, anstatt emotional dorthin mitzunehmen, wo es wirklich wehtut, ist sinnbildlich für das viele Potential, dass For the First Time liegen lässt.

Eine ambivalente Crux findet sich also in Form und Inhalt wider. Black Country, New Road spielen frisch, hungrig und expressionistisch – jedoch auch wie ein gestelzter Zirkel blasierter Musikstudenten, der etwas zu bemüht kunstvoll aus Versatzstücken konstruierte Song-Gebilde liefern will. Das ist Indierock, den man seinen Kumpels vorspielen können soll, um zu beweisen, dass man doch progressiv und unorthodoxe Tendenzen jenseits des konventionellen Formatradios schätzt – ohne allerdings tatsächlich Risiken eingehen zu müssen.
Warum deswegen auch gleich davon die Rede sein muß, dass die Strukturen hier jetzt besonders kompliziert, überfordernd oder schwer zu verfolgend wären, bleibt zumindest mit einem halbwegs breit gefächerten Spektrum an Vergleichswerten ein Rätsel. Richtiger ist eher, dass Black Country, New Road es mit ihren weitschweifenden Tendenzen sowie den latent willkürlichen Arrangements (der da manch einen von Freejazz und World Music fantasieren lässt, wo oft eben eigentlich nur impulsive Ergüsse in Kompositionsgerüste gescheucht werden) einfach nur verdammt geschickt und auch effektiv kaschieren, dass das pseudo-verkopfte Songwriting phasenweise unausgegoren um einige tolle Szenen und gute Melodien mäandert, ohne diese  versprengt aufden Punkt finden zu lassen und niemals die wellenbrechende Extase erzeugen kann, den zwingenden Funken Genie nicht zu greifen bekommt. Der Weg ist das Ziel, klar – die Inszenierung auch smart, aber ohne Masterplan blasen Black Country, New Road einfache Ideen über Gebühr zu vermeintlichen Leviathanen auf.

Opus lebt beispielsweise 8 (ebenso kurzweilige wie zu ausführliche) Minuten lang primär aus seinem wechselwirkenden Zickzackkurs aus einer aufbrausender Kirmes-Sause (ungefähr: Mr. Bungle zu California-Zeiten aus der Parquet Courts-Perspektive im Postpunk-Fieber samt Math-Facetten) und einem rührenden Schunkeln, also den Tempo-Kontrast aus schnell und langsam – ästhetisch bleiben beide Segmente für sich hängen (keiner wächst per se durch den gegenübergestellten), zündet auch die eher formelhafte als akzentuierte Instrumentierung durch ihre Spielfreude. Sunglasses ist da kompletter und trotzdem immer noch ein konsistent zusammengebasteltes Sammelsurium aus Ideen, das sich als schöne, melodisch-eilende Spiderland-Gemütlichkeit ohne Radikalität in einen von popkulturellen Krücken gestemmten Post Punk zwischen Ought, Viagra Boys und braven Shame stürzt – weniger orientierungslos, als vielmehr ohne Fokus mit den Gegebenheiten hantierend, samt einigen erzwungenen Vollbremsungen und Brechstangen-Wendungen. Dem holprig-zappelnd mitnehmenden, umständlicher als nötig gebärdenden Mosaik fehlt einfach der Spannungsbogen jenseits der Verbissenheit – egal ob dieser nun organischer aus dem Impro-Jam rekonstruiert aufgezeichnet oder eleganter vom Reißbrett gezogen worden wäre.
Mehr Kompaktheit hätte übrigens auch dem einleitenden Instrumental gut getan, das seine Rolle als Intro gar ergiebig auslegt, wenn der Opener mit trockenem, herrlich infektiösen Groove einstimmt, das klezmer‘sche Motiv in seiner supersimplen Repetition als Annäherung an die mikrotonalen Abenteuer von King Gizzard aber auch ständig an die Kippe drängt, um anstrengend zu übersättigen. Dennoch entwickelt die Ouvertüre eine dramatische, feierliche Ausgelassenheit.
Die stärkste Demonstration von Black Country, New Road im konservierten Tonträger-Format ist deswegen auch das angenehm unaufgeregt und bedächtig nach vorne gehende, gleichzeitig absolut in sich ruhende Track X, das sich ergiebig und wahrhaftig rund konzentriert mit verträumt weichen weiblichen Backgroundstimmen um seinen folkigen Postrock-Kern dreht, und eventuell deswegen das Highlight ist, weil die Gang hier niemanden etwas beweisen zu müssen glaubt – und dadurch ein großartiges (zudem spielzeittechnisch der Substanz entsprechend ohne Längen auskommendes) Understatement entdeckt.

Dieser Gradmesser trägt dann unter anderem auch dazu bei, dass es die größte Achillesferse dieses Debütalbums ist, nur ein (sehr) gutes zu sein – und nicht das (prolongierte) herausragende, dass zwar ständig in Griffweite scheint, aber doch stets um (nicht nur die) Haaresbreite verpasst wird.
Athens, France übernimmt nämlich mit verzahnten McMahan/Pajo-Gitarren und rezitieret wie nebenbei, hat eine lässige Zielstrebigkeit in atmosphärischer und behutsamer agierende Gefilde, zurückgenommener und gefühlvoll. Dort nimmt die Band die Fäden aber übermotiviert mit neuem unverbindlichen Antrieb auf, entschließt sich dann kurzerhand aber doch lieber zu mäandern und schippert im somnambulen Müßiggang der Bläser-Arrangements in ein betörendes harmonisches Finale. Oft würde dem Songwriting eine klarere Linie einfach guttun.
Science Fair praktiziert dagegen wieder mit seiner formidablen Rhythmusabteilung eine entwaffnende Verspieltheit, zu der die Gitarre mit harmlos dissonanten Tendenzen bratzen darf, ein bisschen Sonic Youth’sche Sozialisierung andeutet,  während die Streicher versöhnlich  auftauen, die mit Suspence lauernde Gegebenheiten aber nicht verführen. Wood beschwört immer dringlicher die Manie skandierend, die Instrumente streunen noch beschwingter, gönnen sich mit Synth-Patina eine dichter stehende Spannung. Dort schaukeln sich die Dinge mit fiebriger Klimax auf. Leider verharrt der Song dort angekommen allerdings auf einem Plateau: Die Bläser und Instrumente steigen typisiert ein, taumeln und hyperventilieren, bündeln jedoch keine überwältigende Katharsis. Die Reise mag zu einem Ventil geführt haben, die Entladung hat nur keine Epiphanie gebracht, die Umständlichkeit mündet in keinem Geistesblitz, sondern verpufft. (Insofern eventuell mal bei Car Seat Headrest nachhören, wie man Szenarien über ein paar Ecken denken und dann schlüssig auflösen kann?) Es sind jedenfalls Momente wie diese, die einfach frustrieren und dem unsteten Reiz dieses Einstandes unnötiges Vergnügen verweigern.
Tatsächlich klingt For the First Time deswegen letztendlich weniger wie das herbeizitierte Meisterwerk, sondern viel eher wie ein mitunter selbstgefällig und doch auch charismatisches, starkes und auch frustrierendes Versprechen an die Zukunft. Es gibt viel zu viel Hintergrundlärm um eine vielversprechende, wirklich gute – paradoxerweise mit zu langen Songs im Gesamten zu kurz geratene – Talentprobe, inklusive zahlreicher Schönheitsfehler sowie einem allgegenwärtig noch nicht in die Spur kanalisierten Übermut, den man allerdings alleine aufgrund seiner Perspektiven nicht unter Wert verkaufen sollte, ohne deswegen gleich die Kirche aus dem Dorf zu bugstieren.

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