Bob Dylan – Shadows in the Night

von am 10. Februar 2015 in Album

Bob Dylan – Shadows in the Night

Comparing me with Frank Sinatra? You must be joking. To be mentioned in the same breath as him must be some sort of high compliment. As far as touching him goes, nobody touches him. Not me or anyone else.schwärmt Dylan über Ol’ Blue Eyes. ‚Shadows in the Night‚ ist folgerichtig eine regelrecht demütige Verneigung vor der Frühphase Sinatras geworden.

Wahrscheinlich sogar ein durch und durch romantischer Tribut: Dylan und seine Tourband umstreichen die 10 Balladen vorsichtig und gefühlvoll. Kein lauter Ton kommt aus, nicht einmal ein Schlagzeug braucht es, wenn eine verträumte Pedal-Steel und dösende Bläser als Leitfiguren ein behutsames Beet um Kompositionen legen, die Sinatra einst verinnerlichte, nun vollends in Dylans Kosmos gedeien: ‚I’m a Fool to Want You‚ kennt man aus jüngster Vergangenheit eventuell von Paul Banks, ‚That Lucky Old Sun‚ hat Johnny Cash bereits geadelt, Dylan steht dem kaum nach. Das restliche Material wird der gemeine Konsument von ‚My Way‚, ‚Strangers in the Night‚ und all den anderen Evergreens hingegen im Original eher nicht kennen. Eine Liebhaberangelegenheit also, durch und durch.

Shadows in the Night‚ ist eine dieser Platten, mit der man in der wohligen Stube einheizt, während draußen der Schnee fällt, Kitsch nicht unwillkommen ist und die Melancholie des Alters seine schönste Seite zeigt. Dass Dylan sein 36. Studioalbum in großer Stückzahl an Abonnenten des AARP Magazins verteilt hat passt insofern schon, hat aber letztendlich – und entgegen jeglicher sich vorab abzeichnender Anzeichen und Befürchtungen – wenig mit der schrulligen Eigensinnigkeit von ‚Christmas in the Heart‚, der letzten eklatant aus dem Gesamtwerk des Meisters herausfallenden Platte zu tun. Die bisweilen magisch entschleunigte Ausstrahlung der Sinatra-Einverleibungen alleine ist eine komplett andere: wo die Weihnachtsplatte sich mit verspieltem Übermut den Klassikern näherte, umsorgt ‚Shadows in the Night‚ mit akribisch eingestelltem Weichzeichner und einer betörenden Nachdenklichkeit. Wie unheimlich sorgfältig die Proben und Aufnahmen für die Sessions von statten gingen ist deswegen alleine insofern erstaunlich, weil diese Akribie zu keinem Zeitpunkt im federleicht gleitenden Sound erkennbar wird: die Hilfe von Techniker Al Schmitt hat sogar die eindrucksvollste Jack Frost-Produktion bisher ermöglicht, die gar anmutige Erinnerungen an die zurückgenommensten Momente von ‚Time Out of Mind‚ aufblitzen lässt.

Letztendlich ist ‚Shadows in the Night‚ aber natürlich auch eine enorm gleichförmige Nabelschau geworden, die sich einmal in Stimmung versetzt, über die angenehm kompakte Laufzeit von 36 Minuten keinerlei Gedanken an Ausreißer nach oben oder unten verschwendet. Die Grenzen der einzelnen Songs verschwimmen bisweilen, wer das Gesamtwerk als friedfertig plätscherndes Wattekissen hört, irrt sich nicht vollends. Aber eben: hier ging es Dylan offenbar nie darum, seine eigenen künstlerischen Ambitionen über die Strahlkraft des Interpreten Sinatra zu stellen. Die zynische Legende maßregelt sich vielmehr selbst zum Dienst an der Sache, zu reinen Herzlichkeit.
Es wirkt nun regelrecht befreiend, wenn Dylan ohne Meta-geistreichen Überbau wie etwa im Titanic-Finale von ‚Tempest‚ die Leidenschaft an wunderbar trivial simplizistischen Liebesliedern findet, tränenreich ‚Where Are You?‚ fragt und ein schlichtweg Gänsehaut erwirkendes ‚Stay With Me‚ haucht. Der ultimative Ausdruck der Bewunderung Dylans für Sinatra findet sich  ohnedies in der Performance des 73 jährigen: His Bobness wiegt sich stimmlich in einer regelrecht zarten Gesangsperformance, so besänftigt, wie vielleicht noch auf keiner anderen seiner Platten. Vor allem aber so, wie man ihm das Angesichts mancher Liverperformance wohl auch gar nicht mehr zugetraut hätte.
Ohnedies wirkt hier alles wie ein entlastendes Durchatmen abseits der niemals endenden Tour, ein intimes Freischwimmen von Erwartungshaltungen, ein halbstündiges Entkommen aus dem Druck des Alltags. Eine unerwartet willkommene Exkursion. Die Ausgangslage für ein neues reguläres Studioalbum mit eigenem Material war jedenfalls schon lange nicht mehr derart vielversprechend wie hiernach.

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