Daniel Blumberg – Minus

von am 1. Mai 2018 in Album

Daniel Blumberg – Minus

Daniel Blumberg findet für sein gefühlt dröfzigstes Debütalbum die Wohlfühlzone in der Diskrepanz: Minus konterkariert minimalistisch im Wohlklang schwelgende Balladen mit ungemütlichen Arrangements, die den Avantgarde und Noise provozieren.

Weswegen der umtriebige 27 Jährige ehemalige Frontmann von Cajun Dance Party auch deren Nachfolgeband Yuck verlassen hat, daran ließen angesichts der kreativen Ambitionen und stilistischen Veranlangung eigentlich bereits nachfolgende Veröffentlichungen unter dem Banner Oupa (Forget im Jahr 2011) oder Hebronix (Unreal) keinerlei Ungewissheit aufkommen. Insofern setzt Minus den Weg von Blumberg im Grunde durchaus konsequent fort, diesmal eben auch erstmals unter eigenem Namen.
In gerade einmal fünf Tagen (mit den im Londoner Jazz-Café Oto rekrutierten Erfüllungsgehilfen Billy Steiger, Tom Wheatley und Jim White) aufgenommen, führt Blumberg seine Piano-Skizzen zwar nicht mehr in den schmissigen Indierock zurück, sondern orientiert sich als launischer Singer-Songwriter längst am getragenen Americana, Slowcore und entschleunigten Chamber Pop. In dieser Ambivalenz hat Blumberg zwar durchaus reges Interesse daran hat, die gefällig-nostalgische Schnittmenge aus Father John Misty, Nick Cave und Warren Ellis, Neil Young, Scott Walker oder sogar Talk Talk (aus der Slint-Perspektive) zu finden.
Doch alleine mit seinen Experimental-Mitmusikern im Hintergrund arbeitet der nominelle Solokünstler vor allem daran, seine Songs mit beinahe jazzigem Freigeist atmen zu lassen und Strukturen zu öffnen. Weswegen Blumberg trotz einer eklektisch einladenden Niedergeschlagenheit und betont bedeutungsschwer vorgetragenen Melodramatik stets ein wenig zu sehr in Schräglage für die Elder Statesman-Statur bleibt.

Im Grunde funktionieren die sieben versammelten Songs im homogenen Charakter dabei weitestgehend ähnlich: Blumberg gibt mit selbstkasteiend-sinnierender Geste am Piano simplizistisch-reduzierte Akkordfolgen (gegebenenfalls sogar auf nur zwei alternierende Töne gebaut) vor und exerziert dazu durchaus anmutige Melodien, repetiert geduldig und erhebt die Wiederholung stoisch zum Stilmittel (was im eröffnenden Titelsong entlang „Minus the intent to feel, I’m here“ auch erschöpfend nerven kann), während unaufgeregtes Besenschlagzeug dazu die stolpernden Spannungen ankurbelt und das Folk-Equipment (um eine prägnant Mundharmonika samt traurigen Streichern) immer wieder Interesse an der destruktiven Dissonanz zeigen, die Gitarren um das Geschehen drängelnd auch mal energischer im Hintergrund bratzen und heulen dürfen.
Dabei bleibt das karg-quietschend, weich-anmutig inszenierte Minus selbst über beinahe 14 minütige Brocken wie das seine Fäden nur sporadisch sammelnde Madder stets in einem innerlich aufbrausenden, nach außen hin aber beruhigenden Fluss ohne Bruchstellen, der mit faszinierenden Charakter seine anziehende Sinnsuche mit hartem Tobak in den Lyrics verfolgt: Beziehung in die Brüche gegangen, Kindheitsfreund verstorben, mentaler Zusammenbruch samt Klinikaufenthalt – Blumberg hat hier einiges zu verdauen.

Am Ende stehen deswegen 45 enorm stimmungsvoll und kohärent in sich geschlossene Minuten voller Melancholie, die in ihren besten Phasen – allen voran: das in die kakophonische Dramatik schunkelnde Glanzstück The Fuse; das in Kopfstimme fistelnde Stacked mit latenten Country Flair, sowie die schlichtweg ergreifend zaubernhafte Intim-Ballade The Bomb – vielleicht genau jene ungemütliche Kantigkeit im suhlenden Schmerz und Selbstmitleid an den Tag legen, die man bei Josh Tillman vermissen kann.
Allerdings droht sich Minus dabei auch immer wieder in eine mäandernde Selbstgefälligkeit zu verlieren, die kompositionell ein wenig zu leicht zu durchschauen ist und sich vor allem lieber prätentiös um sich selbst dreht, anstatt zu einer wirklich reinigenden Katharsis zu finden. Die Form dominiert hier das Gewicht des Songwritings, die Substanz des Inhalts begleitet aber eher, anstatt gebührend mit Haut und Haar zu fesseln. Ein Permanent bleibt so disharmonisches Fragment ohne Fokus, und selbst gute Ideen wie der gemeinsachftliche Chor im abschließenden, immer opulenter gedeihenden Used to be Older haben etwas von unverbindlichen (manchmal auch orientierungslosen) Aktionen, die Blumberg merklich mehr erschöpfen und auslaugen, als den Hörer. Aber eben auch den Eindruck festigen: Minus ist wohl eines jener Werke, das ungeachtet einiger Schönheitsfehler bereits auf Tonträger mit berührender Nahbarkeit fesseln, aber wohl erst live erst mit improvisatorischer Energie im Rücken und emotionalen Exzess vor Augen tatsächlich zum Leben erwachen.

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