Dr. Dre – Compton

von am 27. August 2015 in Album

Dr. Dre – Compton

16 Jahre nach ‚2001‚ ist das anstelle von ‚Detox‚ erschienene ‚Compton‚ kein weiteres wegweisendes Meisterwerk geworden und fühlt sich auch nicht nach dem versprochenen „großen Finale“ von Dr. Dre an. Stattdessen serviert das Produzenten- und Marketinggenie Andre Romelle Young ein absolut unpeinliches und erstaunlich zeitgeistaffines Update seiner Fertigkeiten, das ihn zu gleichen Teilen als Zampano, Förderer und Zulieferern des modernen Hip Hop positioniert abtreten lässt.

Dr. Dre macht es kurz und schmerzlos: das über Jahre aufgebauschte ‚Detox‚  habe seinen Ansprüchen letztendlich einfach nicht genügt(„I didn’t like it. It wasn’t good.„). Dafür waren die Arbeiten am N.W.A.-Biopic Straight Outta Compton für den Mann mit dem „Ph.D in mixology“ derart inspirierend, dass quasi nebenher ein eigener Soundtrack entstanden ist – wohl ein absoluter Glücksfall. Denn vergleicht man ‚Compton‚ mit der bemühten und auch altbacken wirkenden Art und Weise, mit der ‚Kush‚ und ‚I Need a Doctor‚ krampfhaft auf Hits getrimmt wurden, fällt der weitestgehende Verzicht auf derartige Brechstangenmethoden zugunsten eines unangestrengten, enorm kohärenten forcierten Gesamtflusses durchaus angenehm auf: Dr. Dre leistet es sich, keine derartigen Instant-Clubbanger wie die zeitlose Killertracksschleuder ‚2001‚ sie hatte aufzufahren, und macht sich auch keine Illusionen darüber noch einmal derartig stilbildend aufzuzeigen wie auf (dem heute doch schon etwas angestaubten) ‚The Chronic‚.

Soll heißen: ‚Compton‚ setzt oder definiert keine Trends, sondern arbeitet diese zeitgeistbewusst auf; tauscht visionäre Beats und Produktionen gegen solche, die mit einer Zielsicherheit, Zuverlässigkeit und Perfektion die Gewissheit hinausposaunen, dass Dre auch mit 50 Jahren und Millionen von Dollar am Bankkonto nur wenig an künstlerischen Gewicht und Credibility eingebüßt hat. Geprotze wie „I just bought California/…/I remember selling instrumentals off a beeper/Millionaire before the headphones or the speakers/I was getting money ‚fore the internet/Still got Eminem checks I ain’t opened yet“ kulminiert da zwar beinahe zwangsläufig im allgemeinen Muskelspiel („D-R-E, this is where the dope is at/The world ain’t enough, I want it all/Goddammit, I’m too old, I forgot I got it all/ But Andre young enough to still get involved/And Andre still young enough to say fuck y’all„) und Zeit zum Bauchpinseln bleibt ohnedies stets, mehr noch aber agiert der ehemalige Vordenker in weiterer Folge vor allem als Marktschreier für das unerschöpfliche Potential Comptons, wird zu einem in die Zukunft blickenden Chronistes des Vortortes von Los Angeles, indem er beim vorneweggeschickten ‚Intro‚ (im dramatischen Nachrichtenmodus) beginnend seinen eigenen Lebensweg und die Geschichte seiner Stadt Revue passieren lässt und damit den Nährboden liefert, auf dem alte Weggefährten und kommende Hoffnungsträger in unterschiedlicher Intensität strahlen können.

Das prollige ‚Talk About it‚ platzt da zwar noch nicht als das Feuerwerk los, das man sich am Beginn der ersten Dr. Dre Platte seit eineinhalb Jahrzehnten vorstellt, auch, weil sich der grölende King Mez etwas zu anbiedernd an der Trap-Mode zum nervigen Refrain von Justus entlanghangelt – dass das durchaus Freunden von Drake entgegenkommen könnte ist keine Tugend der Platte. Im zweigeteilten ‚Darkside/Gone‚ darf sich King Mez dann doch noch vor einem stolpernden Beinahe-Tom Waits-Szenario als Mann der Technik rehabilitieren. Wenn der geschmeidige Beatwechsel den Song entlang von Marsha Ambrosius‘ Gesangdann supereingängig ummodeliert, steuert er ohnedies zielsicher auf seinen zwingenden Climax zu – und installiert einen jener Momente, in denen King Kendrick Lamar groß auftrumpft. „But with or without all the diamonds though to you I’m just another nigga„: Im Sog von ‚To Pimp a Butterfly‚ kann der 28 Jährige derzeit offenbar nichts falsch machen und ist mit dem allgegenwärtigen Newcomer Anderson. Paak, der effizienteste Scene-Stealer der Platte. Die sinister schimmernde Dem Jointz-Produktion ‚Deep Water‚ wird so auch folgerichtig zum Gipfeltreffen eines entfesselten Lamar, dem unerschütterlich wirkenden Dre und einem hungrig seine Vielschichtigkeit unter Beweis stellenden Paak.
Letzterer bringt seine R&B-Skills etwa in ‚All In a Day’s Work‚ ein, das mit seiner einleitenden Ansprache von Interscope Boss Jimmy Iovine („I always felt that I had to work harder than the next guy„) hinten raus dank marschierenden Chaing Gang eine dezente sozialkritische Wendung bekommt, aber doch eine Ode an die Arbeit bleibt („Rich as fuck, but, guess what, I’m back to work“ rapt Dre), die Paak eine soulige Verzweiflung in die Stimme treibt; Später groovt er geschmeidig durch das DJ Premier Beatgerüst von ‚Animals‚ und bewahrt ‚For the Love of Money‚ mit Jon Connor davor, in jene solide Beiläufigkeit abzurutschen, in der ‚Satisfaction‚ letztendlich dümpelt. Die Zielgenauigkeit von Dre’s zahlreichen Geniestreichen um den Jahrtausendwechsel fehlt ‚Compton‚ nicht nur zu diesem Zeitpunkt der Platte sicherlich – wie man Protegés durchwegs adäquat in Szene setzt, das weiß der Doktor aber immer noch. Die kompakte The Game-Routinearbeit ‚Just Another Day‚ ist insofern auch durchaus fesselnder als das meiste Post-2006er Material des einstigen Wunderjungen – der entspannt auf Mexicana-Bläsern gebaute Stakkato-Part macht jedenfals durchaus gespannt auf das herbeigehypte, aber immer wieder verschobene ‚The Documentary 2.

Markanter ist dennoch der zweite Song, für den Dre das Feld gänzlich räumt und Jon Connor die credittechnische Führungsposition überlässt – erinnern wird man sich hier jedoch primär an die Performance von Snoop Dogg, der sich angepisst wie nie vor einer antiquiert-pushenden Raprock-Nummer auskotzt, die so auch auf ‚The Eminem Show‚ stattfinden hätte können. Marshall Mathers selbst zeigt dann im von Candice Pillay gefällig kontrastierten ‚Medicine Man‚, dass er für sein Maschinengewehrorgan immer noch einen Waffenschein braucht, aber wie schon auf ‚The Marshal Mathers LP2‚ kaum noch relevantes zu sagen hat. Erstaunlich, um wieviel hungriger da selbst ein Xzibit im Verbund mit Cold 187um klingt, wenn ‚Loose Cannons‚ mit ordentlich Druck unter der Haube so lange wütet, bis eine Leiche verscharrt werden muss. Auch der durch seine Hollywoodkarriere nicht domestizierte, immer wieder unheimlich smart auftretende Angry Man Ice Cube agiert in (der thematischen ‚2001‚-Fortsetzung) ‚Issues‚ vor dem durch Mos Def bekannten ‚İnce İnce Bir Kar Yagar‚-Sample von Selda Bagcan mit einer neongrell abgründigen Kante als absolute Killer-Bank.

Und Dre selbst? Rapt, wenn er im breiten Spektrum dieses tongewordenen Hochglanzpanoramablicks nicht anderen die Bühne überlässt, motivierter, auch angestrengter als die letzten Jahre über, harmoniert jedoch stets nahtlos mit den aufgebotenen Features. Auch deswegen, weil diese so passgenau in eine atemberaubend detaillierte Produktion eingearbeitet sind, die bei den phasenweise überambitionierten Songwriting nichts dem Zufall überlassen. ‚Compton‚ zeigt Dre abermals als formvollendeten Strippenzieher auf der Höhe der Zeit, wächst aber vor allem dann über sich hinaus, wenn sich der Soundtüftler für die emotionalsten Momente der Platte selbst zuständig erklärt.
Im brillanten ‚It’s All On Me‚ schwelgt Dre so über einem superb entspannten G-Funk in Nostalgie. „It wasn’t always that way, we was recording on the 4-track, homie/ New apartment, no fridge, no mattress, no table, no cable/And all I hear is my girl in my ear/ And this nigga Eazy asking for his car back, homie/…/ And now it’s „Fuck the Police“ all up in the club/ Now it’s ’91 and Snoop Dogg came to visit/ And was like „What up cuz? Let me show you what this chronic like/ Couldn’t help myself, just had to dip into that chronic life/And then that night came in when that nigga Knight came in„. Nur hier kratzt Dre inmitten von sehr viel Zuverlässigkeit tatsächlich an der Perfektion von Einst, zeigt, wozu sein routiniert alle Trümpfe ausspielendes Grande Finale in Überform fähig ist. Im abschließenden ‚Talking to my Diary‚ ist dann sogar Platz für ein wenig Gänsehaut, bevor sich Erinnerungen mit viel Würde in einer Nate Dogg-Tribute-Bridge und jazzigen Trompetenschwaden auflösen, den Weg für das zukünftige Compton freimachen und trotzdem unmissverständlich unterstreichen, dass Früher doch alles besser war: „I know Eazy can see me now, looking down through the clouds/And regardless, I know my nigga still proud/ It’s been a while since we spoke but you still my folks/ We used to sit back, laugh and joke
Now I remember when we used to do all-nighters/ You in the booth and Cube in the corner writing
Where Ren at? Shout out to my nigga Yella/Damn, I miss that… shit, a nigga having flashbacks„.

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