El-P – Cancer for Cure

von am 22. Mai 2012 in Album, Heavy Rotation

El-P – Cancer for Cure

El Producto Jaime Meline findet keine Ruhe: Fünf Jahre nach ‚I’ll Sleep When You’re Dead‚ kotzt der geladene Aggressor zwölf abgründige Zukunftsvisionen von düster-zeitlosem Noir-Hip Hop aus.

2012 wird für die nicht geringe Schar an El-P Fanatikern wohl als ereignisreiches Jahr in Erinnerung bleiben. Zuerst verkündet der New Yorker Produzent, MC und Szeneliebling, dass sein erst drittes Soloalbum seit ‚Fantastic Damage‚ (2002) und ‚I’ll Sleep When You’re Dead‚ (2007) im Kasten sei, dann schiebt er zuvor noch mit Outkast Buddy Killer Mike und dessen ‚R.A.P. Music‚ ein wahnwitzig rotierendes Meisterstück vorweg. Dass jedoch alle Blicke rechtzeitig zur Veröffentlichung auf ‚Cancer for Cure‚ liegen, darauf achtet der durch die Decke gehende Feuilleton, hyperventilierende Blogs und frohlockende Kritikerstimmen allerorts penibel. Nicht zu Unrecht: ‚Cancer for Cure‚ hält den Erwartungshaltungen und Unkenrufen des Hipstertums stand, manifestiert sich aus dem Stand weg als herausragende Genre-Platte ohne Scheuklappen und Berührungsängste. El Producto teilt abermals hemmungslos aus, jeder bekommt sein Fett weg.

Meline spukt seine Verse wieder unnachahmlich angepisst hervor, jeder Silbe will Ohrfeigen verteilen. In den letzten fünf Jahren hat sich so einiges  aufgestaut, dass nun raus muss. El-P sprcht von einer „Fight Platte“, tatsächlich strahlt ‚Cancer for Cure‘ zu jeder Sekunde eine unterschwellig aggressive „Gegen den Rest der Welt“ – Mentalität aus, brodelt in urbaner Dunkelheit einer nie eintretenden Erlösung entgegen. Die Beats arbeiten dazu fuchsteufelswild in die Magengrube, können sich nicht entscheiden, ob sie Old-School oder Zukunftsvision sein wollen. El-P montiert das so typisch progressive Soundgerüst seiner Arbeiten abermals auseinander, um es mit verzerrten Synthesizern, unter der Gürtellinie hantierenden Bässen und schiefen Breakbeats wieder zusammenzuschrauben. ‚Cancer for Cure‚ stellt sich selbst Beine, lässt seine Bestandteile verknoten und übereinander her fallen; „Well, I know a thing or two about a thing or two/ And one of them’s the fact that men like me don’t ever get no second chance/ Not for the kind of man who showed up at death’s door“ heißt es im beinahe liebevollen ‚The Jig is Up‘. El-P arbeitet dazu passend mit einem Nachdruck, als gelte es ein Manifest aus jeder Sekunde zu machen. Zur Not geht Meline dafür sogar über Leichen (‚For My Upstairs Neighbor‘).

Dabei überrascht vor allem die neu gefundene Stringenz auf ‚Cancer for Cure‚: Wo El-P früher noch hinterrücks zwei Haken hintennachgeschlagen hat, geht er nun ohne Unterbrechung gleich in den nächsten Track über und hastet atemlos knapp zwanzig Minuten eher in Ziel, als er das noch auf ‚Fantastic Damage‚ wollte. Dass jedwede allzu offensive Eingängigkeit konsequent soweit verbogen wird, bis bloß noch die paranoide Ahnung eines handelsüblichen Hits übrig bleibt, müssen Tracks wie das tief pumpende Works Every Time‚ (mit Interpols Paul Banks) oder ‚Stay Down‚ (mit Nick Diamonds von Islands) am eigenen Leib erfahren. ‚Request Denied‚ presst dagegen im Gedenken an The Prodigy unwiderruflich nach vorne, packt Vintage-Orgeln neben flirrende Altkonsolen, vom ersten Moment an ist ‚Cancer for Cure‚ zwingender als der Großteil seiner Genrekollegen, mit einer neonhell leuchtenden, alptraumhaften Dringlichkeit ausgestattet, die seinesgleichen sucht. Durch irritierend aus dem Boden schießende Beats bahnen sich unzählige Hooks und Melodiesamples ihren Weg, Drums verschleppen sich zu eingestreuten Liveinstrumenten, die Snare treibt mitleidlos ihr klaustrobhobisches Spiel durch die Songs gewordene Katharsis: ‚Cancer for Cure‚ hält den Intensitätsgrad simultan zur Atmosphäre luftdicht gespannt, zelebriert Musik, die in technoiden Häuserschluchten stattfinden muss, sobald die Sonne untergegangen ist. Quasi der zeitnahe, nächtliche Gegenentwurf zum überragenden ‚R.A.P. Music‚.

Spätestens mit ‚Oh Hail No‚ wird ‚Cancer for Cure‚ dennoch zu einem Schaulaufen der Szenegrößen: Mr. Muthafuckin eXquire und Danny Brown wetteifern mit El-P, sorgen für eine psychedelisch flimmernde Hip Hop-Lehrstunde, Killer Mike nimmt im beinahe frei atmenden ‚Tougher Colder‚ den Faden nahtlos auf. „Why don’t you just admit the truth/ That you’ve been trained to withstand pain/ And that’s the only way my crazy is not killing you“ rappt sich El-P später Beziehungsfrust von der Seele,  würde damit jedoch auch die bedingungslose Assimilation seiner Gäste auf den Punkt bringen. Denn natürlich frisst die Wucht Melines Präsens deren Mitwirken schlichtweg und nach und nach wächst sich ‚Cancer for Cure‚ aus dem Schatten seiner schier übermächtigen Vorgänger zum gelungenen Discographie-Fortsatz aus, das genug vielschichtige Tiefe besitzt, um notfalls die nächsten fünf Jahre ordentlich zu knabbern zu geben, sollte El-P seine Veröffentlichungsgewohnheiten nicht grundlegend verändern. In welche Dimensionen El-P Material aufsteigt, kann allerdings ohnedies immer erst der Rückspiegel zeigen. In jedem Fall ist ‚Cancer for Cure‚ schon jetzt ein weiteres Juwel neben den aktuellen Platten von Death Grips, De La Soul oder eben Killer Mike. Ist eben nicht nur ein ereignisreiches Jahr für El-P, sondern für qualitativ hochwertigen Hip Hop im Allgemeinen.

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