Esoteric – A Pyrrhic Existence

von am 18. November 2019 in Album

Esoteric – A Pyrrhic Existence

Esoteric hätten nach acht langen Jahren Auszeit wohl auch routiniert ihren Stiefel herunterspielen können und jeder Genrefan hätte ihnen dankbar aus der Hand gefressen. Stattdessen ist A Pyrrhic Existence jedoch ihr bisher vielseitigstes Werk geworden, in dem Funeral Doom nicht mehr das alleinige Maß aller Dinge ist, sondern die makellose Basis bietet, um immer wieder über das eigene Vermächtnis zu wachsen.

Gleich das eröffnende Descent ist dabei mit seinen 27 Minuten Spielzeit ein überlebensgroßer Behemoth in einem Meer aus Monolithen geworden; eine Warnung und Prüfstein, aber auch Versprechen für A Pyrrhic Existence als Gesamtwerk: Aufwand und Entlohnung kommen hier stets in voluminöser Masse, holen unmittelbar an Bord, sofern man die nötige Zeit und Geduld aufbringt.
Was bedrohlich und finster als kasteiender Funeral Doom exakt entlang der Erwartungshaltung so massiv und schwerfällig beginnt, verdickt sich erst dann wirklich ehrfurchtsvoll zähflüssig, sobald die urgewaltigen Vocals von Greg Chandler einsetzen, praktisch alles zum Stillstand bringen. Gepeinigt bietet sich der misanthropische Nihilismus nach knapp zehn Minuten einem atmosphärischen Ambientpart an, aus dem sich ein gestiegenes Interesse an erhebenden Texturen aufbaut. Die Spannungen flimmert intensiver ausstattet und beschwört einen Klimax, der plötzlich doch in einen versöhnlicheren Score-Part kippt, in Trance durchatmet, mit losen Gitarrengeplänkel sinniert und eine geradezu hoffnungsvolle Midtempo-Bekömmlichkeit zeigt. Descent schraubt sich dann nahezu subversiv zu einer Hymnenhaftigkeit auf, als wären Guns n‘ Roses in Zeitlupe kasteiend Melodien auf der Spur, die aus ihren Gräbern werkeln, aber in den Himmel reichen möchten. Die letzten Meter von Descent sind dennoch eine stockdunkle Installation voller Suspence und Klaustrophobie, die in theatralischer Orgelschwere verschwimmende Versatzstücke von Lychgate zu einem eigenwilligen Kopfkino-Soundtrack verwebt.

Bereits dieser erschöpfende Mikrokosmos von einem Esoteric-Universum lässt dann Rückschlüsse auf A Pyrrhic Existence als Ganzes zu. Neben dem prägnant wie selten als Epizentrum fungierenden Chandler ist Gitarrist Gordon Bicknell nach seinem mysteriösen Mehr-oder-Minder-Ausstieg und der überschaubaren Beteiligung am Vorgängeralbum Paragon of Dissonance (2011) wieder fester Bestandteil der Band. Er fordert die Einheit auch zu einem kreativen Staffellauf heraus, der ein progressives Wachstum ermöglicht, das nicht nur nahezu alle bisherigen Phasen der Bandgeschichte destilliert, sondern die Perspektiven erweitert und Grenzen neu verlegt.
A Pyrrhic Existence kann nämlich tatsächlich mehr, als nahezu alle bisherigen Esoteric-Alben. So vielseitig wie hier haben alleine die Instrumente rund um schwindelerregend subtil-epische Gitarrenparts noch nie gearbeitet; die Vocals klingen unmenschlich wie selten; die Drums agieren zu jedem Zeitpunkt perfekt songdienlich, aber insgeheim triumphal wirbelnd und bestialisch entschleunigend aus dem Unterholz; dazu setzt die Produktion alleine über die Hochwertigkeit der Synthies neue hauseigene Maßstäbe, wenn A Pyrrhic Existence immer wieder in postapokalyptischen Keyboard-Meeren badet, die wie Erinnerungen an Blade Runner klingen, während sich die Entladungen der Kompositionen auch in erstaunlich direkten und mitreißenden Klimaxen außerhalb der Komfortzone und angestammten Hoheitsgebiet bewegen.
Dass einige wenige Passagen für sich genommen und isoliert betrachtetvielleicht nur überdurchschnittlicher Genre-Standard sein mögen, spielt dann auch keine gravierende Rolle, weil sie in den Kontext gebettet derart fantastisch funktionieren. Wo man die Platte deswegen höchstens objektiv doch ein wenig kürzen hätte können, will man dies subjektiv eigentlich niemals – die Vinylversion darf da insofern ein bisschen als Mahnmal herhalten. Denn obwohl A Pyrrhic Existence ständig herausragende – nicht aber wirklich restlos ikonische – Einzelszenen evoziert, sind die 98 Minuten des achten Esoteric-Albums unbedingt als ganzheitliche Erfahrung zu erleben.

Auf der meditativ ihre Gravitation ausbreitetenden, mit Leib und Seele fressenden Platte gibt es schließlich so unheimlich viel zu entdecken, so viele dynamische Wendungen zu bestaunen und den Evolutionsprozess eines gleichermaßen verinnerlichten wie gewandelten Songwritings zu verfolgen.
Nachdem Descent eben über seine elaborierten Spannungsbögen gefühlt mehr als nur einen Song schluckt, beginnt Rotting in Dereliction im bitterbösen Slo-Mo-Mahlstrom mit latentem Hang zur Dissonanz, gerinnt zähflüssig und nimmt an Fahrt auf, findet über eine wundervoll schwelgende Trostlosigkeit in eine unfassbar knackig tackernden Metal-Abfahrt – die plötzlich sogar wie von Sinnen in trven Schattierungen des Death und Black tackert und soliert: So dermaßen von der Tarantel gestochen hat man die Band wohl noch nicht gehört, auch wenn der manische Ausbruch sich gleich wieder zurückzieht, das Wah-Wah-Pedal heulen lässt und in tektonischen Schüben brütet, wieder primär die Perfektion des angestammten Signature Sound mit Erhabenheit und Grandezza anreichert.
Wie grandios die Arbeit von Chandler und Bicknell an den Saiten diesmal gediehen ist, wird jedoch spätestens deutlich, wenn Rotting in Dereliction in qualvoller Schönheit siechend triumphal ausblutet, die Gitarren mit aller Geduld der Welt zeitlos erhabene Attribute in den Äther schicken und über das cinematographischen Outro im düsteren Synthnebel den nahtlosen Übergang zum Instrumental Antim Yatra finden, sich durch assoziative Ambient-Klanggebilde schleppen, wo das Licht am Ende des dystopischen Tunnels in Gestalt einer funkelnden Pianolinie auftritt.

Danach hat A Pyrrhic Existence seinen Radius zwar weitestgehend vermessen, geht jedoch in den Kontrasten und Schattierungen sogar noch weiter ins Detail, fächert seine Facetten, Tempi und Härtegrade mit einer bisweilen erschöpfenden Konsequenz auf und badet ergiebig in seinen mitunter traumhaften Melodien.
Consuming Lies lässt seine Gitarren im Delay atmosphärisch durch den Raum klingen, erbaut in den Herrschaftsgebieten von Isis und dem Post Metal eine Goth-Kathedrale. Die doomigen Riffs, die in dieser Umgebung entstehen, sind beinahe kompakte 2000er Stakkato-Metal-Attacken im Apokalypse-Modus mit Gift-keifenden Schreien, die Drums untermalen eine energische Konzentration, die bald darauf mit einem Darkjazz-affinen Part atmen, der mit seinen bedrohlichen Keyboardspuren langsam wieder zurück in den Morast kriecht und am geschwindigkeitsfreien Death seine Isolation mit aller Schwere der Welt aufwiegt. Wie homogen und natürlich die Mutation der Nummern dabei voranschreitet, ist im Grunde formvollendet.
Culmination badet in einer melodischen Abgründigkeit, zieht die Zügel enger und shreddert stoisch vor schwindelfrei solierenden Landschaften, taucht sogar in geradezu psychedelische Farben, bis die Band alle Fäden zusammennimmt und über eine tackernde Planierraupe kurzzeitig gar wie eine Doom-Version von Meshuggah und Mudvayne austickt. Das Momentum der Eskalationen kanalisiert hier besonder rasant detonierend, lässt die Spannungen nicht nur flächig fließen. In dieser Ausrichtung ist das zu Mournful Congregation strahlende Sick and Tired eine geradezu Pink Floyd’eske Sehnsucht mit Heavy Rock-Anleihen und fauchenden Gitarren, suhlt sich dicht in seinem finsteren Elend, stappelt die eines Finales würdigen Gesten noch und nöcher, rotiert dort wie wild im Zirkel und schleift dann wieder elegisch: Überwältigend!

Die vielleicht größte Leistung eines großen Genrewerkes, nein – Opus!,  ist jedoch, dass A Pyrrhic Existence ein fordernder Kraftakt ist, aber keine auslaugende Tortur. Jede Sekunde, die man der Platte folgt, zahlt die Opferbereitschaft mit einer seltenen Hingabe zurück. Alle Elemente scheinen perfekt temperiert in der akribischen Architektur der sechs Mammutnummern aufzugehen, und doch werfen Esoteric stets die emotionale Leidenschaft vor jedem Kalkül in die Waagschaale, wecken nach fast drei Dekaden im Business eine kaum für möglich gehaltene Euphorie, die hier eineinhalb Stunden wie im Rausch vergehen lassen und – sofern dies in diesen Gefilden überhaupt ein zulässiger Begriff ist – sogar Spaß machen. A Pyrrhic Existence klingt so abgeklärt und erfahren, wie es ambitoniert und hungrig nachwirkt. Sich diesem esoterischen Kosmos hinzugeben scheint weniger Aufwand zu sein, als es selbst die bisher besten Alben der Band dann doch immer waren.
Man kann deswegen darüber diskutieren, ob Esoteric sich diesmal selbst übertroffen haben – sich aber darüber einig sein zu können, dass dieses Quasi-Comeback den Spagat schafft, die bisherige Diskografie der Briten geradezu ultimativ zusammenzufassen und eine potentielle Zukunft der Institution trotzdem spannender in Position gebracht zu haben, als das nach unbedingt definierenden Überwerken wie Metamorphogenesis und The Maniacal Vale überhaupt noch möglich schien. Dass man die Zeit bis dahin weniger darbend zählen wird als die vergangenen acht Jahre, liegt daran, dass Esoteric ein Meisterwerk für die Annalen des Doom geschrieben haben. Niemals weniger, eventuell aber gar mehr.

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