The Good, The Bad & The Queen – Merrie Land

von am 3. Dezember 2018 in Album

The Good, The Bad & The Queen – Merrie Land

Eine Pause von knapp einer Dekade passt ja durchaus zum zyklisch aus der Erinnerung heraus operierenden Charakter von The Good, The Bad & The Queen. Dennoch umso überraschender, dass sich die derart anachronistisch in der Vergangenheit verankerte Band erst von der Brisanz zeitpolitischer Gegebenheiten für Merrie Land aus der Reserve locken lässt.

Eigentlich hatte sich das britische Allstarquartett ja elf Jahre, nachdem das selbstbetitelte Debüt den Fokus auf London gelegt hatte, nur zusammengefunden, um all die über die Jahre lose gesammelten Ideen zu einem Album zu bündeln, das sich thematisch um Blackpool und seine geographische Nähe zum Festland Europa drehen sollte. Geworden ist Merrie Land unter den Eindrücken der immer abstruser werdenden Austrittsverhandlungen Englands letztendlich ein wehmütiger, konzeptioneller Rundumschlag zum Brexit – und zudem das homogenste und paradoxerweise auch in sich geschlossenste Werk, das Blur-Boss Damon Albarn seit langem zu verantworten hat.
Dafür knüpfen The Good, The Bad & The Queen weitestgehend direkt bei der altenglischen Prägung ihres Debüts an, verschieben aber doch die Balance: Tony Allen darf seine polyrhythmisch vertrackten Aftrobeats prägnanter ins Klangbild unter die dubbig-grummelnden Bässe von Ex-The Clash-Tieftöner Paul Simonon schieben, während Simon Tong (Ex-The Verve) die Gitarren beinahe vollends zugunsten diverser Tasteninstrumente aufgiebt, die Albarn mit (unter anderen Theremin, Mellotron oder Orgel sowie) einem Hang zum Obskuren besorgt.

Zwischen Vaudeville-Flair und Leierkasten-Walzer, Art Pop und schwarz-weißen Cabaret fühlt sich Merrie Land weitestgehend an, als würde der Troubador Albarn vor einer sentimental schunkelnden Band durch die Lande ziehen, um seinen gemütlich düdelnden Jahrmarkt aufzubauen, der gar nicht erst versucht aus einer gewissen Gleichförmigkeit und Distanz auszubrechen – selbst Refrains will sich nicht jeder der mit unheimlich kontemplativer Grandezza baumelnden Songs gönnen.
Nineteen Seventeen referenziert stattdessen lieber melancholisch Richtung David Bowie, die leise anschwellenden, romantisch jubilierenden Streicher hinten raus können und wollen den latenten Pessimismus nicht kaschieren. Die Träumerei The Great Fire ist in den meisterhaften Arrangements gleichzeitig vager Postrock, funkelnder Synth-Ambient, leicht diffuse Avantgarde und assoziative Demon Days-Verweis – und trotzdem nichts von alledem. Trotzdem könnte auch mindestens The Truce of Twilight, das stackst wie eine cartoonhaft-liebenswerte Gaunerhorde voller Seemans-Trunkenbolde im Midi-Format, unter anderen Vorzeichen gut und gerne im Repertoire der Gorillaz gelandet sein.
Während die wundervoll unwirklich klimpernde Klavierballade Lady Boston dann mit einem erhebend traurigen Chor aufwartet und den anmutigen Mittelpunkt der Platte stellt, tingelt Drifters & Trawlers dagegen seine keltische Hook einnehmend in die Welt hinaus, bevor The Last Man to Leave absurdes Theater mit Zeigefinger sowie einem stets zu spät kommenden Chor ist und das versöhnliche The Poison Tree den Reigen erstaunlich optimistisch ausklingen lässt, einen schaurig-schönen Silberstreifen am Ende des Horizonts hinter dem ansonsten in bunten Grau tänzelnden Blackpool-Pier.

Was man dabei wegen all der nur vage verschobenen Facetten erst übersehen kann, wenn Albarn die am griffigsten aus dem Kontext zugänglichen Nummern gleich zu Beginn mit dem Titelsong (Albarn folgt dem Beat dringlich mit weichem Stakkato, eilig aber ohne Hast, begegnet vorsichtig wiegenden Streichern und schippert unaufgeregt zu einen vermeintlich höhepunktslosen und spannungsarmen Ohrwurm) sowie Gun to the Head (die dissonanten Flöten wirken erst, als wäre man auf einer freakfolkigen Zirkusrevue, zum ausgelassen-naiven Ray Davis-Refrain müssen aber alle mit) abliefert.
Merrie Land ist im Gesamten ein nonchalanter Grower geworden, der mit seiner Stimmung und Atmosphäre (ungefähr: David Lynch deutet einen Ed Wood-Horror zum Melodram um) noch vor den Vorzügen seines Songwritings verzaubert und in eine eigene kleine Blase abseits des Alltags zu versetzen scheint – wieder so ein paradoxes Element hinsichtlich der nur zu real verankerten Motive der Platte.
Spätestens mit dem wunderbaren Highlight Ribbons – eine leise Akustikgitarre und warme Orgeltöne verweisen direkt auf das Debüt, während die Struktur einem praktisch permanent repetierten Chorus gleicht – gelingt Merrie Land aber praktisch ohnedies ein bisschen die Quadratur des Kreises und The Good, The Bad & The Queen plätschern mit anmutiger Haltung eben wieder in genau jene Zeitlosigkeit, aus der heraus diese Band überhaupt erst entstanden ist.

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