Gorillaz – The Now Now

von am 13. Juli 2018 in Reviews

Gorillaz – The Now Now

Damon Albarn setzt knapp 14 Monate nach dem von Gästen überlaufenen Zeitgeist-Sampler Humanz mit The Now Now zum minimalistischen Umkehrschub an: Nahezu ohne Features auskommend findet das sechste Studiowerk seiner Cartoonband erstaunlich nebensächlich zurück zu einem homogenen Albumwesen samt stimmigen Identitätgefühl der Gorillaz.

Nur ein einziges Mal fällt The Now Now aus seinem kohärent in sich geschlossenen Fluss: Hollywood mag einen netten Refrain haben, fährt darum herum aber als sedatives Hip Hop-Konstrukt unnötigerweise Snoop Dogg und Jamie Principle auf und wirkt damit eher wie ein solide-uninspiriertes, im Kontext von The Now Now dezent störendes Überbleibsel von Humanz.
Abseits davon aber haben Damon Albarn, Produzent James Ford und Langzeitpartner Remi Kabaka als gleichberechtigte Songwriter ein Album geschrieben, das als luftig-lockerer Electropop gar nicht so weit von einem Laptop-gestemmten, durch eine zu Ende gedachte Version des flüchtig-unfertigen The Fall infizierten Updates von Everyday Robots wie ein Soundtrack für lauschig-sonnige Sommerabende funktioniert: Latent sehnsüchtig und melancholisch schippert The Now Now als zurückgenommene Entspannungsübung in Richtung El Mañana und Co., schmiegt sich wie eine  Brise in eine zwischen den Zeilen flimmernde, unverbindliche Euphorie.

Humility gibt als Opener die allgemeine Richtung, Stimmung und Wirkungsweise der restlichen Platte insofern weitestgehend adäquat vor: Die Vorabsingle ist ein nonchalanter Track, der seine Eingängigkeit erst mach und nach offenbart, aus der beliebigen Langeweile über die Hintertür der Wahrnehmung (sowie gerade im restlichen Gefüge – wie beinahe jeder der elf Songs von The Now Now – besser zündend) in eine angenehm begleitende Gefälligkeit stackst und nicht nur mit den unaufdringlichen Gitarrenlicks von George Benson zu verführen weiß.
Derart in sich geschlossen schälen sich die Stärken von The Now Now grundsätzlich nur sehr langsam aus dem zutiefst homogenen, eigentlich ziemlich gleichförmigen Ganzen der Platte hervor. Doch bleibt letztendlich mehr nachhaltiges Material hängen, als auf den vorangegangenen Veröffentlichungen der Gorillaz. Kansas etwa ist nur scheinbar sorglos-schleppender Pop durch Oz mit bittersüßen Texten („I’m not gonna cry/Find another dream„), während  Sorcererz psychedelisch entrückt munter funkelnd dem Beat folgt oder Tranz flotter drückend ohnedies gleich eine düstere Tanzbarkeit mit unterschwelliger Catchyness forciert. Mit Graham Coxon als Unterstützung ist das unangestrengte Magic City sogar näher dran am typischen Gorillaz-Hit, als jeder andere Moment von The Now Now.

Nur selten geben sich die Gorillaz 2018 jedoch tatsächlich greifbar und prägnant kontrstiert. Fire Flies dümpelt beispielsweise lange Zeit in Trance, bevor Albarn doch noch einen Refrain in die Höhe streichelt, der seine Größe aber mit einer für die Platte typischen Nebensächlichkeit auslegt. One Percent dagegen schwebt wie ein außenstehender Space-Beobachter über den Dingen, entscheidet sich sogar, kurz bevor die Nummer weltlich-konkreten Erscheinungsformen anzunehmen scheint, dafür, flüchtig zu entschwinden. Selbst das charmant fiepende Souk Eye pulsiert mit einer kaum physisch werdenden Dramatik samt Streicherpatina an der Strandbar und entlässt ohne bedingungslose Gebrauchsanweisung.
Und dennoch – oder gerade deswegen – stellt The Now Now einige der schönsten Kleinode seit Demon Days. Das feierliche Idaho klingt etwa, wie das Cover der Platte aussieht – ist eine zur ästhetischen Schönheit gezupfte Unscheinbarkeit, bezaubernd und unwirklich am Lagerfeuer sitzend, subtil dem Horizont entgegenblickend und sich irgendwann, irgendwo schlichtweg im nebulösen Schleier verlierend.

Das ergibt in Summe ein verdammt stimmiges Album der digitalen Kombo, auch wenn die Konsequenz der legeren Relaxtheit durchaus auch Schatten wirft. Phasenweise fehlt es The Now Now in dieser Beschaffenheit doch an schärferen Konturen im Songwriting sowie mehr Mut, um aus einer bisweilen etwas zu ambitionslos anmutenden, komfortabel verwalteten Wohlfühlzone der Platte hinauszuwachsen.
Einige Tracks (wie das feine Instrumental Lake Zurich, das mit mehr Schwung in die Hüften fiepend den Zeitlupendancer samt hibbeliger The Rapture-Percussion probt) mäandern ein wenig zu lange und zudem ohne jene wirklich zwingende Impulse, die The Now Now emotional packender noch einmal eine Stufe höher hätten heben können.
Doch gerade dieser ziellos die Odyssee anpeilende Charakter der Kompositionen ist es auch, der zum eigenwillig-schimmernden Vibe der Platte beiträgt und The Now Now schlußendlich die Facetten verleiht, um in der Discografie der Gorillaz einen originären Platz einzunehmen. Zumal die individuell überragende Highlights erzwingen wollende Brechstange nach Humanz nur zu gerne im Schrank bleiben darf. Alleine deswegen sind die kurzweiligen 41 Minuten der Platte ein willkommen unspektakuläres Durchlüften geworden, das den Gorillaz eine auf Albumlänge noch nie derart forcierte Form des Understatements abringt.

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