Haim – Something to Tell You

von am 20. Juli 2017 in Album

Haim – Something to Tell You

Da kann Paul Thomas Anderson noch so einnehmende Videos drehen und die hippen Szene-Medien den drei Schwester weiterhin zu Füßen liegen: Mit Something to Tell You liefern Haim diesmal enttäuschenderweise nur noch gleichförmig austauschbaren Herzschmerz-Pop für das Formatradio.

Und ja, das tun Haim auch mit ihrem Zweitwerk auf durchaus gefällige den Hintergrund ausfüllende Art und Weise. Want You Back umspült etwa 80er-Hochglanz mit Michael Jackson und Funk-Ideen, Want You Back empfiehlt sich ironischerweise als Soundtrack für Fahrten auf staufreien Straßen am Meer, das gut gelaunt stacksende Little of Your Love feiert dem Sonnenschein entgegen, während der entspannte Softrock von You Never Knew flirtet mit sanftem Synthie-Schimmern. Fein, fein, fein.
Wie man eingängige Popsongs im eklektischen Spannungsfeld zwischen Fleetwood Mac, Wilson Phillips oder Alanis Morissette schreibt, ein 70er-Vintage-Flair modern auffrischt und sich in dem Referenzwohlklang trotzdem eine eigene Handschrift aneignet, das wissen die Geschwister selbstverständlich – und seit dem sehr feinen Days Are Gone auch ein Gros der Indiewelt. Das Problem ist aber (gerade im direkten Vergleich zum Vorgänger), dass Haim dies im zweiten Anlauf trotz der Hilfe von Kalibern wie Top-Produzent Ariel Rechtshaid und namhaften Gästen wie Twin Shadow, Dev Hynes oder Rostam Batmanglij nur deutlich generischer als bisher gelingen will – es fehlen in erster Linie einfach die wirklich zwingenden Hooks und Melodien, auch die Fallhöhe oder zumindest der letzte Funken Mut.

Something to Tell You ist unterm Strich nur ein maßgeschneidert kalkuliertes Produkt zumeist ernüchternd seichten Pops geworden, das während seiner 43 Minuten Spielzeit absolut unverbindlich unterhält, darüber hinaus aber einfach nicht hängen bleiben will, weil das Songwriting der Band diesmal immer wieder in einer arg belanglosen Beliebigkeit verschindet – das können auch die gerade in der zweiten Hälfte stärker aufgefahrenen Studiotricks nicht kaschieren.
Zwar skizzieren Szenen wie die dramatisch vorantreibenden Streicher in Found It In Silence oder das Richtung Warpaint Spannung aufbauende Right Now durchaus Ambitionen zur Weiterentwicklung, die Band will sichtlich mehr, als ein halbgares Da capo des Debüts abzuliefern, doch versanden die wenigen herausragenden Ideen zu oft im plätschernden Fluss einer Platte, die zu risikoscheu ihre durch und durch souveräne Genre-Kompetenz abruft; die nett anzuhören ist, ohne den Kopf zu verdrehen.
Dass sich die Songs ohne das Ausschöpfen oder Vorhandensein jedweder Geistesblitze flächendeckend nur zu leicht in repetitive Sackgassen manövrieren, spielt den einfach zu erschließenden Kompositionen zudem freilich auch nicht in die Karten. Oft verlassen sich Haim ausschließlich auf die starke Ästhetik ihrer Nummern, anstatt diese mit Überraschungen, Impulsen oder zumindest ansatzweisen Ecken und Kanten aufzupeppen: Something to Tell You geht schlichtweg stets auf Nummer sicher (warum nicht öfter Ausbrüche wie das bratzende Gitarrensolo in Kept Me Crying, das zwar letztendlich unbeeindruckt im Mix verschwinden muss, aber zumindest Ausbrüche andeutet?) und beweist selbst im Gebrauch des allgegenwärtigen Wortes „You“ in der Tracklist mehr Variabilität, als im gleichförmigen Auftreten seiner Songs.

Stichwort You: Textlich bewegen sich Haim auf Something to Tell You derart penetrant in eine vor Klischees nur so triefende Banalität aus austauschbaren Beziehungskisten und flachen Lovesongfloskeln, dass sich vor dem inneren Auge beinahe zwangsläufig Szenen von Mädchenfreundschaften am Ponyhof oder der sich aufraffenden finalen Momente in kommenden Bridget Jones-Fortsetzungen aufdrängen. Ein relatives Manko (immerhin gehört schon einiges an Chuzpe dazu, über die Leiden des Liebeslebens zu schwadronieren und dazu derart deklariert Musik zu spielen, die absolut niemandem weh tun will), das man nur mit viel Wohlwollen einer latenten Affinität für ein anvisiertes Zielpublikum unterschieben kann – wie man Lebensgefühl- und Herzschmerz-Lyrics deutlich gehaltvoll aufarbeiten kann, lässt sich schließlich aktuell (bei dem stilistisch und inhaltlich eigentlich meilenweit entfernten) Melodrama von Lorde deutlich besser nachvollziehen, während man ganz allgemein realisieren muss, dass Haim mit Something to Tell You diesmal eben leider nur den an der Oberfläche flimmernden Soundtrack für sanfte Sommertage geliefert haben. Nicht mehr, aber eben auch kaum weniger.
Denn eben: Pop können Haim trotz allem weiterhin, ob sie ihn nun über sedativen Beats im ereignislosen Walking Away oder der tonalen Langeweile des Atmosphäre-Meeres Night so Long auflösen. Und böse sein kann man ihnen für Something to Tell You dann sowieso zu keinem Zeitpunkt. Auch wenn das nur daran liegt, dass diese elf die Gehörgänge nicht uncharmant wattierenden, aber alsbald wohl vergessenen Beinahe-Ohrwürmer dafür schlichtweg zu harmlos sind.

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