Hurts – Surrender

von am 15. Oktober 2015 in Album

Hurts – Surrender

Die auf massentaugliche Breitwand-Melancholie abonierten Briten Hurts wagen auf ihrem dritten Studioalbum die Probe aufs Exempel: wieviel überquellende Partystimmung verträgt ihr romantisierter Synthiepop, bevor er einem so richtig auf den Sack geht?

Surrender‚ klärt auf: gerade soviel, um den soulig aufgeplusterten Opener und Titeltrack weitestgehend geschmacksresistent zu überstehen. Spätestens wenn das folgende ‚Some Kind of Heaven‚ in seinen ersten Refrain poltert, ist der Übersättigungsgrad allerdings in Sekundenbruchteilen erreicht: Man sieht Sänger Theo Hutchcraft und Tastendrücker Adam Anderson vor dem geistigen Auge rudernde Zeitlupenbewegungen auf dem Dancefloor machen, die auf dem Debüt ‚Happiness‚ (und mit Abstrichen auch auf den Nachfolger ‚Happiness‚) durchaus noch einnehmende Verneigung vor den 80ern ist mittlerweile einer puren Anbiederung an den Zeitgeist gewichen, Basslines treiben mit erzwungener Nostalgie ständig auf den modernen Dancefloor der Charttrends.
I am ready for the rapture/ I am reaching for the love/ But my heart screams hallelujah/When I hear your battle cry“ singt der liebestrunkene Anzugträger aus Manchester, das Zielpublikum von One Direction erlebt daneben feierlaunig besoffen vor stampfenden Endorphinbeats eine gute Zeit, „Yeah!„. Partymusik ohne Wehmut, Streicher aus der Konserve, theatralische Loops, „You’ve got me singing baby„. Dass das Artwork erstmals nicht nur Farbe bereithält, sondern das Duo durch pinke Felder streifen lässt, darf als bezeichnend gewertet werden.

An dieser installierten Gangart ändert sich bis auf weiteres nicht, die Akustikgitarre im pumpenden ‚Why‚ bleibt ebenso Alibi wie der leichte Daft Punk-Funkvibe in ‚Lights‚. Dass die enorm kitschig sülzende Pianoballade ‚Wish‚ als unangenehmes Highlight sich verzweifelt nach den großen Gitarrengesten von Johnny Buckland verzehrt, macht jedoch rundum Sinn: ‚Surrender‚ hat akribisch analysiert, was den Erfolg von ‚We Are Young‚ und ‚A Sky Full of Stars‚ ausmachte (das nach ‚Mylo Xyloto‚ vernachlässigte Coldplay-Klientel wird hier insofern mit an allen Ausgängen erschlagenden „Ohoho„-Chören und „Doo-Dooo-Doo-Do Doo-Dooo-Doo-Do„s bedient), speist sich rhythmustechnisch aus dem immer gleichen Baukastenbeats und streckt sich (in der Regel nach die Ruhe vor dem Sturm ausnutzenden, in die Höhe gezogenen Effekten) anhand der immer gleichen Chorus-Muster hymnisch an die Decke – freilich kompositorisch über Gebühr, aber dafür mit einer marktwirtschaftlich geradezu atemberaubend punktgenau destillierten Stangenware-Zielsicherheit: Maßgeschneiderte Hits wird ‚Surrender‚ mit seinen sofort ins Ohr gehenden Melodien und Hooks zahlreiche abwerfen, dafür ist diese seelenlos perfektionierte Platte schließlich nahtlos sitzend konzipiert, das muß man in dieser Konsequenz auch erst einmal abliefern.

Soll aber auch heißen: ein ‚Nothing Will Be Bigger Than Us‚ hätte Killers-Intimus Stuart Price Brandon Flowers nicht derart eindimensional aufs Aug drücken können, das supergallig einen auf episch machende ‚Wings‚ ist ein Paradebeispiel für substanzlose Überhöhung und das schlimmste an ‚Rolling Stone‚ ist gar nicht das orientalisch gemeinte Song Contest-Gedudel, die fetten Breakbeats oder die Vocoderstimmen, sondern das hochnotpeinliche Storytelling: „In Belarus she was a vespertine/ She danced the gogo for the bourgeoisie/Now she’s here/ And she is on her knees„, weil „Her daddy was an alcoholic/ And her mother was an animal„. Dass die daramatisch egalen Lyrics generell niemals über unendlich banale Love-Plattitüden über den Tellerrand blicken: Ehrensache!
Vereinzelte Lichtblicke wie das verschwurbelte ‚Slow‚ (schielt kurz zu den abstrusesten Anwandlungen von Muse und kann sich danach ansatzweise den allgemeinen Modus Operandi widersetzen) oder die als Bonustrack verheizte, tolle 80er-Entspannung ‚Perfect Timing‚ korrigieren die Qualitätslatte marginal nach oben, unterstreichen allerdings primär, dass die nun forcierte Ausgelassenheit im bisher so ernsten Sound von Hurts weniger einer künstlerisch motivierten Entwicklung, als streng kalkulierten Faktoren zu folgen scheint. Zyniker können dies zwar als Beweis ansehen, wieviel Klasse und Tiefe die Editors selbst in ihrer dunkelsten Stunde noch besitzen, so oder so ist das austauschbar in seiner Beliebigkeit rotierende ‚Surrender‚ aber vor allem eine dieser seelenlos gestikulierenden Platten geworden, die mit einer faszinierenden Hartnäckigkeit und ermüdenden Zielsicherheit vorführt, warum Popmusik, die dem Massenmarkt ohne Charakter nach dem Mund redet, keinerlei Strahlkraft entwickeln kann, sondern bestenfalls gefällige Fassade bleiben muss.

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