Ichiko Aoba – Windswept Adan

von am 31. Dezember 2020 in Album, Heavy Rotation

Ichiko Aoba – Windswept Adan

Was für ein Jahr für Ichiko Aoba: Seit der Single amuletum bouquet im Jänner hat die Japanerin mit „gift“ at Sogetsu Hall nicht nur eines der schönsten Livealben jüngerer Vergangenheit aufgenommen, sondern erweitert ihren Kosmos nun auch noch mit アダンの風 alias Adan no Kaze alias Windswept Adan.

Für den spätesten und wohl unwahrscheinlichsten rym-Hype 2020 sorgt minimalistischer Singer Songwriter-Folk, der von einer 30 jährigen kammermusikalisch in den Ambient geboren wird, das angestammte Spektrum Aobas aber reichhaltiger und ausgeschmückter arrangiert wachsen lässt, in seiner ästhetisch verschwimmenden, vielschichtigen Textur trotz aller Details und Lagen reduziert und subversiv bleibt. Die Klangwelt Windswept Adan ist elegant und friedfertig, bescheiden und ebenso ausladend; opulent, aber nicht pompös. Diese elegische Schönheit und Anmut entzieht sich jeder Körperlichkeit, umspült mit ihrer tiefenentspannten Atmosphäre so zeitlos und entspannt, passiert in der schier unergründlichen Reichhaltigkeit im eigenen Raum-Zeit-Kontinuum, für westliche Ohren wohl auch mit der Exotik eines Ghibli-Soundtracks für das Kopfkino.

Dass Porcelain als Single die fassbarsten Konturen und konventionellsten Strukturen besitzt, den Song gerade dadurch aber mäandern lässt, wo andere Nummern in der puren meditativen Freiheit baden, steht nur bedingt repräsentativ für Windswept Adan im Gesamten, wohl aber für den Einstieg der Platte, der durchaus noch Ansätze des Vorgängers qp weiterdenkt, bevor Aoba sich mit einem sanften Paradigmenwechsel freischwimmt, in dem die Gitarre immer noch ein Kernelement darstellt, aber im Gesamtwerk transzendiert.
Der ätherischer Ambient von Prologue etabliert das Wesen und die Stimmung dieser andersweltartigen Seance zwischen (ohne in der asiatischen Szene bewandert genug für Referenzen zu sein) Anna von Hausswolff, Björk, Susannah, Weyes Blood oder Sigur Rós, doch bimmelt schon das schüchtern verträumt Pilgrimage mit seinen naturalistischen Arrangements um flötierende Erinnerung in einem assoziativ höchstens erahnbaren Becken aus imaginativer, somnambuler Mystik ohne tatsächlich fokussierter Eckpunkte.

Danach verschwimmen die Gefüge von Windswept Adan, einzelne Passagen tauchen wie unterbewusst überwältigende Szenen im zarten Fluss auf, sind aber praktisch schon wieder so versöhnlich durch die Finger perlend verschwunden, wenn man sich darauf konzentrieren will. Horo berieselt dann etwa wie auch Kirinaki Shima als weitestgehend acapella dargebotene wärmende Zeitlosigkeit und das latent magische Easter Lily hat eine schier anbetungswürdige, unter die Haut streichelnde Melodie.
Parfum d’étoiles lauscht dem Sonnenaufgang und Vogelgezwitscher am Klavier in einer lächelnd-tränenden Nostalgie, die sonst nur Joe Hisaishi derart zustande bringt – oder Aoba selbst in Dawn in the Adan, in dem die trillierenden Ausschmückungen um das plätscherne Hauptmotiv eine erfrischend-lebendige Aufgewecktheit zeigen und synonym für die wahnsinig gut balancierte Inszenierung dieser Platte steht. Sagu Palm’s Song verführt mit einer unschuldig-naiven Liebenswürdigkeit am Folk gezupft so niedlich und weise als heimliches Highlight unter vielen, wo Chi no Kaze alles Tempo mit einer melancholischen Andacht und tröstenden Einsamkeit auflöst. chinuhaji horcht dem Windspiel im astraseln Kosmos und Hagupit schmiegt sich in seine märchenhaftes Streicher-Arrangements, bevor ohayashi ein Stück organisches Herz in einer digitalen Welt findet und das abschließende Adan no Shima no Tanjyosai als Epos im zutiefst behutsamen Gewand wie ein formwandelnder Monolith die Stille wählt und dem beruhigenden Wellengang am endlosen Meer all seine Sorgen anvertraut.
Das ist kein spektakulärer Abgang für eine spektakulär unspektakuläre Platte, aber ein unerschöpflich befriedigendes Gleitenlassen aus einem Tauchgang, dem man sich ohne analytische Rezeption immer wieder hingibt; ein angemessener Ausklang auch für diese triumphalen zwölf Karriere-Monate von Aobe, deren musikalische Ausprägungen sicherlich nur für gewisse Stunden des Lebens sind, in diesen aber aber noch weit über die nahenden Jahresgrenzen hinaus schimmernd begleiten werden.

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