Jack White – Boarding House Reach

von am 25. März 2018 in Album

Jack White – Boarding House Reach

Jack White liefert das adäquate Album zum penetranten Augenkrebs-Artwork: Boarding House Reach ist eine unausgegoren zerschossene Trip-Karambolage aus diffusen Songskizzen, die selten bis nie mit den von ihnen gehegten Ambitionen mithalten kann.

Man muss es dem ewigen Traditionalisten White durchaus anrechnen, dass sein drittes Soloalbum mit einer risikobereiten Radikalität versucht, nach den mediokren Sicherheitsplatten Blunderbuss und Lazaretto neue Perspektiven für den 42 Jährigen aufzutun, Strukturen experimentell aufzubrechen und ungewohnte Soundgefilde außerhalb der Komfortzone zu erschließen.
Auch ist es durchaus erstaunlich, dass Boarding House Reach aus diesen Antrieben heraus in seiner grotesken Formlosigkeit und einem kaum griffigen Democharakter durchaus ein kohärent ausgerichtetes Werk geworden ist, dessen Ziele und Bestreben wie im verblendetes Drogenrausch erkennbar bleiben.
Einzig: Dies ergibt in seiner zutiefst forciert wirkenden Kunstfertigkeit im Umkehrschluss keineswegs auch automatisch ein gutes Album, wenn White auf jedwedes zu Ende gedachte Songwriting verzichtet, sondern eine Schwemme aus losen Ideen und bestenfalls interessanten Ansätzen zu einem unförmigen Sammelsurium der Prätentiösitäten aufbläst. Hat sich die Spannung der Platte – nach der anfänglich ungläubigen Faszination ob des hirnwütigen Dilemmas dieser nach Aufmerksamkeit heischenden Brechstangenkreativität und niemals subversiv zündenden Verweigerungshaltung – erst einmal gelegt, lässt sich der Mehrwert von Boarding House Reach deshalb auf einen erschreckend geringe kreativen Bodensatz ohne relevante Substanz festmachen.

Es gehört freilich auch eine gehörige Portion Chuzpe dazu, einen derartig chaotischen und unterentwickelten kreativen Scherbenhaufen bis zu einem gewissen Grad mitunter erfolgreich als avantgardistische Risikobereitschaft zu verkaufen.
Doch wo konventionelle Zugeständnisse an klassische kompositionelle Formen kaum vorhanden sind, bleibt aus dem überfrachtet abstrakten Ganzen letztendlich doch vor allem eine erschreckende Fülle schlechter Entscheidungen, halbgar-inkonsequenter Bemühungen, über Gebühr ausgewalzter Leerläufe, schwachsinniger Texte und geradezu absurd mutierter Szenen hängen.
Connected by Love probt den hölzernen Gospelrock mit austauschbarem Beinahe-Hip Hop-Beat und dünnen Soulbackingchören, die vollkommen unmotiviert klingen: Der Opener hat keinen Biss, zeigt aber mit wabbernden Synthies eine neue Leidenschaft für elektronische Sperenzchen, klingt wie eine lahme Fließband-Komposition, die White doch auf halben Weg zum Rohrkrepierer umdisponiert hat und den Refrain zudem bis zum Erbrechen in der viel zu langen Spielzeit wiederkäut. Auch die Funk-Übung Corporation dauert ewig – dabei hätte die Nummer gerade einmal das Potential zum stimmungsvollen Intermezzo: Stakkatohaft lamentiert White über der frischen Instrumentalarbeit altbacken und führt vor, weswegen er zuletzt von Michael Jackson und Quincy Jones als Referenzpunkten schwadronierte – mehr noch aber wird deutlich, welche Dimensionen White von solchen Kalibern trennen.

Das pathetische Interlude Abulia and Akrasia gibt dagegen gar nicht erst vor mehr als bloßes Füllmaterial sein zu wollen, während das rhythmusfixierte Everything You‘ve Ever Learned zumindest noch einen packen wollenden Drive in die Auslage stellt. Immer noch besser als der an In the Ghetto angelehnte gezupfte Spoken Word-Nonsense Ezmeralda Steals the Show. Der Hybrid Hypermisophoniac bemüht sich dagegen hoffnungslos einen schlüssigen Konsens zwischen einem Elektro-Unfall und einer trunkenen Barpianonummer zu finden: Das Sounddesign kann eben selten bis nie die Mängel des Songwritings stemmen.
Ice Station Zebra groovt sich jazzig hin zu Lemonade und präsentiert einen rappenden Jack White, der in diesem Metier noch hüftsteifer agiert als Disconulpe Win Butler, die Funk-Schnipsel grätschen unmotiviert über einen Jam samt Bongotrommeln. Respect Commander wirkt wie der vage Grundriss eines Rage Against the Machine-Rohbaues, der durch nervtötende Effekte seine Ziellosigkeit zu kaschieren versucht, später über ein stimmungsvolles Zurücklehnen aber zumindest ein knisterndes Solo findet. Das spacige Get in the Mind Shaft irritiert dagegen als Synthpop, der als so stimmungsvolle wie sinnlose Collage in die schnittmenge aus Prince, Daft Punk und The Voidz verirrt – doch White kann aus dieser Verortung nichts nachhaltiges schaffen, gibt der Form den Vorzug vor jedweden tatsächlichen Inhalt.

Das alles sind Puzzlestücke, die eventuell vor allem rückblickend wichtig für das Werk von White sein könnten, außerhalb dieser Betrachtung jedoch nur selten funktionieren: Die unterkühlt-minimalistisch zu The Men schlapfende Noir-Bluesrock-Exkursion Why Walk a Dog? etwa ist auf atmosphärische Weise leger, das impulsive Over and Over and Over karikiert sich durch seine betont vespult neben der Spur springenden Chöre zwar selbst, ist dahinter aber im Grunde die Ahnung eines zwingenden White-Rockers erster Güte; What’s Done is Done ist als wenig essentielles Countryduett zumindest versöhnlich, das liebenswert klimpernde Humoresque lässt gar unverbindlich an Jon Brion denken.
Selten aber doch geht die Rechnung also auf, entlohnt White nicht nur sich, sondern auch den Hörer. In den deutlich häufiger vertretenen schwächsten Augenblicken stellt sich für Boarding House Reach allerdings phasenweise gar das wohl schlimmstmögliche Szenario für eine derart nach neuen Impulsen suchenden, betont unangepasst veranlagten Platte ein, die sich immer wieder wie ein bizarr misslungener Outtake-Nachfolger zur tollen Kampfzonenerweiterung Get Behind Me Satan anfühlt: egale Langeweile, vielleicht sogar eine Spur Mitleid.
Über 44 Minuten zwischen Neugierde, Qual und einem latenten Fremdschämfaktor bleiben die Eindrücke insofern auch absolut ambivalent: Die Operation ist wohl gelungen, doch der Patient beinahe tot.

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