James Blake – The Colour in Anything

von am 13. Mai 2016 in Album

James Blake – The Colour in Anything

Die Leiden des jungen James Blake, Teil 3: Wo der kühle Elektro-Soul seiner ersten beiden stilbildenden Studioalben durchaus auch aufgrund all der Räume faszinierte, die der heute 28 Jährige Brite in seinem minimalistischen Songwriting offen ließ, füllt das soundtechnisch reifere The Colour in Anything diese Flächen nun erstaunlich schlüssig mit mehr Dichte und flirtet mit einer verinnerlichten Formvollendung – setzt dabei aber auch eine gehörige Menge Ballast an.

The Colour in Anything gelingt dabei ein durchaus interessanter Entwicklungsprozess, indem es die nach Overgrown befürchteten Ermüdungserscheinungen am bereits zur Genüge durchdekliniert geschienen habenden Konzept Blakes kurzerhand untertaucht, den Weg zu einer Öffnung der soundtechnischen Breite konsequent weiterbeschreitet und Detailadaptionen zwischen den Zeilen vornimmt. Das Drittwerk des Briten ist üppiger ausstaffiert als seine Vorgänger, reichhaltiger konzipiert und ringt dem Trademark-Programm Blakes rund um wummernde Sub-Bässe, fragile Pianoakkorde, klackernde Minimal-Beats, verletzlich und den weinerlich/inbrünstig leidenden (Falsett)Gesang damit durchaus neue Facetten der Empfindsamkeit ab, ohne die musikalische DNA des Briten durch diese Feinjustierungen tatsächlich zu verändern.
Insofern kann man das Artwork (von Sir Quentin Blake, seines Zeichens Illustrator für Roald Dahl) wohl durchaus als sinnbildlich interpretieren: Die Perspektive hat sich geändert, lässt mehr von der Umgebung erahnen, wo die Technik verspielter und das vom kühlen Blau in Pastelltöne verschobene Spektrum eine beinahe farbenfrohere Atmosphäre erzeugt. Das Skelletierte wird nun mit einer größeren Bandbreite an Nuancen artikuliert, die Emotionen in ein kaum noch karges Beet eingewoben, das ausgerechnet unter Mithilfe von Produzent Rick Rubin aufgebaut wurde. Um die stilisierte Frauenfigur über dem schmachtenden Blake zu sehen, bedarf es freilich dennoch keiner Dedektivarbeit – Blake bleibt eben immer noch Blake, wenn auch (nicht nur für das Phrasenschein) hörbar erwachsener.

Reduzierte Klavierballaden (f.o.r.e.v.e.r. oder der Titelsong sind etwa purer, organischer Soul) finden in der allseits melancholisch verhangenen Digital-Ästhetik den direktesten weg zur Gefühlsebene, während in den beiden Bon IverKooperationen Meet You in the Maze und das Duet I Need a Forest Fire Autotune-Sequenzen gefühlvoll braten. Frank Ocean darf dagegen als Co-Songwriter bei My Willing Heart und Always daran erinnern, das er noch immer keinen Nachfolger für channel ORANGE zustande gebracht hat, sich aber auf The Colour in Anything neben Justin Vernon einstweilen nur zu harmonisch als weiterer Bruder im Geiste Blakes in dessen expandierenden, aber vertraut bleibenden Soundkosmos einfügt. Da existiert eleganter Tabla-Pop (Noise Above Our Heads) längst anstandslos neben flehend zerschnipselter Dramatik, die Kanye und Beyoncé gleichermaßen gefallen wird (Choose Me), filigran in die 80er stampfenden Erweiterungen (I Hope My Life) oder traurige Elbow‚eske Schwermut-Bläser (Waves Know Shores geht im unterschwelligen My Willing Heart auf) neben zu den Anfängen Blakes und Nicolas Jaar blickenden Reminiszenzen (Timeless), eingängig glitzernde Synthie-R&B (Two Men Down) neben unumwunden leidenden Schönheiten (Radio Silence).

Und all diese Facetten, sie verschwimmen letztendlich vor dem inneren Auge zu einem großen Ganzen. Denn 17 Songs in erschlagenden, auslaugenden 77 Minuten funktionieren letztendlich auf paradoxe Art: Am besten am Stück konsumiert, gefangen nehmend bis zur Verlorenheit im durchgelüfteten Universum des James Blake.
In der Massephase des Reifeprozesses gibt dieser bis zu einem gewissen Grad nämlich die Definition seines Songwritings auf, auch die Distanz und Balance im Körpergefühl: The Colour in Anything ist in seiner erschöpfend ausgebreiteten Ergiebigkeit natürlich schlichtweg viel zu lang ausgefallen, um pointiert fesseln zu können, läuft bewusst drohend am schmalen Grat entlang, in Summe zu einem stimmungstechnisch gleichförmigen und ermüdenden Strom leidender Melancholie zu verschwimmen, der die Sensibilität für Blakes nach wie vor aufgefahrene Klasse abstumpfen lässt. Es sind dabei nämlich weniger einzelne Lückenfüller, die The Colour in Anything verstopfen, als dass sich Blake generell zu gütlich an der Grundsubstanz seines Songwritings labt, zu selbstgefällig zwischen repetierten Loops und Samples schwadroniert und über Gebühr aufgeblasen zuviel Raum mit leeren Metern beansprucht. Praktisch jeder einzelne Song hier hätte Kürzungen vertragen können, um die Stringenz zu fordern – im Verbund entwickelt das Drittwerk jedoch gerade dadurch aber auch eine beachtliche Gravitation. In gewisser Hinsicht also ein Ambientwerk, wenn man so will.
An der unnötigen Unverhältnismäßigkeit aus überstrapazierender Quantität und im Kern absolut stimmigen Qualität verschluckt sich Blake nämlich primär nur auf die ersten Durchgänge, obgleich der Sättigungspunkt auch darüber hinaus schnell erreicht sein kann: Ohne den selben markanten Fokus auf wirklich herausragenden Einzelsongs wie Overgrown oder James Blake sie zu bieten hatten, ist The Colour in Anything ein ambivalentes Stück rauschhafter Stimmungsmusik geworden, das mit mehr Feinschliff in der Selektion das potentiell stärkste Gesamtwerk des Briten hätte werden können, so aber die eigenen Grenzen in jeder Hinsicht ausdehnend polarisierend zwischen den Fronten steht. Was so bei manchen Durchläufen regelrecht enervierend im Hintergrund der Aufmerksamkeit dümpelt, kann mit gesteigerter Vertrautheit als stark von der individuellen Stimmung abhängiger Soundtrack zur zwartschmelzenden Selbstgeißelung noch viel öfter wie eine faszinierende Großtat in Sachen dynamischer Atmosphärearbeit in seinen klangfarbenen Bann ziehen. Eine Platte also, zu der man immer wieder zurückkehrt, ohne genau sagen zu können warum. Revolutionen hat Blake so vielleicht deutlicher mit den Vorgängern angezündet – der Grower The Colour in Anything verspricht dagegen unter Wachstumsschmerzen an der Schwelle zu einem im noch größeren Maßstab denkenden Meisterwerk zu darben.

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