Legend Of The Seagullmen – Legend Of The Seagullmen

von am 24. Februar 2018 in Album

Legend Of The Seagullmen – Legend Of The Seagullmen

Die prolongierte Supergroup Legend of The Seagullmen um Danny Carey und Brent Hinds schickt ihren cinematographisch ausgelegten Konzept-Metal rund um einen Seemöwen-Gottkönig und sonstige Freibeuter-Exzesse zwar vielversprechend, aber wenig nachhaltig über die Planke.

Da es vorab Verwirrung um die Personalien von Legend of the Seagullmen gab, klärt das mittlerweile als Sextett gefestigte Kollektiv auf: David „Doctor“ Dreyer steht der Band am Mikrofon vor, Regisseur Jimmy Hayward und Mastodon-Wildling Brent Hinds arbeiten an den Gitarren, Giraffe Tongue Orchestra-Kumpel Pete Griffin besetzt den Bass, Chris Digiovanni werkelt an den Synthesizern und Tool-Schlagwerker Danny Carey hinter der Schießbude – Dimitri Coats war 2015 hingegen zufällig Fotograf einer der ersten Bandproben. „Dimitri ist einfach nur ein enger Freund der Band“ sagt Hayward. Essentieller für die gerade einmal 38 Minuten des selbstbetitelten Debüts von Legend of the Seagullmen ist aber mutmaßlich ohnedies eine andere Feststellung: „Wir haben keinen Songwriter wie Chris Cornell in unseren Reihen“.
Stimmt absolut. Doch zumindest einmal tun Legend of the Seagullmen allerdings trotzdem, als wäre dem so: Curse Of The Red Tide erhebt sich geradezu kitschig genetisch als halbakustische Ballade mit ordentlich Pianopathos und Score-Breitwand, bäumt sich immer weiter über theatralischen Streicher und einen standardisierten Chor auf. Und klar: Wie sehr die Band hier über die Stränge schlägt, ist ihr selbst wohl bewusst. Zeilen wie „While all the fish are dying/ And all the dolphins are crying“ werden jedoch als folkloristischer Mystizismus in purer Humorlosigkeit zelebriert, was man Legend of the Seagullmen als pure Konsequenz anrechnen darf. Später lässt die Band die Handbremse der Nummer zudem los und groovt, irgendwo in der Theatralik von Tenacious D und Dio aber ohne den zwingenden Unterhaltungswert der einen zu erreichen, noch die unbedingte Größe des Anderen – und löst die Nummer symptomatisch für Legend of the Seagullmen im Gesamten letztendlich irgendwann im hemmungslosen Gitarrensolojam auf.

Ein kompositorischer Ausweg, den das Kollektiv immer wieder wählt: Weiß man kompositionell nicht weiter, setzt ein instrumentales Schaulaufen um seiner selbst Willen ein. Gleich der Opener We Are The Seagullmen baut seine Stimmungen etwa langsam an Fahrt aufnehmend auf, ist rund um Synthies, Gitarren und Schlagzeug eher ein vager Schlachtruf, als ein tatsächlicher Song – das Finale eben eine Saitenexkursion. Am anderen Ende der Platte setzt auch das behände stampfende Ballad Of The Deep Sea Diver auf peitschende „Hu! Ha!“-Schreie, schielt geduldig zum Spaghetti-Western und bemüht dafür sogar kurzerhand die prätentiöse Orchestergeste, um mit einem Mehr an Arrangements die mangelnde Substanz zu kaschieren.
Symptomatisch: Zu oft legt das versammelte Material seine Wurzeln derart eindimensional gestrickt demonstrativ in ungezwungenen Jamsession dar, wenn das Songwriting nur als unausgegorenes Amalgam aus verschwommenen Skizzen anmutet, die sich (durchaus verdientermaßen) in ihren instrumentalen Fähigkeiten, progressiven Perspektiven und episch-theatralischen Grundsätzen suhlen, dort aber zu unverbindlich aufgelöst kein strukturelles Gewicht auf den Boden bringen, zudem fehlt das zwingende Momentum den schaumgebremsten Songs.
Dann ist das Alternative Rock oder atmosphärischer Metal ohne Ziel, mäandernd und nicht zu Ende gedacht; der zwar durchaus seine Stärken hat, wenn die Leinen gekappt werden und man sich hemmungsloser vom Fluss mitreißen lässt, aber dafür dann doch auch wieder zu kontrolliert die immer gleiche Schemata bedient – live mag das insofern durchaus schlüssiger funktionieren, auf Tonträger „Wir meinen das alles todernst“ sagt Hayward und liegt damit teilweise richtiger, als ihm wohl lieb ist. Zwar hört man durchaus, dass zumindest die Mitglieder wohl Spaß beim Spinnen dieses Seemannsgarn hatten, doch überträgt sich der Funfaktor nur bedingt auf den außen vor bleibenden Hörer,

Es gibt sie zwar, die Momente, in denen Legend of the Seagullmen ihr vorhandenes Potential adäquater andeuten. Etwa, wenn die beiden großen Mutterschiffe über Legend of the Seagullmen hinter der nautischen Thematik am griffigsten durchscheinen – Shipwrecks wie eine direkte Verbindung zwischen Mastodon und Tool mit zusätzlichen Synthieschichten im ätherischen Fluss auf zärtliche Art heavy und technisch detailliert ist, gleichzeitig aber angesichts der Reputation aller involvierten Parteien zu harmlos und wenig ambitioniert aufgeht. Oder The Orca ein psychedelisches Tapping ein Leviathan mit der vertrackte Rhythmik eines Lateralus aufarbeitet, später ein knackiges Riff zu einem zwangslos suchenden Überbau addiert.
The Fogger wiederum gönnt sich im Albumfluss als Anlauf eine zu lange Stille und nimmt jedwede durch We Are the Seagullmen aufgebaute Spannung erst wieder weg, doch knarren die Planken und treibt das Riff hungrig. Die Synth-Verzierungen sind spacig, der Gesang wie eine flehentlichen Zauberformel, der Refrain schunkelt entgegenkommend und einladend. Auch wenn die Nummer dabei nicht restlos mitreißend zündet, steht die relative Stringenz dieses Aushängeschildes der Band doch packender, als ein Gros der Platte es für sich reklamieren kann. Selbst dass die Nummer irgendwann – natürlich – nach links dreht und gniedelt, sich in einem losen Jam über den Drums verliert, wirkt in dieser strukturellen Kohärenz so instinktiv bedingt wie zielführend: Legend of the Seagullmen finden hier wieder in die Spur und zieht die Zügel enger, vermitteln im kollektiven Eifer den Antrieb hinter dem Projekt und warum sie plötzlich den Jam zelebrieren, ist entlang eines stringenteren Songwritings durch ein organisches Wachstum geklärt, nicht durch einen Mangel an Kreativität.

Ohnedies keinen Hehl aus seiner Motivation macht der Titelsong Legend of the Seagullmen, ein straighter Rocker Richtung Motörhead mitsamt gespenstischer Bridge, der dann auch vorführt, wie simpel und effektiv die Dinge doch sein könnten. Auch hier deutet der engere Spannungsbogen einer ohne befreiende Eruptionen oder tatsächliche Höhepunkte umhertaumelnden Platte an, in der die nominelle Supergroup ansonsten im Gesamten keinen Climax erzeugen kann und rund um vielversprechende Ansätze zu oft in einer medioker entlassenden Langeweile plätschert.
Überhaupt: Gerade am Stück entlässt Legend of the Seagullmen zu unbefriedigend, erweckt einstweilen gar den Eindruck, es mit einem eher auf Form, denn auf den Inhalt setzenden Epilog zu tun zu haben, der vorerst noch ins Leere verläuft.

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