Midnight Masses – Departures

von am 7. August 2014 in Album

Midnight Masses – Departures

Mehr als nur ein netter Nebenprojekt-Zeitvertreib bis zur nächsten …and You Will Know us by The Trail of Dead-Platte: Autry Fulbright holt sein altes Projekt aus der Mottenkiste und huldigt im Bandquartett mit Jason Reece und namhaften Unterstützern zahlreichen Vorbildern unter dem sphärischen Krautrockbanner – leistet darunter aber vor allem Trauerarbeit.

Die erste Assoziationskette die sich auftut, während das schwerelose ‚Everywhere Is Now Here‚ ohne konkretes Ziel vor Augen, aber mit mediativem Beat und sphärischen Synthieeffekten dahinläuft, führt zu ‚Now Here Is Nowhere‚, dem damals wie heute grandiosen Debütalbum der Secret Machines. ‚Departures‚ tätigt diesen Kniff immer wieder, lehnt sich genüsslich in die Referenzschwingungen, die das kaum mehr für möglich gehaltene Debütalbum von Midnight Masses in ein nostalgischen Licht des unbekannten Vertrauten taucht.
Gleich das eröffnende ‚Golden Age‚ verneigt sich mit seiner progressiven Wendigkeit und zarten Folkmotiven vor schwer zu fassenden Hall-Sounds, den 80ern und den Talking Heads. ‚Am I A Nomad?‚ ist mit seinen getriebenen Tribal-Drums sofort in den Gehörgängen verankert, aber eben auch deswegen, weil man entlang der Gesangsmelodie immer wieder an ein auseinandergenommenes ‚Come as You Are‚ denken muss. ‚All Goes Black‚ deutet ‚I Got You Babe‚ als schimmernde Spacerockversion für den Abschlussball um, während sich der Titelsong mit seinem dumpf markanten Groove vor Pink Floyd verbeugt, das funkig in die Beine gehende ‚Clap Your Hands‚ mit seiner aufgedrehten Gitarre ‚Taxman‚ zitiert und ‚Be Still‚ die frühen TV on the Radio, oder es ‚If I Knew‚ zu gelingen scheint, den Musiker David Lynch von Peter Gabriel lernen zu lassen.

Das alles sind gedankliche Querverbindungen, die sich während ‚Departures‚ auftun (können, nicht zwangsläufig müssen), vage bleiben und eben sowieso nicht über dem Songwriting an sich stehen. Eben dieses ächzt nicht unter der zelebrierten Inspirationsschwere, sondern gelingt ausfallfrei, auch, wenn  das letzte Quäntchen Genie noch fehlt, das aus einem tollen Song dann auch wirklich einen grandiosen macht.
Midnight Masses verstehen es durchwegs gekonnt, ihren Nummern eine eigenwillige Atmosphäre zu verpassen, tänzeln schwindelfrei und angenehm unüberladen in der Bandbreite von Prog zu Ambient zu Rock, schärfen dabei aber vor allem ihr Händchen für unterschwellig schimmernden Pop und das Gebilde zusammenhängenden Kraut in seinen psychedelischen Auswüchsen: der Bass und die Drums geben die Richtung über weite Strecken vor, der Rhythmus und Beat untermauert jeden Augenblick der Platte, hält in Verbindung mit der Produktion alles zusammen und hat seine Lektionen bei Neu!, Can und Co. verinnerlicht. Vor allem aber sind es all die entrückten, frei schwebenden Melodien, die Fulbright mit zarter Fürsorge auflegt, die ihre Widerhaken sorgsam und entspannt auswerfen. Nahezu jeder Song ist flüchtig inszeniert, unter der Soundscape-Oberfläche dennoch melodieselig griffig.

Dem Quartett gelingt es so trotz aller auftretenden Déjà-vu’s eine vielschichtige Eigenständigkeit an den Tag zu legen, mit einer inneren Ruhe und nahtlosem Albumfluss von Standort zu Standort zu eilen und dabei immer wieder mit großen Momenten zu liebäugeln. Etwa, wenn sich ‚Broken Mirror‚ vom souligen Flirt mit Dirty Projectors-Girl Haley Dekle zum verwaschenen Gospel für die Umlaufbahn aufschwingt, ‚Hollywood Death Forever‚ in anderen Sphären zurücklehnt entspannt oder das überragende ‚There Goes Our Man‚ abschließend vorführt, dass hinter all der Leichtigkeit eigentlich ein niederschmetternder Verlust steht. Fulbright fokussiert die Trauer um seinen verstorbenen Vater als unter die Haut gehender Minimalismus, der kaum mehr als ein trauriges Piano, ein unermüdlich marschierendes Drumset und seine beklemmende, tröstende Klangästhetik braucht. Ein Augenblick, für den so manche Neo-Folk-Kombo töten würde.
Und spätestens hier zeigt sich auch, dass der freie Raum, den Midnight Masses für sich reklamieren und vollkommen ungezwungen, ohne Berührungsängste oder Erwartungshaltungsdruck [und das bei der Bombengästeliste um Ikey Owens (The Mars Volta, Jack White), Peter Hale (Here We Go Magic), Ian Longwell (Santigold), Jaleel Bunton (TV On The Radio), Mauro Refosco (Atoms For Peace) oder Kumpel Jamie Miller] bespielen wohl auch …and you will Know us by the Trail of Dead hin und wieder guttun würde.

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