Mogwai – Rave Tapes

von am 4. Januar 2014 in Album

Mogwai – Rave Tapes

Hier wird natürlich nicht geravt, aber der Synthesizer gerät heftiger unter Druck als sonst, denn die Schotten führen auf dem dritten Album seit ihrer tiefschürfenden Quasi-Neuerfindung ‚Mr. Beast‚ ein weiteres Mal vor, wie sich ihren kompakten Instrumentallandschaften neue Facetten abgewinnen lassen: ‚Rave Tapes‚ ist eine Aussichtsplattform über die bisherige Discographie von Mogwai, die gleichzeitig den Blick auf weniger ausführlich erschlossenes Territorium schweifen lässt, ohne die Dinge dabei zu überstürzen.

Album Nummer 8 im 19. Bandjahr positioniert sich also gleichermaßen vergangenheitstreu wie neue Wege beschreiten wollend. Einerseits greift das schottische Quintett auf ‚Rave Tapes‚ hinsichtlich Stil, Sound und Ästhetik auf zahlreiche wohlbekannte und vor allem vertraute Zutaten der Vergangenheit in aufgefrischter Form zurück. Klar: die Band hat sich ihre ureigene Handschrift über die Jahre hart erarbeitet, da wirft man nicht alles unbedacht über Bord. Und Abnutzungserscheinung hören sich auch anders an. Der klassische Opener ‚Heard About You Last Night‚ könnte also gut ein kleiner Bruder von ‚I’m Jim Morrison, I’m Dead‚ sein, melodisch aufbäumend im Refrain, beruhigend träumend dazwischen, als einer der wenigen Songs der Platte wahre Zuversicht ausstrahlend (ja, es wird wieder dunkler und bedrückender im Mogwai-Universum!) und würde auch am brillanten Soundtrack zur Ausnahmeserie Les Revenants (unbedingt ansehen!) vom letzten Jahr nicht aus dem Rahmen fallen, während das souveräne ‚Hexon Bogon‚ mit seinen Delay-Gitarren das Panoramafenster gleich noch weiter öffnet. ‚Rave Tapes‚ heißt so ungeachtet einiger markanter Gewichtungsverschiebungen  unmittelbar Willkommen, wie das der Mogwai’sche Postrock (eigentlich ja richtiger: unvergleichlicher Trademark-Mogwai-Instrumental-Rock) immer derart unmittelbar vertraut tut, ist ein bisschen wie Nachhausekommen in ein leicht umdekoriertes Heim und fühlt sich an vielen Stellen sogar wie ein lupenreines Konglomerat aus ‚Rock Action‚, ‚Mr. Beast‚ und ‚The Hawk is Howling‚ an.

Andererseits – und im Kontext noch wichtiger – lassen Mogwai die durchaus überraschend geartete Vorabsingle ‚Remurdered‚, diesen anschwellenden Synthiebrocken in Lauerstellung, dunkel blinkend und unheilvoll, ein dröhnender Bastard aus Errors‘ Weltraumszenarien und Fuck Buttons‚ futuristischer Neondisco, nicht alleine im Regen stehen sondern denken die elektronischen Tendenzen von ‚Hardcore Will Never Die, But You Will‚ (die so ja tatsächlich bereits auf dem sträflich unterschätzten ‚Rock Action‚ wurzeln) konsequent, beinahe progressiv und mit schwellendem Nachdruck auf Albumlänge weiter, ohne zuviel auf einmal zu wollen. Der seine Spannung vibrierend aufbauende Horrorthriller ‚Deesh‚ schwelgt in der selben Kerbe wie die im nicht vollends assimilierten Gesamtkontext nahtlos aufgehende Vorabsingle, nur eigentlich sogar noch besser, weil ähnlich bedrückend flirrend und dennoch hymnischer. ‚Repelish‚ ist ein pluckerndes Amalgam aus den vorsichtig technoiden Mogwai und den sakral-orgelnd-angehauchten klassischen: der gesampelte sinnierende Rock’n’Roll-Monolog darüber ist Geschmackssache, rüttelt den Albumfluss ironisch auf. In ‚Simon Ferocious‚ vermengen Mogwai altbekanntes mit fein selektierten Elektro-Facetten in noch konstanterer Konzentration, verdichten ein krabbelndes Besenschlagzeug, bratende Synthielinien und eine hemmungslos-konzentriert drauflos gniedelnde E-Gitarre miteinander, geben sich gleichzeitig wendig stolpernd und dickflüssig watend.

Das abschließende ‚The Lord is out of Control‚ ist hingegen als Ernte des Evolutionsprozesses der direkter Nachfahre von ‚2 Rights Make 1 Wrong‚, ‚Sine Wave‚ und ‚Hunted by a Freak‚, mit einem traumwandlerischen Vocodergesang als zusätzliche Instrumentierung, setzt aber mit seinen Digi-Drums auf eine noch kühlere Maschinisierung. Überhaupt perfektioniert ‚Rave Tapes‚ den Umgang mit drückend pressenden, knarzenden Basssequencern und flächig texturierten Synthietapeten wie noch kein Mogwai-Werk davor und schwelgt exzessiv in diesem Stilmittel, was der Platte trotz zahlreicher Selbstreferenzen einen eigenen Charakter beschert.
Vollkommen aus dem (trotz aller Wandelbarkeit) enorm homogenen Rahmen fällt da nur das großartige Melancholiestück ‚Blues Hour‚ als ergreifende Folkballade mit Akustikgitarre, Klavier, Dronehintergrund und zaghaft verletzlichem Gesang – dass Mogwai sowas können weiß man. Aber ein bisschen Sicherheit hat noch keiner Platte geschadet – selbst es sich ein ‚Master Card‚ dann doch fast schon zu bequem macht. Mag das alles vielleicht während der ersten Durchgänge auch ein wenig nach unaufgeräumten Stückwerk klingen, dass sich zwischen Aufbruchsstimmung, Traditionalismus und allem was dazwischen liegt nicht so recht entscheiden kann, wächst der routiniert nach Hause gespielte, minimalistisch gehaltene Grower ‚Rave Tapes‚ mit jedem Durchgang beständig zum am meisten Initiative zeigenden Album seit ‚Mr. Beast‘.

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