Mount Eerie – (after)

von am 12. Oktober 2018 in Livealbum

Mount Eerie – (after)

Phil Elverum alias Mount Eerie trägt die Songs seiner 2017er-Überwältigung A Crow Looked at Me sowie des diesjährigen – zum Aufnahmezeipunkt von (after) noch nicht veröffentlichten – Nachfolgers Only Now in spartanischer Klarheit auf die klerikale Bühne.


Der erste Mount Eerie-Konzertmitschnitt seit Live in Bloomington und Live in Seattle ist vor allem der erste, seit Elverum die Trauer rund um den Tod seiner Frau Geneviève Castrée in die zwei Alben A Crow Looked at Me und Only Now kanalisierte. Ausschließlich Material dieser beiden Platten stemmen dann auch den Inhalt von (after) – nur Forest FiresSwimsMy Chasm und Toothbrush/Trash bzw. Earth sowie Two Paintings by Nikolai Astrup fehlen im zuerst chronologischen, dann noch durcheinander vorgelegten Ablauf. Dieser dokumentieren den Kraftakt, den das exzessive Touren Elverum als nochmalige Intensivierung des schonungslosen Verarbeitungsprozess zuletzt abverlangte und konserviert eine Show, die den Spagat zwischen intimer Privatangelegenheit und öffentlicher Katharsis zwangsläufig barrierefrei ausleuchtet.
It wasn’t easy. The shows were emotionally difficult and the atmosphere was so delicate and strange, like reenacting a violent act on stage in front of a paying audience every night. (…) Just strangers gathered in beautiful rooms to pay close attention to one person’s difficult details, and to open up together, quietly. They have been the most powerful shows of my life, no question. (…) The best one was at Le Guess Who? festival in Utrecht, Netherlands on November 10th, 2017. Nobody was supposed to be recording these shows but fortunately someone didn’t get that message and this beautiful recording of that show has surfaced.“

(after​)​ – oder singing and guitar at Jacobikerk, Utrecht, Netherlands, Nov. 10th, 2017 at Le Guess Who? festival, wie die Platte vollständig heißt – verlässt sich ihrem ausführlichen Titel entsprechen rein auf Elverum, seine sanfte Stimme und eine geduldige Akustikgitarre, rückt jedoch vor allem den grandiosen Raumklang der Location und die direkte Produktion in den Mittelpunkt, die wie ein trostspendender Katalysator für die einnehmende Atmosphäre dient. Überhaupt entwickelt die (mutmaßlich) beeindruckend wiedergegebene Stimmung von (after) ein unwirklich aufgelöstes Distanzgefühl: Elverum scheint gleichzeitig direkt neben dem Hörer zu spielen und doch auch über einer unfassbaren Leere zu schweben, die der Wiedergabe des Materials einen erhebenden Schwermut verleiht, bei einem Ambiente, in das man sich verlieren kann, allerdings auch eine Gefasstheit in der Performance greifbar macht. Zuerst die Songs, dann Elverums Präsenz und letztendlich die Anwesenheit der Zuhörer nehmen so gefühltermaßen zu ähnlichen Teilen Platz auf diese Veröffentlichung ein.
Zwar beschränkt sich die Publikumsinteraktion dabei auf ein Minimum (ein paar höfliche Danksagungen nach einzelnen Songs sowie das kurze Ansprachen-Intermezzo Remarks reichen aus), doch hört man das erst unsicher, dann nach jedem Song aufrichtiger klatschende Publikum immer wieder in aller Nahbarkeit: Mal räuspert ein Besucher sich irgendwo in der Dunkelheit, dann hustet jemand höchstens verhalten aus der hintersten Reihe, bevor die Menge am Ende des Konzerts in der gebotenen Andacht die Kirche ver- und eine gewisse Einsamkeit hinterlässt. Als Hörer der Platte verweilt man während dieses Prozesses hingegen weiterhin regungslos, ist Beobachter von Außerhalb und doch mittendrinnen.

Die (durch die nackte, zwangsläufig reduzierte Inszenierung) nahe an den Studioversionen von A Crow Looked at Me gehaltenen Interpretationen mögen durch ihre mehr oder minder identische Darbietung phasenweise ein wenig obsolet wirken, doch gewinnen die Nuancen im Subtext noch einmal an Unmittelbarkeit und nützen die Körperlichkeit der Resonanzhalle in die Tiefe gehend aus. Man wird – sofern man keine persönlichen Erinnerungen an die zurückliegende Tour verbindet – auf lange Sicht vermutlich trotzdem öfter zu den regulären Versionen greifen…was bei den beiden jüngsten Mount Eerie Alben freilich eine sehr relativ zu verstehende Aussage ist.
Die auf Platte musikalisch etwas offeneren Nummern des ambivalenten Only Now beweisen hingegen theoretisch in der kargen Ausdrucksweise einen deutlicher differenzierten und einfacher zu erkennenden Mehrwert, funktionieren durch fehlende produktionstechnische Facetten jedoch mal besser, mal schlechter, als im Studio: Wo das reinigende Feedback in Distortion doch fehlt, um der mäandernde Nummer Erlösung anzubieten, besorgt der poppige Part des Titelsongs des 2018er Albums in der asketischen Homogenität von Elverum und seiner Gitarre ohne den betonten Bruch zur restlichen Komposition sogar eine noch intensivere, weil purer wirkende Gänsehaut.
Obwohl die Melancholie und der sinnierende Schmerz des 40 Jährigen so immer noch keine Anzeichen von Linderung zeigen, würde (after) die aktuelle, so abstraktfreie Schaffensphase durchaus adäquat zusammenfassende, sich nach 58 erschöpfenden Minuten auch gut als Zäsur anbieten, nach der Elverum vielleicht ja doch auch in die Zukunft blicken kann. Es bleibt jedenfalls zu wünschen, dass er seinen Frieden und/oder einen Neuanfang finden wird – zumindest auf privater Ebene hat sich dies mittlerweile mittels durchaus überraschender Entwicklungen ja zumindest abzuzeichnen begonnen.

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