Mount Eerie – Lost Wisdom pt. 2

von am 13. November 2019 in Album

Mount Eerie – Lost Wisdom pt. 2

Vor knapp einer Dekade hat Phil Elverum zusammen mit seiner Lieblingssängerin Julie Doiron (und damals auch noch Frederick Squire) mindestens eines der schönsten Alben der 00er-Jahre aufgenommen. Nun bekommt das Mount Eerie-Zweitwerk Lost Wisdom einen Nachfolger.

I hoped to write songs about the smouldering foundation beneath all of this surface chaos, a love that doesn’t die, songs beyond mere sorrow. If I again mined the circumstances of my life for these words, I tried to do it with liberation in mind for everyone. I tried to make songs that did not rely at all on who I am or who I am singing about“ ließ Elverum vor dem zehnten Studioalbum seiner Inkarnation Mount Eerie ausrichten – und scheitert an dieser Intention dann doch irgendwie.
Denn wo alle Alben von Elverum bis 2015 (und gerade in der absoluten Meisterwerke-Phase der Jahre 2008 und 2009) den Hörer richtiggehend zu Teilen der Mount Eerie-Welt machten, imaginativ durch nebelige Wälder streifen ließen, wenn die bildintensiven Texte und die absolut überwältigend fesselnde Sogwirkung der Atmosphäre ansatzlos übergriffen, ist sein Schaffen seit 2016 eben nahezu nur noch von einer distanzierten Beobachterposition aus zu erfassen. Mag A Crow Looked at Me (2017) den Schmerz über den Tod von Geneviève Castrée auch noch auf einer universelleren Ebene übersetzt haben, ist Mount Eerie seit damals eben untrennbar mit der öffentlichen Person Phil Elverum verbunden. Die Wahrnehmung der Musik hat sich verändert, wo alleine die textliche Ebene weitestgehend auf Metaphern verzichtet, das reale Leben eines Menschen ohne Codierungen reflektiert. Das hat sich nach Now Only durch die aufmerksamkeitsgenerierende Hochzeit und bald folgende Scheidung von Hollywood-Star Michelle Williams freilich nicht geändert, da all diese Erfahrungen auch Lost Wisdom pt. 2 prägen.

Zwar ist trotz Zeilen wie „But nothing is real/ Except this one thing“ nicht mehr jedes Wort der Platte als so unmissverständlich persönliche Katharsis ausgelegt, wie es jene der beiden Vorgängerplatten noch waren. Doch gerade der Kontrast aus dokumentarrealistischen und dann wieder abstrakter gehaltene Lyrics macht es schwer, sich bedingungslos auf Lost Wisdom pt.2 einzulassen. Die emotionale Erschütterung hält sich jedenfalls überraschend in Grenzen, wühlt kaum auf, erschüttert nicht.
Dass das Songwriting an sich dazu ungeachtet der abermals und immer noch wunderbar harmonierenden Stimmen von Elverum und Doiron – und trotz der ästhetischen Nähe, die unmittelbar in ihren Bann zieht und auch nach und nach an Eindringlichkeit wächst – niemals gänzliche die fesselnde Tiefenwirkung oder simplizistischere, pure Schönheit des ersten Teiles von Lost Wisdom erzeugen kann, ist außerdem wenigstens enttäuschend.
Im zu lange gehaltenen Belief schwelgen die beiden zusammen über einer genügsam sinnierenden Akustikgitarre, ein paar spontan aufkommende Pianotöne begleiten sporadisch, ein jazziges Schlagzeug setzt in Zeitlupe minimalistische Akzente und eine etwas wärmer plingende Gitarre taucht auf, um die traumwandelnde, aber etwas schwammige Nummer zur Mitte hin mit der noisigen Kakophonie liebäugeln, letztendlich aber plätschernd gewähren zu lassen. When I Walk Out of the Museum hat als schwächste Nummer sogar beinahe einen Refrain und Enduring the Waves mäandert um unverbindlich leiernde Melodien, denen erst die traurig klimpernden Klaviernoten Nuancen geben – nur ist die Nummer zu diesem Zeitpunkt der Entwicklung eigentlich bereits wieder abrupt beendet.

Das herausragende Love Without Possession ist dagegen ein wunderschönes Kleinod, das mit feinem Geist unter dem Nachthimmel sinniert, unter dem Sternenmeer segelt, wo nicht einmal feedbackfinstere Akkorde für Unruhe sorgen können, bevor das anmutige Belief Pt. 2 als getragene Anmut am Moll-Piano versöhnlich und tröstend entlässt.
Dazwischen praktiziert Widows als vermeintlicher Klimax einen beinahe knackig und konventionell strukturiert rumpelnd-ausbrechenden Rocksong, sinnbildlich für die etwas variablere Ausprägung der Platte in direkter Relation zum elf Jahre alten Erstling, auf dessen Spuren die Skizze Pink Light und das nur bei akribischer Auseinandersetzung nicht enervierend teilnahmslos lassende Real Lost Wisdom wandelt.
Trotz phasenweise wunderbar strahlender Erben bricht das Duo in Summe nicht notwendigerweise mit einer gewissen Gleichförmigkeit einer Platte, die trotz der an sich kompakten Spielzeit von knapp 32 Minuten doch auch Leerlauf zu durchtauchen hat. So sind es nur wenige individuelle Szenen, die in einer soliden Klasse unter die Haut gehen können, aber auch dort niemals überwältigen.
Der vielleicht größte Vorwurf, den man dem künstlerisch gar nicht unbedingt scheiternden Lost Wisdom Pt.2 insofern aber machen muß, ist allerdings jener, dass sich die Platte trotz ihrer personellen und stilistischen Anknüpfungspunkte einfach nicht wie der restlos schlüssige Nachfolger des überragenden 2008er-Werkes anfühlt, sondern eben viel mehr wie die nostalgisch verwurzelte Fortsetzung von A Crow Looked At Me und Only Now, die die mit dem Vorgänger bereits wieder initialisierte Rückkehr zu einem „klassischeren“ Mount Eerie-Sound stringent weiterverfolgt. Wo Lost Wisdom ein subtiles Werk für die heimliche Ewigkeit war, ist Part 2 ein guter, aber durchwachsener Ausdruck des Momentums.
Vielleicht ist die Bürde dieser Wurzelsuche im Schatten von Lost Wisdom aber auch einfach notwendig, um doch noch einen Ausweg aus der Tragödie finden zu können: Elverum ist nach der Scheidung von Williams und dem Verkauf seines eigenen Hab und Gutes schließlich wieder zu seinen Eltern gezogen („I believe, and now I walk to the edge of delusion/ Divorced and estranged, staying back with my parents“), wohl eher um nicht zusammenzubrechen, anstatt neu zu beginnen. Ob er mit dem nur bedingt befriedigenden Lost Wisdom pt.2 den Bogen schließen und den Teufelskreis durchbrechen kann, bleibt zwar offen, die letzten Worte der Platte geben jedoch zumindest eine vage Hoffnung: „At the edge of this ocean I stand and pour out the glass of water I brought/ There’s nothing else I can give but love“.

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