Mutoid Man – Bleeder

von am 10. Juli 2015 in Album

Mutoid Man – Bleeder

Für den Rausschmeißer ihrer süchtig hinterlassenden Vorstellungs-EP prügelten Mutoid Man kurzerhand ‚Don’t Let Me Be Misunderstood‚ clever betitelt als ‚Manimals‚ ein. ‚Bleeder‚ verzichtet nun zwar auf sich derartig eindeutig verbeugende Kniffe, dennoch funktioniert das Debütalbum der zum Trio angewachsenen Allstarband nach den selben zugrunde liegenden Prämissen.

Ben Koller (u.a. Converge), Steve Brodsky (u.a. Cave In) und Nick Cageao (v.a. der Typ, der in der Saint Vitus Bar in Brooklyn für den Sound zuständig ist) spielen Metal – weil sie es können, mehr noch aber wohl vor allem, weil sie schlichtweg irrsinnigen Bock drauf haben. Und sie spielen ihn folgerichtig leidenschaftlich, atemlos, ohne Berührungsängste oder falsche Zurückhaltung, indem sie ihrem rasend ausgekotzten Amalgam kurzerhand alles einverleiben, was ihnen in den Kram passt.
Das eröffnende ‚Bridgeburner‚ gibt seinem doomigen Oldschool-Bassriff auf Speed nun ungefähr dort Stoff, wo Lightning Bolt auf die Motörhead-Faszination von Oozing Wound treffen würden und wirft darauf unvermittelt das Ringelspiel an und heroische NWOBHM-Gitarren ins Getümmel. ‚1000 Mile Stare‚ ist dagegen gleichzeitig ein Tribut an die frühen Metallica, Hardrock und gierigen Grindcore, ‚Surveillance‚ lässt seinen Thrash fast schon erstaunlich zielstrebig in spitzen Tom Araya-Schreien aufgehen. Wie viele Loopings dann alleine ‚Dead Dreams‚ hinlegt, hinterlässt mit mehr Schwindelgefühl als man verdauen zu können meint, die letzten Sekunden des Gaspedalaustickers treten trotzdem noch einmal mit genüsslicher Brutalität hinterher. So funktioniert ‚Bleeder‚ generell.

Reptilian Soul‚ schlägt seine instrumental imposanten Salti deswegen zwischen punkige Cave In und partytaugliche Converge, packt dazu aber einen bierseligen Chorus aus, der wohl am liebsten als räudige Pit-Hymne durchgehen würde. Überhaupt: diese catchy-klaren Gesangslinien, die Brodsky da mittlerweile vor dem vereinzelt gebellten Hintergrundgebrüll schmettert, sie hacken sich absolut unerbittlich griffig in die Gehörgänge und machen etwa aus dem potentiellen ‚Axe to Fall‚-Schlachthaus ‚Beast‚ mal eben einen veritablen Ohrwurm – latente Gehörgangblutungen inklusive. Die psychedelischen Harmoniegesänge in ‚Sweet Ivy‚ werden so selbst den Queens of the Stone Age gefallen, die röhrenden Saiten zwingen hingegen zahlreiche Passagen der letzten Torche Platte ‚Restarter‚ in die Knie.
Spätestens wenn ‚Soft Spot In My Skull‚ wie die fiese Nachgeburt von High on Fire klingt, ‚Deadlock‚ den Bogen von sehnigem Hardcore zu knüppeldickem Sludge mit Hilfe halstätowierter Beach Boys-Harmonien spannt, dabei aber wie ein breitbeiniger Schlägerkumpane der Doomriders klingt und die superknackigen 30 Minuten Spielzeit ohnedies eine ähnliche Mentalität wie die Kvelertak’sche Goodtimes-Aggression in sufftaugliche Härte mit hohem Unterhaltungswert ausstrahlen, ist klar, dass ‚Bleeder‚ nicht nur durch das musikalische Umfeld und die nerdige Liebe seiner Erschaffer zu Retro-Games geprägt ist, sondern auch durch das punktgenaue Produzentenhändchen von GodCity-Midas Kurt Ballou: Mutoid Man tragen auf ihrem Langspieldebüt die klare Handschrift des Converge-Gitarristen, durch die über die hier versammelten zehn Songs wahrscheinlich deutlicher denn je die hybridmetallische Erfahrung all der zahlreichen Bands schimmert, die Ballou über die letzten Jahre unter seine Fittiche nahm. Das Ergebnis ist eine eingeständige, jedoch zu jedem zeitpunkt referenzgeschwängerte Abfahrt.

Dass sich der Sound auf ‚Bleeder‚ dicker, etwas aufgeräumter und weniger räudig versifft als noch auf ‚Helium Head‚ von 2014 präsentiert, liegt dann aber auch zu einem gewissen Teil an der Hinzunahme von Cageao, der seinen malmenden Bass zumeist hinter den schlicht atemberaubend virtuosen Husarenritten seiner szeneikonischen Kollegen spielt, damit aber auch für stärkere Konturen in einem Gesamtbild sorgt, das die Bandmaxime aus schnörkellos in die Fresse gehenden Sprengfallen auf seine letzten Meter zudem auf eine breitere Basis hievt. Im abschließenden Titelsong geben sich Mutoid Man beinahe epische 6 Minuten einer atmosphärisch dicht aufgebauten Schächtung in der Tradition von ‚Grim Heart/ Black Rose‚ hin, für die Brodsky alleine stimmlich mit dramatisch vibrierendem Organ zu Höchstleistungen aufläuft, während seine beiden Kumpanen ‚Bleeder‚ noch einmal auf eine ganz neue Stufe heben. Und bevor man sich versieht, ist der Spuk bereits wieder vorbei.
Eine Verschnaufpause von diesem in die Mangel nehmenden Inferno will man sich danach allerdings trotzdem nicht gönnen. Stattdessen ist da jedes mal aufs Neue ein beinahe unstillbares Verlangen, sich noch einmal in diese halsbrecherische Achterbahnfahrt aus so straight funktionierenden Metal’n’Roll-Eskapaden zu stürzen. Warum? Weil ‚Bleeder‚ – und das ist auch die Grundessenz, das Geheimnis, von Mutoid Man an sich! – schlichtweg unfassbar viel Spaß macht.

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