Nick McCabe – We are are we.

von am 6. November 2021 in Album

Nick McCabe – We are are we.

Das insgeheim beste an Richard Ashcrofts jüngster Acoustic-Beschäftigungstherapie war eigentlich die neuerlich aufgeworfene Frage, was sein alter The Verve-Reibungspol Nick McCabe so treibt. Und siehe da – Anfang 2021 hat er mit We are are we. ein Soloalbum veröffentlicht.

Mit knapp neun Monaten Verspätung auf das ausnahmslos digitale Bandcamp-Release aufmerksam zu werden, scheint eh noch gut in der Zeit zu liegen: Gefühlt erschien das Debütalbum von McCabe, um damit immerhin dem prägenden Gitarristen einer der größten Britrockbands überhaupt, vollkommen abseits jeglicher öffentlicher Wahrnehmung. Aber gut, der Mann aus Haydock, den Produzent Owen Morris einst als „without a shadow of a doubt the most gifted musician I’ve ever worked with“ bezeichnete, ist zum einen seit Jahren aus dem Rampenlicht verschwunden und taucht höchstens zu etwaigen Jubiläen der Verve-Platten in der Presse auf; zum anderen ist We are are we. wohl auch kein breitenwirksam vermarktbares Werk geworden.

Stattdessen lebt McCabe hier seine Liebe zum Gitarrenspiel abseits jeglicher Riffs in einem vornehmlich auf Texturen ausgebreiteten, flächigen Ambientwerk aus, das sich verträumt und melancholisch, spirituell und sphärisch, in hypnotische Atmosphären erstreckt. Wiederkehrende Melodie und Themen sind eine Option und der 50 jährige nutzt sie dieser Umgebung mit freien Strukturen und offenen Formen ohne jeden Zwang, alles fließt. Dennoch tauchen gerade eingangs Motive auf, die an der Hand und in den Arm nehmen, unwirklich hängen bleiben, fesselnd und imaginativ, den niemals ziellos mäanderden Verlauf mit Ziel und Absicht begleitend.

Dass We are are we. (als Album mit Punkt am Ende, als Track ohne) dabei ein durchgehendes, 41 minütiges Stück geworden ist, bedeutet nicht, dass McCabe nicht einzelne Suiten installieren würde.
Eingangs Richtung Nels Cline tendierend orientiert sich der Klangmaler nach 10 Minuten zu Explosions in the Sky als Dystopie, schraffiert den Kosmos gar kurz malträtierend, ohne jede Gefälligkeit attackierend, bevor ein jazziges Frickeln die Zeitlupe ansetzt. Ab Minute 22 lehnt sich McCabe in ein vages Softrock-Ambiente, liebäugelt mit aus den 80ern implementiert scheinenden synthieesken Effekten, balanciert New Age- und Rock-Tendenzen subversiv aus, bevor das Ende der Reise zu einer deliranten Perpektive aus Twin Peaks auf den Postrock zwischen Grails und Godspeed führt, voller sozilierender Reverb- und Delay-Fantasien. Nick McCabe hat hier eine mutierende Welt geschaffen, die vielleicht nicht restlos originär ausgefallen ist, die dabei aber eine gewisse Zeitlosigkeit beschwört. Weswegen es wohl schon okay ist, wenn man We are are we. erst einmal übersehen hat.

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