Ought – Room Insight the World

von am 26. Februar 2018 in Album

Ought – Room Insight the World

Mittlerweile aufgeräumter und ohne Krach: Ought lassen auf ihrem dritten Album zumindest die zweite Silbe des Postpunk endgültig hinter sich und konzentrieren sich mit Room Inside the World auf einnehmend-gestelzten Artrock von überkandideltem Gestus.

Dass die Kanadier mittlerweile deutlich flächiger als noch auf More than Any Other Day (2014) und dem bereits die Indierock-Exzesse bereits herausnehmenden Sun Coming Down (2015) agieren, liegt auch an der Produktion von Nicolas Vernhes (Deerhunter, Animal Collective). Allerdings hat das Quartett aus Montreal die Ecken und Kanten in ihrem Songwriting ganz generell durch sattere (keineswegsaber unbedingt konventionellere) Strukturen, gedecktere Arrangements und hallschwangere Synthieflächen zu einem Gutteil bereitwillig abgerundet. Ought zirkeln nicht mehr so überschwänglich scheppernd, schwelgen öfter verwaschen und verträumt – ohne harte Konturen hat das abstrakte Room Inside the World insofern ein ansatzlos adäquates Artwork gefunden.
Die dynamischen Ausbrüche sind einer reiferen Balance gewichen, der Einflussbereich hat sich von den 90ern etwas weiter in die 80er verschoben, von Wire oder Sonic Youth hin zu den Talking Heads – sollen doch Protomartyr den attackierenden Part des kunstvollen Postpunk übernehmen.
Symptomatisch für diese Veränderung im Sound verzichtet Frontmann Tim Darcy mittlerweile vollends auf Schreie und andere manische Schübe, sondern übersetzt die herrlich variabel-gesittete Performance seines Soloalbums Saturday Night mit exaltiert gestikulierender Theatralik in den Kontext von Ought. Der (limitierende) Fokus auf die vordergründig prätentiöse vortragende Gesangsstil ist stimmig, kentert auch nicht zur Selbstpersiflage, man kann ihn freilich auf emotionaler Ebene aber auch schade finden.

Was hingegen unverändert geblieben ist: Immer noch sind Veröffentlichungen von Ought weniger für sich stehend zu sehen, als vielmehr im Kontext der Entwicklungsgeschichte und Discografie der Band zu beurteilen. Immer noch spannt das Quartett seine Alben zudem zwischen ein, zwei herausragende Songs und darum herum ausgelegtes gutes Quasi-Füllmaterial.
Auf Room Inside the World ragen insbesondere der mittig platzierte Höhepunkt um die Singles These 3 Things und Desire hervor. Erster ist ein wunderbar modulierter Liebesbrief an den Synthpop mit Drummachinebeat, den Bryan Ferry gemeinsam mit The Cure und Merchandise an The The adressiert, ohne dafür auf subtile Streicher und Bläser zu vergessen, während zweiter als schöngeistige Entspannung von Darcy mit affektiert aus dem Bauch kommenden Vocals bis hin zu einem souligen Backingchor (Choir! Choir! Choir!) dirigiert wird.
Dem gegenüber stehen allerdings auch zwei relative Leerläufe: Das kontemplativ mäandernde Brief Shield dümpelt unheimlich angenehm, aber ziellos, bevor Pieces Wasted als unentschlossenes Patchwork aus Ideen und Songskizzen die Ungezwungenheit von Room Inside The World ambivalent vorführt und verdeutlicht, dass sich Ought diesmal selbst in den vermeintlich nach vorne gehenden Momenten gegen allzu energischen Druck verwehren und lieber schaumgebremst aufs Gas drücken.

Schon Into the Sea artikuliert im Grunde keine hungrige Dringlichkeit mehr in den eigentlich treibenden Drums, keine Zackigkeit in den verzahnten Gitarren, sondern wartet hinter seinem Piano-Eingang lieber ab, anstatt zu lauern. Doch selbst an sich gemütliche Nummern wie Disgraced in America kommen dafür plötzlich mit einem brillanten Kniff um die Ecke – hier kippen Ought eine spritzige Free Jazz-Exkursion in ein Meer aus Melancholie, in Disaffectation begleiten die hibbeligen Drums eine melodramatisch schwülstige Ballade (samt verschnörkelt androgyn schwadronierenden Darcy) lange genug, um nach und nach zu mehr Drive zu verführen.
Für den Rahmen von Take Everything halluziniert die Banddagegen ein lose verankertes Geflecht, über das Darcy eine Melodielinie legt, die nach zeitlosem, sehnsüchtigen Klassiker klingt – nur um im Kern die Spannungen latent anzuziehen und die stimmliche Annäherung an Billy Corgan zu wagen. Das ätherische Alice täuscht dagegen die Fortsetzung zu Becks Interpretation von Everybody’s Gotta Learn Sometimes an, nur um hinten raus als minimalistisch gehaltener Tagtraum zwischen Brian Eno und Stereolab zu transzendieren und das heimlich breite Instrumentarium der Platte (Saxophon! Klarinette! Vibraphone! etc.!) mit ungekannt dezenter Nonchalance verdeckt. Eine der eigenwilligsten Kombos da draußen mag ihre eklektische Evolution Puristen und Altfans damit durchaus vor Probleme stellen, sie weiß die Freiheiten neuer Perspektiven aber durchaus für ihr zweitbestes Album bisher zu nutzen: „Keep the profane in the light/ I have only got this life!

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