Owen – The Avalanche

von am 20. Juni 2020 in Album

Owen – The Avalanche

In Relation zum bisherigen Veröffentlichungsrhythmus hat es diesmal vier lange Jahre gedauert, bis Mike Kinsella wieder Zeit für Owen findet. Dafür legt The Avalanche sein Singer Songwriter/Indie Folk-Trostpflaster in bittersüß-sentimentalen Melancholie aber auch umso vielseitiger auf.

Dass Kinsella die Dinge diesmal ein wenig entschleunigt hat, liegt freilich auch an der starken Rückkehr von American Football im vergangenen Jahr, deren Nachwirkungen nun so noch auf dem offiziell zehnten Owen-Album noch zu spüren sind: Jenseits der aufwühlenden Frühphase des Projektes agiert Kinsella mit innerer Ruhe nunmehr endgültig von jeglichem Druck befreit, verarbeitet eine zerbrochene Ehe und bietet trotzdem vor allem Trost, reichert die so vertraute Basis seiner traurigen Musik stilistisch aber entlang eines breiteren Spektrums an, wenn (das so konträr zu seinem Charakter betitelte) The Avalanche seine Basis rund um die in den Texturen immer wieder auftauchende Now, Now-Sängerin KC Dalager gar wie eine Gruppenarbeit unweit der nominellen Stammband des 43 Jährigen anmutet.

Man fühlt sich dennoch/deswegen sofort auf intimste Weise heimelig, sobald A New Muse kaum mehr braucht als eine Akustikgitarre und diese Stimme, um eine wärmende Atmosphäre zu erzeugen. Kinsella lädt zudem subtil polternde Drums ein, singt dazu herzerweichende Zeilen wie „Let me be anything but bored or in love/ I’ve been comfortably cursed/ Almost blessed to sleep/ …/ Let me be anything but loved or in love“ mit einer seiner zutiefst typischen Melodien, die das Herz mit sanfter Wohligkeit aufgehen lassen, während sich der Amerikaner in elegische Harmonien zurückgelehnt.
The Avalanche eröffnet insofern mit einem von Owens bisher schönsten Songs. Dass das restliche Album da nicht zu jedem Zeitpunkt mithalten kann, weil Kinsella und seine Freunde stets ein klein wenig Gefahr laufen, sich zu gefällig plätschernd im Wohlklang zu verlieren, fällt kaum negativ auf. Gemütlich ist diese Schulter zum Anlehnen ja nur im besten Sinne, zudem bleibt der natürliche Fluß abwechslungsreich.

Dead for Days agiert fragil gezupft selbst mit orchestralen Arrangements schüchtern, bettet seine morbiden Szenen in eine bezaubernd-erhabene Verträumtheit, fiept und klackert am Ende gar wie Material von Bon Iver oder Sufjan Stevens. On With the Show nimmt einen locker-beschwingten Rhythmus als behutsam treibende Grundlage und The Contours schippert tiefenentspannt zum romantischen Americana.
I Should’ve Known klampft gefühlvoll und tupft behutsame Pianoanschläge in sein Klangbild, lässt die Streicher wie verspielte Liebenswürdigkeiten auftauchen und das perlende Mom and Dead deutet dramatische Schattierung sowie den Hang zum Country an. Headphoned liebäugelt mit Indietronic-Tendenzen in der ätherischen Lounge und Wanting and Willing bringt vielleicht nichts neues an den Tisch, ist aber so unendlich liebenswert, bevor I Go, Ego sphärisch aufgelöst so zwanglos, nicht inkonsequent!, ein letztes Aufblühen der fragilen Melancholie ermöglicht um sich ohne lawinenartiges Gedöhns zurückzuziehen. Es sind eben keine lauten, großen Gesten, die diese zeitlose, aber wohl trotzdem zum idealen Zeitpunkt erscheinende Platte benötigt.

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