Pharmakon – Devour

von am 1. September 2019 in Album

Pharmakon – Devour

Zwei Jahre nach ihrem bisher wohl zugänglichsten Ungemach Contact steht Margaret Chardiet nicht mit dem Rücken zur Wand, hat aber unfairerweise aktuell doch die Übermacht von CALIGULA im Nacken. Vielleicht versucht Devour ja deswegen ein wenig zwischen den Stühlen sitzend garstigere Krallen zu zeigen.

Chardiet ist sich wohl bewusst, dass die Schockwirkung ihrer so konfrontalen Anti-Musik sich mittlerweile doch auch endgültig einer gewissen Erwartungshaltung und Zuverlässigkeit gegenüber sieht. Ob es sie hingegen tangiert, dass mittlerweile anderswo im Minenfeld aus noisigem Death Industrial und existentialistischen Power Electronics für innovativere Expansionen gesorgt wird bleibt dagegen offen – als Pharmakon arbeitet sie weiterhin akribisch an nuancenfixierten Schattierungen ihrer patentierten Formel, deren Alleinstellungsmerkmale im hauseigenen Schaffen schwer zu definieren sein können.
Wie jedes ihrer Alben ist Devour dabei von vornherein als Konzeptwerk ausgelegt, „using imagery and language of self-cannibalism as allegory for the self-destructive nature of humans. Each of the five songs echoes a stage of grief associated with this cyclical chamber of self-destruction and the chaos surrounding us that leads us to devour ourselves in an attempt to balance the agony.“ Dass die Platte von Ben Greenberg (Uniform) als erstes Pharmakon-Album überhaupt live im Studio aufgenommen wurde markiert dazu eine bisher ungekannte Herangehensweise im Arbeitsprozess für Chardiet.

Aus dieser Ausgangslage versucht Devour die Existenz des Individuums instinktiv mit übermannender Größe zu relativieren, indem es die beiden Seiten der Vinyl-Platte im Grunde zu zwei durchgängigen Suiten verbindet, die sich von Contact her eine gewisse Griffigkeit hinter der abstrakten Hässlichkeit bewahrt haben, ihren Exorzismus darüber hinaus aber doch auch wieder auf physischer Ebene ungemütlicher malträtieren wollen.
Homeostasis hämmert monoton mit seinem unter Strom stehenden, dreitönig geloopten Beats, Pharmakons Gesang ist gewohnt verzerrt, als wäre er modrig nass: Gleich der Opener ruft in Summe ästhetisch und stilistisch jedoch vor allem bekannte Trademarks ab. Doch Chardiet beherrscht ihr Metier, will mehr. Für das Highlight Spit it Out dringt eine Drone-Gitarre in den wellenförmig modulierten Frequenzbereich einer brummenden Amplitude ein, die beiden Elemente vermischen sich zu einer unheilschwanger brütenden Kriegssirene irgendwo im Unterbewusstsein, auf deren garstigen Kanzel Chardiet mit heiserem Röcheln keift. Irgendwann beginnt das Wummern schneller zu werden, die ziselierte Gitarre löst sich dissonant aus dessen Sattel in den funkelnden Zahnarztbohter-Feedback, die Fäden lösen sich wieder aus der Geschlossenheit.
Self-Regulating System arbeitet jedoch fast maschinell rhythmisch weiter, alles zischt und faucht und rumort, formt einen fast hypnotischen Veitstanz, in dessen Mitte Pharmakon brüllt, man in den hoch-und-nieder gehenden Spannungen der Gitarren fast schon eine kauzig-simple Melodiefolge erkennt, die sich, kaum dass man sich tatsächlich von ihr in wogende Trance versetzt wähnt, in den blanken Terror kippt, den Horror-Schaltkreis-Trombone-Blues attackiert und in das sich gegenseitig überlappende Chaos reißt, das schleichende Unbehagen in ein brutal wirren Strudel schickt – dessen Ausweg ein hämmernder Beat und das Ende einer sich konstant steigernden, doch immer individueller und intensiver mutierenden Plattenhälfte ist.

Deprivation beginnt nach diesem Triumph quasi von Null, zieht allerdings mit anderen Mitteln die Stellschrauben von Self-Regulating System vor der Eskalation fort, schnauft und brutzelt und fiept wie ein riesiges Getriebe, das den Noise und die Atonalität aber noch an der Leine halten kann. Die spitzen Schreie von Chardiet gehen mit jeder Sekunde immer weiter im geduldig brodelnden Morast unter, lösen sich auf, werden demontiert und von den nach und nach alleine dastehenden Rückkoppelungen und Soundschleifen verschluckt.
Sie hinterlassen selbst in der relativen Schwachstelle des Albums ein beklemmendes Gefühl der Einsamkeit, dessen bis zur Unkenntlichkeit wehklagende Rufe bis über die Grenzen zu Pristine Panic/Cheek by Jowl nachhallen. Chardiet nimmt das auf-und-abebbende Chaos hier beinahe beruhigt rezitierend in den Arm, wiegt all die Hässlichkeit, findet zu einem in Zeitlupe entschleunigten Beat, der stur seine Arbeit verrichtet, während sich die Atmosphäre darüber in immer abgründigere Tiefen verliert, kurze seine Bösartigkeit auswalzt, jedoch und in einem versöhnlichen, nicht restlos entschlossenen Alptraum ausklingt.

So rund der übergreifende Spannungsbogen von Devour damit auch zu Ende gedacht wird, so sehr bleibt (nach einer weniger überragenden zweiten Plattenhälfte) doch auch der Eindruck zurück, dass Pharmakon ihre Katharsis bisher stets noch auslaugender in die Extreme getrieben hat, die Extase des Leidens noch erfüllender aufging. Gerade bei der die einzelnen Tracks miteinander verbindenden Form entlässt Devour zudem ohne jenen spannungslösenden Climax, auf den vermeintlich den ganzen Weg zu neuen Ufern hingearbeitet wurde, ein kleines bisschen unterwältigend schlichtweg. Womöglich aber kommt aber einfach nur der Gewöhnungseffekt mittlerweile unvorteilhaft zum Tragen?
Denn abgesehen davon, dass man sich im Umkehrschluss praktisch sofort in der hässlichen Atmosphäre der ungemütlich befriedigenden, aber nicht überwältigenden Platte heimelig fühlt, macht Devour grundlegend wenig falsch, mit mehr Konsequenz hinter seinen besten Ansätzen in der negativen Wohlfühlzone wären eventuell jedoch sogar neue Limits für Chardiet möglich gewesen. Manchmal scheint das vierte Studioalbum von Chardiet ihren Signature Sound eben nicht nur als Erwartungshaltung und Zuverlässigkeit, sondenr auch zu sehr als einengende Verpflichtung zu begreifen, der die Perspektiven gerade in der zweiten Hälfte zu wenig radikal an Konventionen fesselt. So obskur dies im Pharmakon-Universum insofern also auch anmuten mag: Hat man es im Fall von Devour etwa mit einem Übergangswerk zu tun?

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