RLYR – Actual Existence

von am 22. Mai 2018 in Album

RLYR – Actual Existence

Anstatt sich abermals vom Sog ihrer Musik treiben zu lassen, nimmt das Allstar-Trio RLYR das Zepter diesmal bewusster in die Hand und lenkt seinen Instrumental-Postrock mit Actual Existence in fokussiertere Bahnen – strauchelt dadurch jedoch einmal mehr nicht aufgrund der Erwartungshaltung.

Eine gewisse Fallhöhe ist natürlich von sich aus gegeben, wenn sich Kaliber wie Gitarrist Trevor De Brauw (Pelican), Locrian-Drummer Steven Hess und der ehemalige Russian Circles / aktuelle Bloodiest-Bassist Colin DeKuiper zusammentun – doch hat Actual Existence eher an der dezenten Neuausrichtung im grundlegenden Charakter der Band zu knabbern, als am potentiellen Namedropping.
Nachdem RLYR im Vergleich zum feinen Vorgänger Delayer beschlossen haben, die strukturellen Zügel diesmal komplexer rockend zu gestalten und gleichzeitig auch enger zu ziehen, das autarke Songgebilde dabei vor das Gesamtwerk zu stellen, zeigt sich diesmal schließlich eine neue Achillesferse: RLYR funktionieren tatsächlich besser auf intuitiver Ebene, denn als kalkulierend zirkelnde Kopfmenschen.
Actual Existence krankt insofern keineswegs daran, wer hinter der Musik steckt, als vielmehr an der e Tatsache, dass es nunmehr infektiöser ist, wie die Beteiligten spielen, als was. Soll heißen: Anhand der Performance des Trios ist ansatzlos zu hören, welchen ungezwungenen Spaß RLYR an ihrem proggig-übermütigen Instrumentalrock zwischen den Referenzpunkten And So I Watch You From Afar, Battles und Lite weiterhin haben – über das zugrunde liegende Songwriting an sich will sich dies aber nur im stark eingeschränkten Maße auf den Hörer übertragend transportieren. RLYR sorgen gerade durch die kompakter gedachten Formen für mäandernde Längen – haben mit dem Der-Weg-ist-das-Ziel-Ansatz von Delayer eher zum Punkt gefunden.

Am deutlichsten lässt sich dies gleich anhand des Openers und Titelsongs feststellen. Der brandet angriffslustig auf, stapft dann dahin, variiert seine dominante Gitarre aber von griffig-kantig riffend mühelos zu hyperventilierend galoppierenden Pickings und schimmernd bratzenden Flächen in einer fantastischen Vielseitigkeit permanent, während die Rhythmussektion um das tolle (aber seltsam abgedämpft produzierte) Schlagzeug dazu auch mal mit rasenden Blastbeats bollert, ohne die generell hoffnungsvolle Stimmung tatsächlich aggressiv zu untermalen.
RLYR geben sich dabei wendig, drücken mal aufs Gaspedal und stacksen dann wieder Math-lastig, träumen später jazzig schlingernd und haben grundsätzlich alle paar Meter pointierte Wendungen auf Lager. Dennoch kommt die getriebene Ruhelosigkeit über weite Strecken eher als zerrissenes Schaulaufen und arg konstruierte Spielwiese daher, in der Kontrolle alles ist: RLYR haben ihre Instinkte domestiziert und unterwerfen sich enger gesteckten Motiven, das Reißbrett steht vor dem Jam. Stets folgt die Band der nach Auslauf suchenden Gitarre, hat dabei aber eben dennoch etwas zu unverbindliches und nebensächliches an sich – es fehlt das mitreißende Momentum, um vom Zaungast in den Wirbelsturm gesogen zu werden.

Und dennoch: Hier haben immer noch drei Virtuosen unverbindlichen Spaß, ohne dem Diktat ihrer Brotjobs folgen zu müssen. Eine Freude an der Sache also, die im weiteren Verlauf auch zu mehr als einem reinem Selbstzweck wächst.
Schon das nach Schönheit strebende L.Layer entwickelt sich deutlich anmutiger, weil sich Ideen hier auch einmal ausführlicher entwickeln dürfen, Momente über die fragmentarischen Einzelszenen hinauswachsen können und die Dynamik so wieder ganzheitlicher, organischer und stimmiger zündet. Dass die Band dabei die unbedingt eigene Handschrift vermissen lässt, verkommt beinahe zur Nebensache. Zumal Actual Existence das Niveau in weiterer Folge weitestgehend hält und abseits einiger leerer Meter sogar noch steigert. Artificial Horizons brütet grimmig-geduldig seine internen Spannungen aus, bevor Vacancy den flink bollernder Optimisten gibt, der sich etwas langatmig und hüftsteif über das warmen Ambiente zuversichtlich in die Kakophonie windet.
Dass am Ende einer relativ kompakte Gesamtspielzeit von 40 Minuten diesmal keine Epiphanie in Form eines 23 minütigen ambienten Brocken wartet, der das abenteuerlustige, aber wenig experimentelle, zu oft nach oft durchdeklinierten Genre-Standards akzentuierende Wesen einer immer besser aufeinander eingespielten Kombo erlöst, ist dann doch so eine Sache mit der Erwartungshaltung. So oder so: Mag der Rausch diesmal auch weniger einnehmend sein – Szene-Anhänger kommen mit RLYR weiterhin auf ihre Kosten.

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